Aktualisiert 01.12.2011 17:41

Grosse Geldspritze

Verzweiflungstat oder Befreiungsschlag?

Die mächtigsten Notenbankchefs der Welt haben das Finanzsystem mit Geld geflutet. Die Börse jubelte, als wäre die Eurokrise gelöst. Es ist aber höchstens eine Verschnaufpause.

von
Sandro Spaeth
Spannen zusammen: US-Notenbankchef Ben Bernanke, SNB-Chef Philipp Hildebrand (mitte) und EZB-Capitano Mario Draghi.

Spannen zusammen: US-Notenbankchef Ben Bernanke, SNB-Chef Philipp Hildebrand (mitte) und EZB-Capitano Mario Draghi.

Hat EZB-Chef Super-Mario Draghi am Mittwochvormittag den Hörer in die Hand genommen und die Telefonkette unter den Zentralbankern gestartet? Etwa so, wie es Primarlehrerinnen heute noch tun, wenn sie ausfallen? Fakt ist: Der Euro ist krank – schwerkrank. Die Staaten sind überschuldet und zu viele Banken halten zu viele Papiere von maroden Staaten. Die Banken begegnen sich mit Argwohn und leihen sich untereinander nahezu kein Geld mehr aus.

Um diesem Misstrauen auf dem Interbankenmarkt entgegen zu wirken, haben die sechs mächtigsten Notenbanken am Mittwoch in einer gemeinsamen Aktion die Geldschleusen geöffnet. Aus Angst, das Finanzsystem könnte zusammenbrachen, stellen Draghi, Bernanke & Co. den Geschäftsbanken zu Tiefstsätzen Dollars zur Verfügung.

Solche koordinierten Aktionen gehörten laut dem Basler Professor Niklaus Blattner zum normalen Instrumentarium der Notenbanken. Der Mann weiss wovon er spricht. Er sass zwischen 2001 und 2007 im Direktorium der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Die Szenarien würden während Treffen – beispielsweise bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel besprochen – und unter Vorbehalt entschieden. «Es ist in aller Regel nicht so, dass die obersten Notenbanker erst kurz vor der koordinierten Aktion miteinander telefonieren und sich zu einem gemeinsamen Vorgehen durchringen», erklärt Nationalökonom Blattner.

Erinnerungen an September 2008

Der jüngste Vorstoss der Notenbanken erinnert an ein ähnliches Vorgehen wie nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008. Auch damals traute sich in der Bankenwelt niemand mehr über den Weg. Richtete sich das Augemerk der Währungshüter nach dem Crash der damals viertgrössten US-Investmenbank vorab auf US-Institute, eilte man diesmal Europas Banken zu Hilfe.

Wäre ohne die koordinierte Aktion innerhalb der nächsten Wochen eine europäische Grossbank zusammengebrochen? Ökonom Felix Brill von der Beratungsfirma Wellerhoff & Partners mag nicht spekulieren: «Das Problem ist, es gibt keine eindeutigen Signale, die darauf hinweisen, wann eine Bank zusammenbricht». Das Misstrauen auf dem Interbankenmarkt sei aber schon gewaltig gewesen – der Markt fast eingefroren. «Es wäre unverzeihlich, wenn eine Bank wegen fehlender Dollar-Liquidität in die Knie gezwungen würde», sagt Ex-Notenbanker Blattner. Dem wollten Draghi, Bernanke, Hildebrand und die Kollegen aus England, Japan und Kanada zuvorkommen.

Die Ökonomen der Zürcher Kantonalbank bezeichneten die gemeinsame Liquiditätsspritze als Befreiungsschlag – andere Beobachter hingegen als Verzweiflungstat. «Es ist etwas dazwischen», sagt Wellershoff-Ökonom Brill. Anders die Märkte: Sie feierten, als wäre die Eurokrise gelöst. Die Wall Street kletterte am Mittwoch über 4 Prozent in die Höhe, der Dax schoss um fast 5 Prozent in die Höhe (SMI 2,19 Prozent) Felix Brill relativiert den Börsenjubel: «Das Kursfeuerwerk zeigt lediglich Hoffnung. Die Ursachen der Krise sind mit dem billigeren Geld nicht bekämpft.» Man habe höchstens etwas Zeit gewonnen.

Hildebrand auf Freudesuche?

Dass sich die SNB an der gemeinsamen Aktion der Notenbank beteiligt hat, erstaunt auf den ersten Blick. So zitiert der «Tages-Anzeiger» SNB-Sprecher Walter Meier mit den Worten, die Schweizer Grossbanken seien von Liquiditätsproblemen «weniger betroffen». Hat SNB-Chef Hildebrand die Massnahmen also mitgetragen, um die Notenbankerkollegen milde zu stimmen – weil die SNB seit dem 6. September einen Mindestkurs zum Euro verteidigt? «Das hat nichts damit zu tun, dass man sich Freunde machen will», sagt Blattner. «Mittlerweile verstehen die Notenbanken den Eingriff der Schweiz sehr wohl.» Tatsache ist laut Blattner, dass die Schweizerische Nationalbank in den letzten Jahrzehnten immer eine wichtige Rolle gespielt hat und die Schweiz ein wichtiger Finanzplatz ist.

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