Aktualisiert 26.09.2009 12:15

Desperate HousewivesVerzweifelte TV-Zuschauer

Schweizer Zuschauer bekommen die neuen Staffeln bekannter US-Serien jeweils bis zu einem Jahr später zu sehen als das amerikanische Publikum. Einige wollen aber nicht so lange warten und umgehen die lokalen Fernsehsender.

von
khr

Nach der traditionellen Sommerpause laufen diese Woche in den USA die neuen Staffeln «Desperate Housewives», «Dr. House» und «Grey's Anatomy» an. Wie jedes Jahr fiebern Millionen Zuschauer diesem Moment entgegen, werden doch endlich jene Fragen beantwortet, die seit der letzten Folge in der Schwebe hängen. Endlich kommt z.B. aus, wie es Dr. House...hier weiter zu schreiben wäre unfair, denn in der Schweiz neigt sich die vorhergehende Staffel gerade erst dem Ende zu.

Das hiesige Fernsehpublikum hat sich daran gewöhnt, seine Lieblingsserien jeweils mit einem Jahr Verspätung anzuschauen - in einer globalisierten Welt mit medialen Halbwertszeiten von wenigen Stunden eigentlich erstaunlich. Verantwortlich für diese Verzögerung sind aber nicht etwa die amerikanischen Studios, sondern letztlich die Schweizer Fernsehgewohnheiten.

Zeitraubende Synchronisierung

Der Grund für die zeitliche Verschiebung liegt vor allem in der aufwändigen deutschen Sprachfassung. Michel Bodmer, Redaktionsleiter Film und Serien beim Schweizer Fernsehen, erklärt, wie das funktioniert: Die Serien werden in Amerika rollend produziert und manche Folgen liegen erst kurz vor dem Sendedatum vor. Manchmal kommt es bei der Erstausstrahlung gar zu Pausen, weil einzelne Episoden nicht rechtzeitig fertiggestellt werden konnten. Die deutsche Synchronfassung wird hingegen aus praktischen und wirtschaftlichen Gründen möglichst en bloc produziert. Also wartet man, bis schon mehrere Folgen fertig vorliegen, damit effizient gearbeitet werden kann. Hinzu kommt, dass die deutschen Privatsender wie RTL und Pro Sieben, die diese Serien teuer erwerben, sie in den zuschauerstärksten Monaten ausstrahlen wollen - und deshalb die Staffel im Sommer unterbrechen, wenn die Leute weniger fernsehen. Manche Serien (z.B. «Lost») schaffen es sogar zuerst ins Pay-TV, was die Ausstrahlung im Free-TV natürlich weiter verzögert.

Mit Untertiteln geht's schneller

Englischsprachige Märkte wie Grossbritannien sind von dieser Problematik natürlich nicht betroffen. Sie müssen keine Synchronfassung erstellen und strahlen in der Regel wenige Tage nach den USA aus. Dasselbe gilt auch für Osteuropa und Skandinavien, wo Synchonfassungen eher unüblich sind und amerikanische Serien stattdessen schneller und billiger mit Untertiteln versehen werden. Das Phänomen der Zeitverzögerung beschränkt sich auf Länder, wo Filme und Serien in der Landessprache synchonisiert werden. Das ist neben dem deutschsprachigen Raum vor allem Frankreich, Italien und Spanien. Die Akzeptanz von Untertiteln bzw. die Bevorzugung von Synchronfassungen ist vor allem eine kulturelle Frage. Wohl nicht zufällig sind es die Vertreter der grossen europäischen Kultursprachen, die sich mit Untertiteln eher schwer tun.

Einige wollen nicht warten

Synchronfassung hin oder her, nicht alle sind bereit, sich den Gewohnheiten ihrer Landsleute unterzuordnen. Die ungeduldigsten Fans haben längst Wege gefunden, die lokalen Fernsehstationen zu umgehen: Wenige Stunden nachdem eine Folge in den USA ausgestrahlt worden ist, steht sie bereits im Internet als Bit Torrent zum Download bereit. Wer dabei eine Software verwendet, die nur herunter- aber nicht gleichzeitig herauflädt (z.B. «Bit Thief»), macht sich in der Schweiz nicht einmal strafbar. Dabei zeigt der weltweite Erfolg des iTunes Music Stores, dass das Publikum durchaus bereit ist, für medialen Content zu bezahlen, wenn er einfach zugänglich ist. Im amerikanischen iTunes Video Store z.B. steht eine Folge «Dr. House» unmittelbar nach der Austrahlung zur Verfügung. Ein sogenannter Season Pass, also ein Abo für die gesamte Staffel (22 Folgen) kostet umgerechnet 40 Franken oder in HD-Auflösung 60 Franken. iTunes USA ist zwar aus der Schweiz erreichbar, aber die besagten Videos bleiben gesperrt. Apple Schweiz verweist auf zu hohe rechtliche Hürden sowie mögliche Urheberrechts- und Terminkonflikte (mit den europäischen Sendern).

Dass ausgerechnet viele ihrer passioniertesten Fans aufs Internet ausweichen, müsste den Studios eigentlich zu denken geben. Anne Sweeney, Chefin der Disney-ABC Television Group (die auch Desperate Housewives produziert) sagte einst an einer Veranstaltung, sie habe inzwischen verstanden, dass Piraterie ein konkurrenzfähiges Geschäftsmodell ist, das legitime Konsumentenbedürfnisse abdecke. Das war vor drei Jahren, geändert hat sich seither nichts. Kulturell gesehen hat die Notlösung über das Internet immerhin zwei sehr positive Begleiterscheinungen: Einen bequemeren Weg sein Englisch zu trainieren, gibt es kaum. Und plötzlich sind auch Serien verfügbar, die es bisher überhaupt nicht ins deutschsprachige Free-TV geschafft haben, wie z.B. «Entourage», die in den USA bereits Kultstatus erlangt hat.

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