Traditionsmarke: Victorinox-Callcenter versteht nur Hochdeutsch
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TraditionsmarkeVictorinox-Callcenter versteht nur Hochdeutsch

Wer ein Problem mit seinem Victorinox-Messer hat, sollte es Taschen- statt Sackmesser nennen. Der Kundendienst versteht kein Schweizerdeutsch.

von
K. Wolfensberger

Kaum eine Marke versprüht mehr Swissness als Victorinox. Schon seit 1884 produziert das Unternehmen in Ibach im Kanton Schwyz die originalen Schweizer Armee-Sackmesser. Deshalb staunte 20-Minuten-Leser F. D.*, als er sich bei einem Problem mit einer Bestellung im Online-Shop beim Victorinox-Kundendienst meldete und die Dame am Telefon kein Schweizerdeutsch verstand. «Könnten Sie bitte Hochdeutsch sprechen, ich sitze hier in Stuttgart in einem Callcenter und verstehe Sie sonst nicht», habe sie ihm mitgeteilt.

Für D. ein Ärgernis: «Victorinox macht weltweit Werbung mit ‹Made in Switzerland› und Schweizer Qualität. Da sollte es doch möglich sein, Schweizerdeutsch am Telefon wenigstens zu verstehen.» Bei anderen Firmen wäre ihm das nicht so wichtig, so D. weiter, aber bei Victorinox sei ihm dieser Lapsus vollkommen unverständlich.

Victorinox verspricht Besserung

Das Schweizer Traditionsunternehmen nimmt soweit Stellung, dass mit der Eröffnung des ersten Online-Shops in Deutschland im Mai dieses Jahres ein externer Callcenter-Anbieter aus Deutschland gewählt wurde.

«Dass nun auch der Online-Shop in der Schweiz, welcher diesen Monat aufgeschaltet wurde, vom deutschen Callcenter betreut wird, ist ein für uns vertretbarer und wirtschaftlich sinnvoller Entscheid und ist eine Übergangslösung. Diese hilft uns, Erfahrungen zu sammeln, die wir für den Aufbau eines Online-Kundendienstes in der Schweiz nutzen werden», sagt Victorinox zu 20 Minuten. Dies sei geplant für 2016.

Urenkel des Gründers an Firmenspitze

An der Spitze des Familienbetriebs Victorinox steht heute Carl Elsener Junior, der Urenkel des Gründers Karl Elsener. Victorinox beschäftigt weltweit etwa 2000 Mitarbeiter, davon rund 970 im Kanton Schwyz. Das Unternehmen erwirtschaftete 2014 einen Umsatz von 510 Millionen Schweizer Franken.

Täglich werden im Werk in Kanton Schwyz 120'000 Messer gefertigt, davon sind die Hälfte Taschenmesser. Der Rest der Produktion sind Haushalts- und Berufsmesser. Die Jahresproduktion beläuft sich auf 26 Millionen Stück.

*Name der Redaktion bekannt.

Warum Vicorinox nicht nur Messer herstellt

Die Folgen des Attentats vom 11. September haben der Firma gezeigt, wie gefährlich es ist, zu stark auf ein Produkt ausgerichtet zu sein. Aufgrund von Einschränkungen im Luftverkehr brachen die Absatzzahlen von Taschenmesser um über 30 Prozent ein. «Uns wurde klar: Wir müssen die anderen Produkte vorantreiben», so Firmenchef Elsener. Heute stellt die Firma neben Messern auch Uhren, Parfüm, Kleider und Koffer her. (SAS)

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