Aktualisiert 10.11.2015 11:52

Chemsex-Partys«Viagra liegt zur freien Verfügung herum»

Der Chemsex-Trend bereitet Medizinern Sorgen. Die Hemmungslosigkeit fördere das Risiko von Geschlechtskrankheiten. Jetzt erzählt ein Szenekenner, der selbst daran teilnimmt.

von
vro
Cannabis und Haschisch gehören laut dem Szenekenner zu den Basisdrogen. Auch vom Viagra-Vorrat könne sich jeder bedienen.

Cannabis und Haschisch gehören laut dem Szenekenner zu den Basisdrogen. Auch vom Viagra-Vorrat könne sich jeder bedienen.

Keystone/Jerzy Dabrowski

Sexpartys, an denen sich die Teilnehmer Drogen einwerfen und dann mit verschiedenen Partnern Geschlechtsverkehr haben, werden in Grossbritannien immer beliebter. Mediziner warnen deshalb jetzt vor den Folgen. Weil viele auf Kondome verzichten, drohen Ansteckungen mit dem HIV-Virus und anderen Krankheiten.

In der Schweiz werden ebenfalls solche Partys gefeiert. Laut Lars Stark, ärztlicher Leiter bei den Zentren für Suchtmedizin Arud in Zürich, geht es unter anderem darum, mit möglichst vielen Partnern Sex zu haben. Das stimme nicht bei allen, erklärt ein Kenner der Szene, der anonym bleiben will. «Klar, es gibt sicher solche. Das ist mir persönlich dann schon zu stressig. Ich picke meistens ein paar Leute heraus, die mich persönlich auch anmachen, und mit denen habe ich dann Spass», sagt er zu 20 Minuten. Dem Basler geht es in erster Linie darum, seine Leidenschaft für eine Weile zu befriedigen. «Ich habe keine Lust, am nächsten Tag wieder an Sex zu denken.»

Harte Drogen müssen selbst organisiert werden

In der Regel laufe die Organisation von solchen Partys über das «Buschtelefon». Plane er sie selbst, würden es nie über 20 Teilnehmer. Man treffe sich meistens in einer privaten Wohnung mit Spielzimmern, sagt der 31-Jährige. Die Teilnehmer seien durchmischt. «Da waren Männer mit dabei, die zu Hause einen Partner hatten, oder sie kamen gleich zu zweit. Oder Singles, die einfach wieder mal eine Gruppe erleben möchten. Aber auch Heteros mit Frau und Kindern zu Hause.» Das Alter der Teilnehmer reiche von 25 bis 60 Jahren. Die Gesellschaftsschicht sei zweitrangig. «Aber vom Handwerker über den normalen Angestellten bis zum Versicherungsmann, CEO oder Politiker ist eigentlich alles vertreten.»

Geht die Party einmal los, kommen die «Basisdrogen» ins Spiel. «Hasch oder Cannabis werden an jeder Party konsumiert. Auch von den Leuten, die noch wenig damit in Kontakt gekommen sind.» Er selbst achte jedoch darauf, dass Unerfahrene nicht zu viel konsumieren würden. «Nicht, dass dann einer kollabiert oder den halben Abend halbtot in der Ecke liegt und sich ausnüchtert.» Auch Alkohol sei reichlich vorhanden. «Viagra, Kamagra und anderes liegt meistens herum zur freien Verfügung der Teilnehmer.» Härtere Drogen müssten grundsätzlich selbst organisiert werden. Doch: «Nicht jeder, der teilnimmt, konsumiert harte Drogen.»

«Die Angst vor Aids hat sich ziemlich gelegt»

Schliesslich gehe es zur Sache. Allerdings scheint der Schutz vor Geschlechtskrankheiten tatsächlich nicht alle zu interessieren. «Es gibt Freunde von mir, die machen es aus Prinzip nur ohne, andere machen es nur mit. Kondome habe ich immer ausgelegt, aber die werden kaum angerührt», sagt der 31-Jährige. «Und so nebenbei: Vermehrt wird bei den Schwulen auf das Kondom verzichtet.»

Der Basler hat den Eindruck, dass sich die Angst vor dem HI-Virus merklich gelegt hat. Rund die Hälfte der Teilnehmer verzichte auf das Kondom. Genau davor warnen die Mediziner. Durch die Hemmungslosigkeit und den regen Partnerwechsel könne die Zahl der Infizierten zunehmen. Und nicht nur das: «Die Drogen wirken toxisch und belasten den Herzkreislauf», sagt Stark. Lasse die Wirkung der Drogen nach, würden viele zudem depressiv.

Das bestätigt der Szenekenner: «Man fühlt sich ein bisschen schlaff, müde, leicht depressiv, das kann ich so unterschreiben. Ist eigentlich genau so wie mit dem normalen Drogenkonsum.»

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