Kampfjet-Absturz: Verwechselte der Fluglotse die zwei Pisten?

Aktualisiert

Kampfjet-AbsturzVerwechselte der Fluglotse die zwei Pisten?

Die Ursache für den Absturz der F/A-18 im Sustengebiet ist angeblich ein Fehler bei der Flugsicherung. Ein Insider hält dies für möglich.

von
T. Bircher
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Ein Fehler bei der Flugsicherung in Meiringen soll zum F/A-18-Absturz geführt haben.

Ein Fehler bei der Flugsicherung in Meiringen soll zum F/A-18-Absturz geführt haben.

Skyguide
An diesem Berggrat im Sustengebiet zerschellte der Kampfjet.

An diesem Berggrat im Sustengebiet zerschellte der Kampfjet.

kein Anbieter/Fritz Lehmann
Die Skyguide hat dem Piloten eine Flughöhe von 3050 Metern angegeben – nötig wären aber 4360 Meter gewesen.

Die Skyguide hat dem Piloten eine Flughöhe von 3050 Metern angegeben – nötig wären aber 4360 Meter gewesen.

kein Anbieter/Fritz Lehmann

Wieso stürzte F/A-18-Pilot David G.* (27) am Montag im Sustengebiet ab? Derzeit wird gemutmasst, dass die Skyguide in Meiringen ihm eine falsche Höhenangabe übermittelt hatte. Ein Insider, der anonym bleiben will, erklärt die genauen Abläufe.

Worum ging es bei dem Flug am Montag, bei dem der F/A-18-Pilot tödlich verunglückte?

Dabei handelte es sich um einen Ausbildungsflug eines Jungpiloten, der auf den F/A-18 umgeschult wurde. Der Pilot hatte bereits einige Flüge im Zweisitzer absolviert, der Unfallflug war aber nicht sein erster Flug in einem Einsitzer. Zwei F/A-18-Hornets sollten den Luftkampf gegen einen F-5-Tiger trainieren. Dabei startete der zweite Flieger – jener, der schliesslich verunglückte – 15 Sekunden nach dem ersten. Das ist ein absolutes Standardverfahren.

An welchen Instrumenten konnte sich G. orientieren?

Der Pilot startet in solchen Fällen grundsätzlich selbst nach Sichtflug. Sobald er in der Luft ist, schaltet er sein Radar an und folgt darüber dem vorderen Flieger, dem Patrouillenführer. Da schlechtes Wetter herrschte, musste er sich voll auf seine Instrumente verlassen. Er hatte keine Sicht nach draussen. Beim Abflug sind noch die Lotsen von Skyguide in Meiringen für den Flieger verantwortlich. Sobald er in der Luft ist, übernimmt die Einsatzzentrale der Luftverteidigung in Dübendorf. Mit dieser hat der Pilot auch noch Funkverbindung aufgenommen. Danach ist der Kontakt abgebrochen.

Laut Recherchen von «10 vor 10» wurde dem Piloten eine falsche Höhenangabe angegeben. Ist das möglich?

Dafür muss ich etwas ausholen: In Meiringen gibt es zwei Pisten. Die eine geht ungefähr nach Westen, hier gilt die Standardanweisung: bis auf 3000 Meter steigen und dann in den Horizontalflug wechseln. Auf der Piste nach Osten, die am Montag benutzt wurde und die Richtung Sustenhorn und Grimselpass geht, muss der Pilot auf 4500 Meter steigen, bevor er in den Horizontalflug ändert.

Was genau hat das mit der falschen Höhenangabe zu tun?

Nun, es ist möglich, dass es hier zu einer Verwechslung gekommen ist. Der Pilot, der verunglückte, startete auf der Ostpiste. Die Unfallstelle liegt ziemlich exakt in der verlängerten Pistenachse auf 3000 Metern. Möglicherweise hat ihm die Flugsicherung in Meiringen eine falsche Freigabe erteilt und der Pilot hat diese – ohne sie zu hinterfragen – während des Flugs umgesetzt. Oder der Pilot selbst hat gemeint, er sei auf der Westpiste und wechselte bei 3000 Metern in den Horizontalflug.

Hätten ihn seine Instrumente nicht warnen sollen, dass er direkt auf einen Berg zufliegt?

In der F/A-18 gibt es ein System, das die Position des Flugzeuges respektive den Bewegungsvektor mit einem digitalen Geländemodell vergleicht und den Piloten warnt, wenn er gegen ein Hindernis fliegt. Der Pilot hätte somit früh genug gewarnt werden müssen. Ob dieses System nicht funktionierte oder ob der Pilot nach einer allfälligen Warnung den Flugrichtungsvektor nicht geändert hat, wissen wir nicht.

Welche Rolle spielte das schlechte Wetter bei dem Unglück?

Es war kaum die Ursache, aber es kann dazu beigetragen haben. Wäre der Himmel an diesem Tag blau gewesen, wäre der Unfall wohl nicht passiert. Der Pilot hätte den Berg mit eigenen Augen rechtzeitig gesehen und hätte reagieren können. Die F/A-18 war aber mit rund 800 km/h unterwegs – wie schnell das ist, kann man sich als Laie gar nicht vorstellen. Zudem war der Pilot verhältnismässig unerfahren, was die Arbeitslast erhöht, und eventuell war er mit dem Kopf bereits bei der Mission oder noch auf etwas anderes konzentriert.

Könnte nicht auch der Höhenmesser im Cockpit defekt gewesen sein?

Das ist eher unwahrscheinlich. Im F/A-18-Cockpit sind zwei Höhenmesser vorhanden. Wenn der eine etwas anderes anzeigt als der andere, dann warnt das System. Der Pilot hätte es gemerkt, wenn da etwas nicht funktioniert hätte.

Nochmals, wer hat den Fehler gemacht, wenn es denn tatsächlich ein Mensch gewesen ist?

Das ist natürlich pure Spekulation. Sicher war es eine Verkettung mehrere Fehler, die zu diesem Unglück geführt haben. Möglich ist, dass der erste Fehler noch am Boden in Meiringen passierte. Es ist theoretisch möglich, dass die Flugsicherung dem Piloten eine falsche Höhenfreigabe zugeteilt hat, statt 4500 Metern nur 3000 Meter. Der nächste Fehler in der Fehlerkette wäre gewesen, dass der Pilot diese Freigabe übernommen hat, ohne sie zu hinterfragen. Er ist zu früh in die Horizontale gegangen. Dann hat sicher auch das Wetter eine Rolle gespielt. Weiter kann es sein, dass er wenig Erfahrung ab Meiringen hatte und zuvor Trainingsflüge ab Payerne durchgeführt hatte und noch nicht an die hochalpine Umgebung von Meiringen gewohnt war.

*Name der Redaktion bekannt.

Falsche Höhenangabe?

Aviatik-Experte Rolf Müller sagt: «Sollte Skyguide dem Piloten eine falsche Höhenangabe gegeben haben, ist dies natürlich nach einem erfolgten Start in Meiringen fatal. Der Pilot vertraut 100 Prozent dem Fluglotsen. In der Hektik ist es natürlich nicht ausgeschlossen, dass der Pilot dies nicht sofort realisiert. Einem sehr erfahrenen Piloten, sagen wir mit 2000 Flugstunden, wäre dies möglicherweise mit Blick auf die Instrumente, aufgefallen, aber in den Sekunden im Steigflug verbleibt wenig Zeit, den Fehler zu korrigieren.»

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