Fallschirmjäger berichtet aus Kabul - Verzweifelte Mütter werfen ihre Babys über den Stacheldraht
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Fallschirmjäger berichtet aus KabulVerzweifelte Mütter werfen ihre Babys über den Stacheldraht

Tragische Szenen spielen sich nahe des Flughafens Kabul ab. Um ihre Kinder vor den Fängen der Taliban zu schützen, gehen Mütter über ihre Grenzen.

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Angela Rosser/kat

Akt purer Verzweiflung: Afghaninnen versuchen alles, um ihre Kinder zu schützen.

Darum gehts

  • Viele Menschen in Afghanistan fürchten seit der Machtübernahme der Taliban um ihre Familien.

  • Einige Mütter versuchen in ihrer Verzweiflung, ihre Kinder an Soldaten abzugeben.

  • Ein Offizier vor Ort schildert furchtbare Szenarien, die sich vor Ort abspielen.

Der Offizier einer Fallschirmjägereinheit schildert das grausame Ausmass der Verzweiflung in Kabul. Er erzählt gegenüber «Independent» von brutaler Gewalt der Taliban gegen Frauen: «Rettet mein Baby!», hätten die verzweifelten Mütter gerufen, während sie von den Taliban geschlagen wurden. «Sie warfen uns ihre Babys über den Zaun. Einige fielen auf den Stacheldraht. Es gab in dieser Nacht keinen einzigen Mann, der nicht weinte», sagte der Offizier.

Abgespielt haben sich diese Szenen auf dem Weg zu einem militärischen Stützpunkt auf dem Flughafen Kabuls. Tausende Leute werden von den USA, Grossbritannien und anderen Nationen evakuiert. Die Evakuierungen sind chaotisch. Es gibt häufig Schüsse in die Luft, um die Menschenmengen, die Richtung Flugzeuge drängen, zu zerstreuen – dadurch wurden schon einige Menschen verletzt.

«Wir sind hier, um diese Personen zu schützen»

Kim Sengupta berichtet für «The Independent» vom Flughafen Kabul in Afghanistan. «Für afghanische Personen wird es immer schwerer, zum Flughafen zu gelangen, weil die Taliban die Strassen und Eingänge kontrollieren». Ein afghanischer Mann erzählt, wie die Taliban seine Frau geschlagen hätten: «Einer der Taliban wurde wütend wegen etwas, das meine Frau gesagt hat und fing an, sie mit einem Stock zu schlagen. Ich wollte sie beschützen und der Mann griff tatsächlich um mich herum, um sie zu schlagen. Sie scheinen das zu mögen.»

Britische Soldaten reflektieren, was sie dort erleben: «Wir sind hier, um diese Personen zu schützen, indem wir sie so schnell wie möglich wegbringen. Wir können uns vorstellen, was mit denen passiert, die zurückgelassen werden.»

Wie etwa der jungen Mutter Mazhdu (27), die mit ihrer vierjährigen Tochter am Tor auftauchte. Sie sei vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen und verbrachte die letzten Monate bei ihrer Cousine in der Türkei. «Er war schon immer gewalttätig, aber seit die Taliban an der Macht sind, ist es noch schlimmer geworden», erzählte die Frau. Weil ihr Visa abgelaufen ist, kann sie nicht in die Türkei zurück und lief weinend davon. Ein britischer Soldat schritt ein und begleitete sie hinter die britischen Linien am Flughafen: «Ich weiss nicht, ob das System sie aufnimmt, aber ich kann es versuchen».

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Der erste westliche Staat, der sich in der Neuzeit in Afghanistan engagierte, war das Britische Empire im 19. Jahrhundert. Dies in direkter Konkurrenz zum Russischen Reich. Die Russen wollten ihr Herrschaftsgebiet bis zum Indischen Ozean ausdehnen, um einen eisfreien Marinehafen zu errichten. Das bedrohte die Herrschaft der Briten in Südasien. (Bild: Britische Truppen nehmen 1839 die Festung in der Schlacht von Ghazni ein.)

Der erste westliche Staat, der sich in der Neuzeit in Afghanistan engagierte, war das Britische Empire im 19. Jahrhundert. Dies in direkter Konkurrenz zum Russischen Reich. Die Russen wollten ihr Herrschaftsgebiet bis zum Indischen Ozean ausdehnen, um einen eisfreien Marinehafen zu errichten. Das bedrohte die Herrschaft der Briten in Südasien. (Bild: Britische Truppen nehmen 1839 die Festung in der Schlacht von Ghazni ein.)

PD
Um seine Vormachtstellung im zentralasiatischen Raum abzusichern, unternahm das britische Empire ab 1839 einen ersten Versuch, Afghanistan zu erobern. Im Ersten Anglo-Afghanischen Krieg gelang es der gut ausgerüsteten Armee schnell, das Land einzunehmen. Doch bereits 1842 mussten sich die Briten nach einem Aufstand der Bevölkerung wieder aus Afghanistan zurückziehen. (Bild: Die britische Armee überschreitet den Bolan-Pass).

Um seine Vormachtstellung im zentralasiatischen Raum abzusichern, unternahm das britische Empire ab 1839 einen ersten Versuch, Afghanistan zu erobern. Im Ersten Anglo-Afghanischen Krieg gelang es der gut ausgerüsteten Armee schnell, das Land einzunehmen. Doch bereits 1842 mussten sich die Briten nach einem Aufstand der Bevölkerung wieder aus Afghanistan zurückziehen. (Bild: Die britische Armee überschreitet den Bolan-Pass).

PD
Mitte des 19. Jahrhunderts unterwarf das Russische Reich weitere Gebiete in Zentralasien und gründete das Generalgouvernement Turkestan in unmittelbarer Nachbarschaft zu Afghanistan. 1878 gewann Russland mit der Einrichtung einer Gesandtschaft in Kabul an Einfluss in Afghanistan. (Bild: Der Kampf um Samarkand, heutiges Usbekistan.)

Mitte des 19. Jahrhunderts unterwarf das Russische Reich weitere Gebiete in Zentralasien und gründete das Generalgouvernement Turkestan in unmittelbarer Nachbarschaft zu Afghanistan. 1878 gewann Russland mit der Einrichtung einer Gesandtschaft in Kabul an Einfluss in Afghanistan. (Bild: Der Kampf um Samarkand, heutiges Usbekistan.)

PD

Die Scharia

Die Bedeutung des Begriffs Scharia hängt von dessen Auslegung ab. Prinzipiell bedeutet der Begriff «Weg» oder «Weg zur Quelle», also zur göttlichen Wahrheit, inklusive der Riten, Überzeugungen und Normen. Die Interpretation des Begriffs ändert sich je nach Zeit , Ort und Gesellschaft. Die üblicherweise transportierte Bedeutung einer gewalttätigen, diskriminierenden Scharia entspricht nicht der Realität der Schweizer Muslime, ebenso wenig tut dies die von den Taliban propagierte Sichtweise.

Einige Punkte, wie die Scharia bei den Taliban interpretiert wird:

  • Diebe werden öffentlich ausgepeitscht oder durch Amputationen bestraft.

  • Ohne Burka und ohne einen männlichen Blutsverwandten ist es Frauen untersagt, vor die Tür zu gehen.

  • Frauen sollen in der Öffentlichkeit nicht sprechen. Kein Fremder soll die Stimme einer Frau hören.

  • Sollten Schwule beim Geschlechtsverkehr erwischt werden, werden sie gesteinigt, oder von einer Mauer, die auf sie fallen gelassen wird, zerquetscht.

  • Frauen zu fotografieren oder zu filmen, ist untersagt. Ebenso ist es verboten, weibliche Personen zur Schau zu stellen – wie etwa in Magazinen oder auf Plakaten.

  • Frauen ist es nicht gestattet, sich auf der Terrasse oder dem Balkon ihrer Wohnungen oder Häuser aufzuhalten.

  • Unverheiratet Unzucht zu betreiben, wird mit Peitschenhieben bestraft.

  • Der Konsum von berauschenden Substanzen – zum Beispiel Alkohol – wird mit Schlägen geahndet.

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Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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