Schuldzuweisung ans Opfer - «Victim Blaming verharmlost Gewalt gegenüber Frauen und entlastet Täter»
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Schuldzuweisung ans Opfer«Victim Blaming verharmlost Gewalt gegenüber Frauen und entlastet Täter»

Auf Instagram spricht Alysha Huser über eine Vergewaltigung, die ihr wiederfahren sei – und wird in Hate-Kommentaren für den Übergriff verantwortlich gemacht. Zwei Expertinnen erklären, was sogenanntes Victim Blaming bei den Betroffenen anrichten kann.

von
Michelle Muff

«Aus Angst vor solchen Aussagen gehen Frauen ihre Täter nicht anzeigen»: Alysha Huser äussert sich in einem Video zu den Hasskommentaren, die sie momentan auf Social Media erhält.

Instagram: senseijipushi2.0

Darum gehts

  • Auf Social Media spricht Alysha Huser über die Vergewaltigung, die sie nach ihren Aussagen durch den Influencer Travis The Creator erlebt hatte.

  • Nun erhält sie auf Social Media zahlreiche Hate-Kommentare.

  • Für Expertinnen stellt das klassisches Victim Blaming dar: «Für Opfer kann das weitereichende psychische Konsequenzen haben», so Psychologin Anne-Lise Schneider.

  • «Es braucht Aufklärung und Reflexion, um einen Kulturwandel herbeizuführen», sagt Corina Elmer von der Frauenberatung sexuelle Gewalt.

«Ich konnte nicht reagieren und war wie versteinert», sagt Alysha Huser in einem Video auf Instagram. In dem kurzen Clip, den sie vergangene Woche auf Instagram veröffentlichte, erzählt sie von der Vergewaltigung, die sie gemäss ihren Aussagen durch den Fashion-Influencer Travis The Creator im Jahr 2017 während eines Fotoshootings erlebt hat. Die Resonanz auf das Video war gross: Knapp 24’000 Mal wurde der Clip angesehen, zahlreiche Kommentare wurden verfasst. Auch andere junge Frauen meldeten sich auf Social Media und beschuldigten den Influencer, sie sexuell missbraucht zu haben. Mittlerweile haben zwei mutmassliche Opfer den Influencer angezeigt – es gilt für ihn die Unschuldsvermutung.

Neben verständnisvollen und mutmachenden Reaktionen erreichen Huser seither auch zahlreiche Beleidigungen und Beschimpfungen. «Wieso bemitleidet ihr sie – wer bei einem Typ halbnackt posen geht muss sich nicht wundern», lautet ein Kommentar. Ein anderer schreibt, sie hätte ja einfach Stopp sagen können: «Sonst ist sie ja auch laut.» Zahlreiche weitere Kommentare wurden in einem ähnlichen Tonfall verfasst. Was sie gemeinsam haben: Sie machen das mutmassliche Opfer für die Vergewaltigung verantwortlich.

«Dass Menschen so respektlos sein können, finde ich erschreckend»

«Als ich mich dazu entschieden habe, den Vorfall zu veröffentlichen, habe ich mit Hate-Kommentaren gerechnet», so Huser gegenüber 20 Minuten. Dass diese aber so beleidigend ausfallen würden, habe sie nicht gedacht: «Gewisse Kommentare waren echt krass – dass Personen gegenüber fremden Menschen so respektlos sein können, finde ich erschreckend.» Die Kommentare seien nicht nur eine Beleidigung gegenüber ihr, sondern gegenüer allen Personen, die schon einmal Opfer sexueller Gewalt geworden sind.

Insta-Page teilt Vorwürfe an Influencer

Begonnen hat es am Wochenende mit einem Instagram-Account, auf welchem Geschädigte aus der Schweiz wie aus dem Ausland ihren Unmut über Travis' Lebensstil äusserten. Sie werfen ihm vor, sich Geld geliehen und damit ein Luxusleben in Zürich und Marbella finanziert zu haben – ohne die Absicht, das Geld jemals wieder zurückzuzahlen. Mehrere junge Frauen meldeten sich zudem und beschuldigten den Influencer, sie sexuell missbraucht zu haben. Innert kürzester Zeit generierte der Account mehrere Tausend Follower. Mittlerweile wurden aber alle Posts gelöscht. Der Betreiber der Seite betont, dass für den Influencer die Unschuldsvermutung gelte.

«Ich habe öffentlich von meiner Vergewaltigung erzählt, um anderen Frauen, die Ähnliches erlebt haben, zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Es soll ihnen den Mut geben, sich einer Person anzuvertrauen und sich mit dem Vorfall auseinanderzusetzen», sagt Huser. Von den Personen, die sogenanntes Victim Blaming betreiben – also das mutmassliche Opfer zur Täterin machen –, wünsche sie sich mehr Einfühlvermögen: «Sexueller Missbrauch geht sowieso schon extrem nahe. Victim Blaming führt dazu, dass es Betroffenen psychisch noch viel schlechter geht. Eine solche Situation wünsche ich niemanden.» Auch Huser lassen die Nachrichten nicht kalt: «Den Hate kann ich nicht ganz wegstecken – aber die vielen einfühlsamen Kommentare und der Gedanke daran, anderen Opfern zu helfen, geben mir Kraft.»

«Es trägt immer der Täter die Schuld für den Übergriff»

Anne-Lise Schneider arbeitet als Psychotherapeutin und Notfallpsychologin. Dass Frauen im Nachhinein für einen sexuellen Übergriff, den sie erleiden mussten, verantwortlich gemacht werden komme leider häufig vor: «Personen ignorieren dabei, dass die Schuld immer beim Täter und nie beim Opfer liegt.» Die Ursache dafür liege häufig in einem vorprogrammierten Selbstschutz: «Wir wollen die Welt als einen sicheren Ort wahrnehmen. Deswegen nehmen wir manchmal an, dass Personen, denen Schlechtes passiert, selber dafür verantwortlich sein müssen. So müssen wir uns nicht eingestehen, dass auch einem selber völlig unverschuldet Schlimmes passieren könnte.»

Für Frauen, die Opfer von einem sexuellen Übergriff wurden, habe Victim Blaming weitreichende psychische Folgen, so Schneider: «Es braucht extrem viel Mut und Überwindung, über einen erlebten sexuellen Übergriff zu sprechen.» Werden die Opfer dann nicht ernst genommen, löse das bei Betroffenen, Wut, Ohnmacht, Scham und ein Gefühl vom Verlassensein aus. Auch könne es posttraumatischen Stress verursachen. «Im schlimmsten Fall fangen die Opfer ebenfalls an zu glauben, sie seien selbst für die Tat verantwortlich.» Das habe weitreichende Folgen: «Vorfälle werden weniger häufig zur Anzeige gebracht und Täter kommen ohne Strafe davon – was wiederum dazu führt, dass mehr Übergriffe unentdeckt bleiben.»

Betroffenen rät sie, sich einer nahestehenden Person anzuvertrauen: «Dann soll man sich an eine Opferberatung wenden und geeignete professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.» Es sei wichtig, sich zu verinnerlichen, dass immer der Täter die Schuld für den Übergriff trage. Schneider lobt Betroffene, die öffentlich über erlebte Übergriffe sprechen: «Das ist alles andere als einfach und erfordert viel Mut, schafft aber Aufmerksamkeit für die Thematik und ermutigt andere Opfer.»

«Victim Blaming wurzelt in frauenfeindlichen Einstellungen»

«Damit Victim Blaming nicht mehr vorkommt, braucht es Aufklärung und Reflexion, um einen Kulturwandel herbeizuführen», sagt Corina Elmer von der Frauenberatung sexuelle Gewalt Zürich. Laut Elmer liegen die Gründe für Victim Blaming in der sogenannten Rape Culture, zu deutsch Vergewaltigungskultur: «Diese besteht in vorurteilsbehafteten, stereotypen und falschen Annahmen über sexuelle Gewalt, Opfer und Täter. Diese Vorstellungen verharmlosen Gewalt gegenüber Frauen und entlasten die Täter.»

Solche Ansichten wurzelten in frauenfeindlichen Einstellungen, die geschlechtsspezifische Gewalt und Diskriminierung begünstigen, so Elmer: «Die Perspektive muss weg vom Opferverhalten und auf das Täterverhalten gerichtet werden. Es muss darüber diskutiert werden, welche Männlichkeitskonzepte Gewaltausübung begünstigen und was dagegen getan werden kann.»

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, sexuell belästigt?

Hier findest du Hilfe:

Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz

Verzeichnis von Anlaufstellen

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

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