Aktualisiert 01.07.2014 08:35

Ottmar Hitzfeld

Viel mehr als nur ein Spiel

Statistisch ist Ottmar Hitzfeld der beste Nati-Coach aller Zeiten. Ob er auch von der Nachwelt so wahrgenommen wird, entscheidet sich heute Abend.

von
S. Compagno und E. Tedesco, São Paulo

Ein paar Zahlen zur Untermauerung: Hitzfeld hat die Schweiz mit seinem lange Zeit nüchternen, erst in den letzten Jahren mit einer neuen Spielergeneration unterhaltsameren Fussball auf Platz 6 in der Fifa-Weltrangliste geführt. Unter ihm blieb die Nati von Mai 2012 bis Oktober 2013 während 14 Spielen ohne Niederlage. Und er hat in seinen bisher 60 Länderspielen mit 1,80 Punkten pro Spiel den besten Punkteschnitt aller Nationaltrainer erreicht, knapp vor Roy Hodgson (1992 - 1995/1,78) und Köbi Kuhn (2001 - 2008/1,56).

Und dennoch geht es heute im WM-Achtelfinal gegen Argentinien um mehr als nur eines von 61 Spielen. Es geht um die Wahrnehmung der Ära Hitzfeld, die mit dieser Weltmeisterschaft nach sechs Jahren endet. «Wir wollen Geschichte schreiben», betonte der 65-jährige Lörracher vor und während der WM in Brasilien gleich mehrfach. Die Mannschaft dazu hat er. Sie ist die talentierteste Auswahl, die der Schweizerische Fussballverband SFV jemals an ein grosses Turnier schickte.

Einen Schritt weiter gehen

«Scheiden wir wieder im Achtelfinal aus, sind wir keinen Schritt weiter als 2006», brachte Valon Behrami vor wenigen Tagen das Dilemma des Ottmar Hitzfeld auf den Punkt. Das Dilemma heisst Achtelfinal 2006. Vor acht Jahren in Deutschland hatte die Nati unter Köbi Kuhn mit überzeugendem Fussball die Runde der letzten 16 erreicht. Vier Jahre später war Hitzfeld in Südafrika in der Vorrunde an der spielerischen Dürftigkeit einer Generation gescheitert, die ihre besten Jahre hinter sich hatte. Heute steht die Schweiz wieder im WM-Achtelfinal. Sie hat somit erreicht, was aufgrund der Qualität einer neuen, frischen Spielergeneration erwartet werden durfte. Würden heute Zensuren verteilt, Trainer und Nati hätten bestanden.

Will Hitzfeld in Brasilien jedoch Geschichte schreiben, muss seine Nati einen Schritt weiter gehen als 2006. Sie muss heute Argentinien schlagen und erstmals seit 1954 wieder einen WM-Viertelfinal erreichen.

Ottmar Hitzfeld ist einer der erfolgreichsten Klub-Trainer der Geschichte. Titel pflastern seinen Weg, er errang neun Meisterschaften in Deutschland und der Schweiz, er gewann mit zwei Klubs die Champions League, er wurde zweimal zum Welttrainer des Jahres gewählt. Ob er auch als herausragender Nationaltrainer in die Geschichte eingehen kann, darüber entscheiden heute 90 oder 120 Minuten in der Arena de São Paulo.

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