Aktualisiert 11.03.2015 15:14

Kinderpsychologe«Verwöhnte Teenies kriegen keine Lehrstelle»

Kritikunfähig, zart besaitet, zu wenig ehrgeizig: Viele Junge müssen ihre Lehre abbrechen, weil sie zu verwöhnt sind, sagt Psychologe Henri Guttmann.

von
D. Pomper
Kinderpsychologe Henri Guttmann: «Eltern unternehmen alles, um ihr Kind vor Frustrationen zu verschonen. Aber damit vermitteln sie ihren Kindern ein falsches Weltbild. Im Leben gibt es nämlich immer Situationen, in denen man enttäuscht wird.»

Kinderpsychologe Henri Guttmann: «Eltern unternehmen alles, um ihr Kind vor Frustrationen zu verschonen. Aber damit vermitteln sie ihren Kindern ein falsches Weltbild. Im Leben gibt es nämlich immer Situationen, in denen man enttäuscht wird.»

Herr Guttmann, die neuste World Vision Kampagne macht auf dekadente Wünsche von Kindern in der Schweiz aufmerksam. Welche Erfahrungen mit verwöhnten Kindern und Jugendlichen machen Sie?

Eltern kaufen ihren Kindern Dinge, um sie ruhigzustellen. Viele Kinder aber werden nicht nur materiell verwöhnt, sondern auch sozial. Das heisst, die Eltern unternehmen alles, um ihr Kind vor Frustrationen zu verschonen. Aber damit vermitteln sie ihren Kindern ein falsches Weltbild. Im Leben gibt es nämlich immer Situationen, in denen man enttäuscht wird.

Können Sie ein konkretes Beispiel schildern?

Eine Mutter geht mit ihrem Kind zum Arzt, weil es hochansteckende Flugwarzen hat, die der Arzt rausschneiden muss. Die Mutter fragt ihr «Schätzeli», wie viele Warzen der Doktor denn nun rausschneiden dürfe. Der Arzt entgegnet, dass es da gar nichts zu diskutieren gebe, die müssten alle weg. Die Mutter entgegnet, dass ihr Kind das am besten wisse. Das Gleiche passiert auch, wenn das Kind geimpft werden muss. Eltern überlassen ihren Kindern Entscheidungen, die sie selber treffen müssten. Das ist auch bequemer. Oder da gibt es den Fall eines Vaters, der mit seinem Sohn zum Zahnarzt muss. Dieser fordert den Kleinen auf, seinen Mund zu öffnen. Der Vater interveniert, der Zahnarzt habe seinem Sohn nichts zu befehlen. Da gab es noch diesen Buben, der am Morgen verschlafen hat und den Bus verpasst hat. Anstatt den Fehler bei sich zu suchen, beschimpfte er den Busfahrer als Idioten.

Zu was für Menschen wachsen Kinder heran, die von ihren Eltern zu sehr verwöhnt werden?

Sie ziehen Kinder heran, die nicht lebenstüchtig sind. Ich bin überzeugt: Verwöhnung ist eine Form von Kindsmisshandlung. Verlassen die Kinder ihr Zuhause, merken sie, dass sich die Welt nicht nur um sie dreht. Es wird ihnen nicht mehr alles auf dem Silbertablett serviert. Im Gegenteil. Das Kind empfindet die Welt als feindselig.

Was bedeutet das für den Eintritt ins Berufsleben?

Jugendliche sind dem Arbeitsalltag nicht mehr gewachsen. Die Lehrmeister merken: Viele kann man im Arbeitsmarkt schlicht und einfach nicht mehr gebrauchen! Jede an ihnen geäusserte Kritik ist eine Art Majestätsbeleidigung.

Haben Sie ein Beispiel?

Da war ein Junge, der hat während der Kochlehre dem Fisch den Kopf abgehauen anstatt ihn zu filetieren. Als ihn sein Lehrmeister angewiesen hat, vorwärtszumachen, erwiderte er: «Sie haben mir nichts zu befehlen! Ich weiss, wie das geht.» Ich erinnere mich auch an einen Lehrling, der im Spital gearbeitet hat. Als er die Nachttische hätte putzen sollen, verweigerte er die Arbeit. Er sagte, er selber habe ja nichts dreckig gemacht. Er hat die Lehre schliesslich abgebrochen. Viele Junge können sich nicht mehr unterordnen. Andere Jugendliche sind vom Dauergamen so durch, dass sie sich nicht mehr am Arbeitsplatz eingliedern können. Dann gibt es noch die Kiffer. Die kann man auch kaum gebrauchen. Für sie ist alles ein Riesenstress, den sie kaum aushalten können.

Was passiert mit diesen Jugendlichen?

Viele hängen noch ein 10. Schuljahr an. Jugendliche, die im öffentlichen Arbeitsmarkt keine Chance haben, müssen über die IV beruflich wiedereingegliedert werden. Dabei sind das eigentlich junge Menschen, die physisch und psychisch völlig gesund sind. Auch ich betreue solche Leute. Sehr gute Erfahrungen mache ich aber damit, dass gefährdete Jugendliche schon während der 2. Sek einen Tag in der Woche arbeiten gehen können. Diese langsame Annäherung an die Realität zahlt sich aus.

Wie können Eltern verhindern, dass ihre Kinder zu solchen Problemfällen werden?

Sie müssen dringend lernen, ihre Dienstleistungen abzubauen. Einer Mutter von 14-jährigen Zwillingen habe ich geraten, ihre Kinder nicht länger zu wecken, da sie nun alt genug seien. Meiner Tochter habe ich mit 14 gesagt, dass sie ihre Wäsche nun selber waschen könne. Eltern können den Fahrdienst für ihre Kinder einstellen und sie dazu auffordern, mit dem Velo ins Fussballtraining zu gehen.

Also dem Kind mehr Vertrauen schenken …

Ja. Hier in der Schweiz sind die Familien viel zu kinderfokussiert. Wichtige Entscheidungen werden von den Kindern getroffen, nicht von den Eltern. Sogar welches Auto gekauft werden soll. Beim Elternpaar dreht sich alles nur ums Kind. Dabei sollte die Paar- vor der Elternbeziehung stehen. Jedes Elternpaar sollte einmal pro Jahr für eine Woche allein in die Ferien. Dann schätzen die Kinder auch wieder Mamis Kochkünste anstatt dass sie nur Forderungen stellen. Kinder haben hierzulande einfach zu viel Macht. Dabei sollten Eltern ihren Kindern klarmachen: «Ich bin gross und du bist klein.» Die Eltern entscheiden und müssen endlich ihre Verantwortung übernehmen. Und sie müssen lernen, nein zu sagen. Aber sie getrauen sich einfach nicht.

Das klingt ja eigentlich nicht so schwierig …

Im Alltag gibt es drei verschiedene Nein: Das spontane Nein, das verhandelbare Nein und das kategorische Nein. Das letzte ist nicht verhandelbar. Kinder aber gehen davon aus, dass jedes Nein verhandelbar ist. Hier muss man eine klare Haltung einnehmen. Das Schlimmste ist, wenn aus einem klaren Nein ein Jein und dann ein Ja wird. Dann hat man sich pädagogisch die Hosenbeine abgesägt und seine Glaubwürdigkeit verspielt.

*Henri Guttmann ist Kinder- und Jugendpsychologe sowie Paartherapeut mit Praxis in Winterthur.

Haben auch Sie Erfahrungen mit verwöhnten Kindern oder Jugendlichen oder wurden Sie selber sehr verwöhnt? Melden Sie sich: feedback@20minuten.ch

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