Retro-Rückzahlung : Viele Banken drucksen anstatt zu zahlen

Aktualisiert

Retro-Rückzahlung Viele Banken drucksen anstatt zu zahlen

Das Bundesgericht hat entschieden: Die Banken müssen die Gelder aus Provisionen für Finanzprodukte an die Kunden auszahlen. Nur wenige Finanzhäuser setzen das bereits um.

Der Bankenplatz gibt sich grösstenteils bedeckt, wenn es um die Retro-Zahlungen an ihre Kunden geht.

Der Bankenplatz gibt sich grösstenteils bedeckt, wenn es um die Retro-Zahlungen an ihre Kunden geht.

Gemäss dem Bundesgericht gehören die Gelder den Bankkunden, welche die Finanzprodukte in ihren Depots haben, urteilten die Richter im Oktober 2012.

Die Migros Bank nahm daraufhin eine Vorreiterrolle ein und gab Anfang Januar bekannt, sie zahle die in den letzten Jahren unrechtmässig zurückbehaltenen Provisionen automatisch an die betroffenen Kunden aus. Mit den Kantonalbanken von Zug und Schwyz und zuletzt der Bank Coop folgten weitere Geldhäuser diesem Beispiel.

Nebulöses Vorgehen

Die meisten Banken halten sich allerdings bedeckt was die Rückzahlung von Retrozessionen angeht, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur SDA bei zahlreichen Geldhäusern und sämtlichen Kantonalbanken zeigt.

Zwar geben die meisten Banken an, die potenziell betroffenen Kunden inzwischen über den Bundesgerichtsentscheid informiert zu haben. Zu diesem Schritt hatte die Finanzmarktaufsicht (Finma) die Banken im November aufgefordert.

Mit konkreten Angaben über die Zahl der betroffenen Kunden sowie den erwarteten Umfang der Rückzahlungen halten sich die Geldhäuser allerdings zurück. Die Bank Julius Bär etwa "analysiert das Urteil weiter", bei Valiant befasst sich eine "interne Projektgruppe mit dem Thema Retrozessionen".

Schlechte Noten für die Umsetzung

Die Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, Sara Stalder, beurteilt die Reaktion der Mehrheit der Banken auf den Lausanner Richterspruch als "sehr schlecht". Für vorbildlich hält Stalder das Vorgehen der Migros Bank.

Im Gegensatz zur herrschenden Meinung in der Branche, wonach der Anspruch auf die Retrozessionen nach fünf Jahren erlischt, geht die Migros Bank als einzige sogar von einer Verjährungsfrist von zehn Jahren aus.

Die unterschiedliche Auslegung der Verjährungsfrist steht exemplarisch für die Fragen, die auch nach dem Bundesgerichtsurteil offen bleiben.

Welche Kunden können Geld fordern?

Das Bundesgerichtsurteil bezieht sich ausschliesslich auf Vermögensverwaltungsverträge, bei denen der Bankkunde die Entscheidung, wie sein Vermögen angelegt werden soll, an die Bank delegiert. Grund: Die Banken könnten das Kundeninteresse unterordnen und sich für jene Finanzprodukte entscheiden, die besonders hohe Retrozessionen abwerfen.

Ob allerdings auch Kunden, die sich von der Bank bei Anlageentscheidungen bloss beraten lassen, Anspruch auf Retrozessionen erheben können, ist weiterhin unklar.

Die Antwort der Banken und der Schweizerischen Bankiervereinigung auf die Frage lautet: Nein. Bei Beratungsmandaten bestehe kein Interessenkonflikt, weil "insbesondere der effektive Kaufentscheid vom Kunden getroffen" werde, begründet etwa die Aargauer Kantonalbank ihre Haltung.

Angepasste Reglemente und Verträge

Doch im Vermögensverwaltungsgeschäft wollen viele Banken in Zukunft nicht auf die Retrozessionen verzichten. Sie beziehen sich auf sogenannte Verzichtserklärungen oder Anpassungen in ihren Depotreglementen, mit welchen sie sich nach einem ersten Lausanner Richterspruch zum Thema Retrozessionen im Jahr 2006 abgesichert hatten.

Die Berner Kantonalbank liess ihre Vermögensverwaltungskunden ab 2007 Verzichtserklärungen unterzeichnen, die Vermögensverwaltungsverträge der Raiffeisen Bank enthalten seit Anfang 2009 Verzichtsklauseln. Die UBS passte ihr Depotreglement und ihre Vermögensverwaltungsverträge 2008 an.

Weg von den Retrozessionen

In Zukunft will sich die UBS im Vermögensverwaltungsgeschäft allerdings von Retrozessionen verabschieden. Die Grossbank liess vor wenigen Tagen als erste Bank verlauten, sie wolle in Zukunft nur noch retrozessionsfreie Produkte ins Portfolio ihrer Vermögensverwaltungskunden legen.

Im Gegenzug kündigte die UBS an, die Pauschalgebühr für die Verwaltungsmandate zu erhöhen, um so die Einbussen aufzufangen. Die Umstellung soll gemäss Samuel Brandner bis Ende Jahr abgeschlossen sein.

Die Credit Suisse will an ihrem bisherigen Kurs festhalten. Fragen, die sich im Zusammenhang mit dem jüngsten Bundesgerichtsentscheid stellen, will die Bank "im direkten Kontakt mit den Kunden" klären. (sda)

Was sind Retrozessionen?

Unter den Begriff Retrozessionen fallen etwa Gelder, welche von den Anbietern von Fondsprodukten an eine Banken fliessen. Die Fondsanbieter entschädigen die Bank dafür, dass diese ihre Anlageprodukte in den Depots der Vermögensverwaltungskunden hält. Nach bisheriger Praxis haben die Banken diese Vertriebsentschädigungen. Dabei stand die Befürchtung im Raum, dass sich die Banken für Produkte mit möglichst hohen Retrozessionen entscheiden und damit das Kundeninteresse vernachlässigen. Schliesslich erkannte auch das Bundesgericht in der Praxis der Banken die Gefahr eines Interessenkonflikts. Im Oktober 2012 gab es in einem wegweisenden Urteil einem UBS-Kunden recht, der von der Grossbank die Herausgabe der Bestandespflegekommissionen verlangt hatte. (sda)

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