Aktualisiert 31.05.2012 11:57

Nati-Bilanz

Viele Antworten, aber auch noch einige Fragen

Ottmar Hitzfeld zieht nach der kurzen Testspielreihe aus dem Frühling 2012 Bilanz. Auf viele Fragen hat der Nati-Trainer Antworten gefunden. Aber längst nicht auf alle.

von
Eva Tedesco

Ein 1:3 im Februar gegen Argentinien: Die Nati hat gut gespielt, aber verloren. Ein 5:3-Sieg gegen Deutschland am letzten Samstag: Die Hitzfeld-Elf hat eine Top-Leistung gezeigt und verdient gewonnen. Ein 0:1 gegen Rumänien am Mittwochabend: Inler und Co. enttäuschten auf der ganzen Linie. Auf Aussenstehende mag die junge Schweizer Nationalmannschaft ein Jahr nach dem Umbruch wie eine Wundertüte wirken. Hitzfeld aber sieht Fortschritte. An welchem Punkt ihrer Entwicklung steht die Nationalmannschaft wirklich?

Die Problemzone Abwehr

Die Innenverteidigung bleibt eine Baustelle. Philippe Senderos und Johan Djourou fehlt es an Spielpraxis. «Mit der Defensivleistung bin ich gar nicht zufrieden», gab Hitzfeld nach dem 0:1 in Luzern zu. «Man hat gesehen, dass es für Johan nicht reicht. Deshalb habe ich mit ihm gesprochen und ihm nahegelegt, den Klub zu wechseln.» Zwar habe der Nati-Trainer wenig Einfluss auf eine Entscheidung, aber «wenn er in der neuen Saison bei Arsenal nicht mehr spielt, läuft er Gefahr, dass er nicht mehr aufgeboten wird.»

Als Alternative bieten sich Steve Von Bergen an, der mit seinem Tempo und seiner soliden Abwehrarbeit neben Senderos gegen Deutschland den besseren Job gemacht hat und der junge Bremer François Affolter – wenn er denn auch in der kommenden Bundesliga-Saison Spielzeit erhält.

Die Suche nach einer Nummer 10

Der Versuch Granit Xhaka und Gökhan Inler als Doppelsechs im defensiven Mittelfeld laufen zu lassen, war für Ottmar Hitzfeld «interessant zu sehen». «Granit ist ein hochintelligenter Spieler, technisch gut, mit einer guten Übersicht. Er hat das Gefühl für das Ballhalten und die Ballverteilung im Blut.» Im Prinzip wäre die «Sechs» die perfekte Aufgabe für den Bebbi, weil er sie künftig auch unter Lucien Favre bei Gladbach ausfüllen wird. In der Nati ist er als Impuls- und Passgeber hinter Eren Derdiyok aber zu wichtig. Deshalb ist für den Nati-Coach klar: «Für uns ist er weiter vorne wichtiger».

Anstelle von Xhaka testete der Lörracher Admir Mehmedi hinter der Spitze und musste zugeben: «Das war nicht so gut.» Es sei offensichtlich, dass Mehmedi in Kiew in den letzten Wochen selten zum Zug kam. Tranquillo Barnetta habe diese Position unter Hitzfeld noch nicht gespielt. Obwohl der Lörracher überzeugt ist, dass der Leverkusner das könnte, sei Barnetta auf den Flügeln wertvoller. Bleibt für Hitzfeld die Frage: Wer spielt den Zehner um Derdiyok herum? «Die ideale Lösung habe ich noch nicht gefunden», so der Nati-Coach.

Das Sturm-Problem

Nach den Rücktritten von Marco Streller (36 Länderspiele/12 Tore) und Alexander Frei (84/42) lastet die Verantwortung im Sturm auf den jungen Schultern von Eren Derdiyok. Mit einer Weltklasseleistung und drei herrlichen Toren gegen Deutschland hat der künftige Hoffenheim-Angreifer aufblitzen lassen, zu was er fähig ist. Und trotz Erfolglosigkeit gegen Rumänien ist Derdiyok über die Testspiele im Frühjahr gesehen, ein Winner. Hitzfeld: «Obwohl Eren sechs Monate fast nicht gespielt hat bei Leverkusen, hat er gegen Deutschland drei Tore gemacht. Ich freue mich umso mehr, dass er bei Hoffenheim eine neue Chance bekommt.» Viel Spielpraxis und Selbstvertrauen wird Derdiyok und der Schweizer Nati gut tun.

Hinter Derdiyok sieht es indes düster aus an der Stürmer-Front. Gavranovic hat beim FCZ unterschrieben, muss aber erst aufholen, was er in den letzten Jahren in der Bundesliga verloren hat. Ben Khalifa fiel bei YB durch. Emeghara und Mehmedi, die ebenfalls im Sturm spielen können, haben bei ihren Klubs zuletzt auch wenig gespielt. Unter Beobachtung steht Seferovic (Lecce). «Das Problem ist erkannt, aber das kann ich nicht ändern» so Hitzfeld nach der Bestandsaufnahme. Eine Rückkehr von Streller oder Frei schliesst Hitzfeld aus. «Die Spieler haben eine klare Entscheidung gefällt und mitgeteilt, dass sie ihre Kraft einzig auf den FC Basel konzentrieren wollen.»

Stolpersteine in der WM-Qualifikation

Vom ernüchternden Resultat gegen Rumänien lässt sich Hitzfeld nicht beirren. «Wir haben gute Chancen in unserer Gruppe mit Norwegen, Albanien, Zypern, Island und Slowenien Tabellenerster zu werden. Das ist auch klar unser Ziel. Aber es sind einige Stolpersteine dabei und muss uns Warnung genug sein. Nach dem Sieg der Bulgaren über Holland und der knappen Niederlage der Isländer gegen Frankreich haben hoffentlich alle registriert, was die anderen können.»

So gesehen kam für Hitzfeld die Niederlage gegen die Rumänen zum richtigen Zeitpunkt. Wenn er die Ergebnisse hätte tauschen können, was wäre Hitzfeld lieber gewesen, wurde er gefragt: Ein Sieg gegen die Rumänen oder Deutschland? «Deutschland!» Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. «Ich bin Deutscher...», so Hitzfeld und lacht. Die Zeit der Wunschkonzerte und Experimente ist aber vorbei. Im Testspiel am 15. August in Kroatien wird der Nati-Trainer mit der Formation antreten, die ab 7. September die WM-Qualifikation bestreiten wird. «Für uns wird diese Begegnung die Generalprobe sein», so Hitzfeld. Und ab da gibt es keine Ausreden mehr.

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