Aktualisiert 11.01.2010 11:32

Lawinen

Verzeigung von Freeridern wirft Fragen auf

Die Walliser Kantonspolizei hat insgesamt sechs Freerider verzeigt, weil sie für Lawinenabgänge auf den Pisten verantwortlich sind. Auch wenn der Fall klar scheint, müssen sich die Richter jetzt mit kniffligen Fragen auseinandersetzen.

von
Olaf Kunz

Gleich sechs Wintersportler wurden durch die Lawinenabgänge auf Pisten in Zermatt und Anzère verschüttet (20 Minuten online berichtete). Die Freerider wurden von den Pistenpatrouilleuren angehalten und später von der Kantonspolizei Wallis verzeigt. «Wenn Wintersportler auf einer Piste durch Lawinen zu Schaden kommen, wird automatisch eine Untersuchung eingeleitet und die Verursacher verzeigt. Es liegt eine Störung des öffentlichen Verkehrs vor», erklärt Renato Kalbermatten, Mediensprecher der Kantonspolizei Wallis, das Vorgehen.

«Verzeigung ist korrekt»

Roman Weissen vom Verband der Seilbahnen Schweiz findet dieses Vorgehen vollkommen korrekt: «Es gibt leider Wintersportler, die sich nicht an die Hinweise und Signalisation der Bergbahnen halten. Und dadurch fahrlässig die Sicherheit der Sportler auf den Pisten gefährden.» Auch ist eine Verzeigung durchaus vorgesehen: «In der ‹Verkehrssicherungspflicht für Schneesportabfahrten› ist ausdrücklich festgeschrieben, dass bei rücksichtslosem Verhalten wie Missachtung von Signalen und Absperrungen sowie bei Befahren von lawinengefährdeten Hängen der Fahrausweis entzogen werden kann. Weiter sind die Patrouilleure sogar berechtigt, bei diesbezüglichem Fehlverhalten die Personalien des Fahrers aufzunehmen und ihn bei der Polizei zu verzeigen», rechtfertigt Weissen die Massnahme.

Äusserst seltener Fall

Freerider sind in vielen Skigebieten mittlerweile ein grosses Kundensegment und sogenannte All-Mountain-Ski, die sich durch ihre breite Bauweise für Tiefschneeabfahrten im Gelände bestens eignen, verkaufen sich sehr gut. Die Auswirkungen des Trends sind für alle Wintersportler sichtbar: An Tagen mit guter Schneelage sind abseits der Piste sehr viele Freerider unterwegs, gut erreichbare Tiefschneehänge innerhalb kürzester Zeit zerfurcht. Dennoch kann sich Kalbermatten nicht daran erinnern, dass in den vergangenen Jahren eine Verzeigung wegen Lawinenverschüttung von Personen auf der Piste erfolgte.

Auf Anfrage von 20 Minuten Online bestätigen auch viele andere Skigebiete in der Schweiz, dass es trotz der Freerider in den letzten Jahren zu keinen Verschütteten auf der Piste kam. Peter Reinle von den Bergbahnen Engelberg-Titlis erklärt, warum das so ist: «Die Bergbahnen treffen ja entsprechende Massnahmen und sichern auch das Gelände im Einzugsgebiet von Pisten vor möglichen Lawinenabgängen. Denn die Gefahr von Lawinen besteht ja auch, wenn kein Freerider abseits unterwegs ist.»

Wo beginnt Abseits?»

Gerade das könnte sich im Fall der im Wallis verzeigten Wintersportler als rechtliches Problem erweisen. In der sogenannten «Verkehrssicherungspflicht für Schneesportabfahrten» ist festgeschrieben, dass das Abseits zwei Meter neben der Piste beginnt. Fakt ist aber auch, dass Pistenchefs auch im weiteren Umfeld markierter Pisten für Lawinensicherheit sorgen. Mit grossem Erfolg, wie die Seltenheit von Lawinenabgängen auf Pisten belegt. Dies hat zur Folge, dass viele Freerider auf die Arbeit von Pistenpatrouilleuren vertrauen, sofern die Pisten noch im sichtbaren Bereich liegen. Eine dementsprechende Verantwortlichkeit lehnen die Bergbahnbetreiber trotzdem ab. «Es gibt immer alpine Gefahren. Grundsätzlich gilt, dass jeder Skifahrer und Snowboarder, der abseits der gesicherten Pisten fährt, dies auf eigene Gefahr und Verantwortung tut», nimmt Titlis-Sprecher Reinle die Pistenchefs in Schutz.

Ins gleiche Horn stösst der Sprecher der Kantonspolizei Wallis: «Die Bergbahnen unternehmen alles, um die Pisten sicher zu machen. Ein absolutes Nullrisiko besteht jedoch nie. Dennoch kommt es sehr selten zu Spontanabgängen von Lawinen, die Einfluss auf markierte Pisten haben. Es sind eigentlich immer Fahrer die Auslöser, die abseits von Pisten unterwegs sind.» Andererseits: Bergbahnbetreiber tolerieren stillschweigend Freerider, die die Pisten verlassen. Aus gutem Grund, denn Tiefschneefans haben nicht unerheblichen Anteil am Umsatz, vor allem in Skigebieten mit entsprechendem Terrain, so wie Engelberg, Verbier oder Andermatt. Ein schwieriger Graubereich, das weiss auch der Bergbahnverband und will deshalb nicht unbedingt auf polizeiliche Massnahmen setzen: «Wir appellieren in erster Linie an die Eigenverantwortlichkeit der Wintersportler.»

Ihre Meinung

Was halten Sie vom Vorgehen der Kantonspolizei im Wallis? Und dürfen sich Bergbahnen im Einzugsbereich von Pisten aus der Verantwortung ziehen? Schreiben Sie Ihren Kommentar im Talkback.

Was kostet die Lawinenrettung?

Bei einem Lawinenniedergang mit Verschütteten zählt jede Minute. Bereits 15 Minuten nach einem Lawinenunglück sinkt die Chance stark, Überlebende zu bergen. Deshalb wird in der Regel unverzüglich eine gross angelegte Suchaktion gestartet. Und die kostet. Allein der Einsatz eines Rettungshelikopters der Rega kostet 87 Franken pro Einsatzminute. Die Helikopterkosten machen denn auch den Löwenanteil aus. Bezahlt werden müssen aber auch die Rettungskräfte, die in den Schneemassen nach Überlebenden suchen. Die Alpine Rettung Schweiz rechnet mit einem Stundenansatz von 40 bis 50 Franken pro Retter. «Eine Suchaktion kostet schnell zehntausend Franken» sagt Dominic Andres, Einsatzleiter bei Air Zermatt.

Als sich im November 2008 eine Lawine im Titlisgebiet in Engelberg löste und eine Piste verschüttete, suchten sofort Rettungskräfte nach Verschütteten. Zum Einsatz gelangte auch ein Helikopter. In den Schneemassen befand sich glücklicherweise niemand. Die Aktion dauerte rund zwei Stunden. Die Kosten beliefen sich auf 5000 bis 7000 Franken.

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