Dunkles Kapitel aufgearbeitet : Viele Betroffene haben in Anstalten Gewalt und Missbrauch erlebt 

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Dunkles Kapitel aufgearbeitet Viele Betroffene haben in Anstalten Gewalt und Missbrauch erlebt 

Bis in die 1970er-Jahre sind Personen weggesperrt worden, deren Leben nicht der Norm entsprochen hatte. Viele Betroffene haben in den Anstalten unter diesen Zwangsmassnahmen gelitten. Forscher haben nun untersucht, welche Ausmasse diese im Kanton Uri hatten.

von
Daniela Gigor
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Die Vernissage des Neujahrsblatt findet am 10. Juni 2022 um 19 Uhr im Historischen Museum Uri statt.

Die Vernissage des Neujahrsblatt findet am 10. Juni 2022 um 19 Uhr im Historischen Museum Uri statt.

Historischer Verein Uri
Nicht alle Kinder erlebten glückliche Jahre in der «Kantonalen Erziehungsanstalt für arme und verwahrloste Kinder» in Altdorf

Nicht alle Kinder erlebten glückliche Jahre in der «Kantonalen Erziehungsanstalt für arme und verwahrloste Kinder» in Altdorf

Staatsarchiv Uri
In diesem Buch ist das Ausmass der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in Uri zusammengefasst worden. Erhältlich ist es im Museum, bei der Gisler 1843 AG oder im «Bido» in Altdorf.

In diesem Buch ist das Ausmass der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in Uri zusammengefasst worden. Erhältlich ist es im Museum, bei der Gisler 1843 AG oder im «Bido» in Altdorf.

Historischer Verein Uri

Darum gehts 

  • Nun haben auch im Kanton Uri Untersuchungen über fürsorgerische Zwangsmassnahmen stattgefunden. 

  • Auftraggeber an die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ist der Historische Verein Uri. 

  • Das Ergebnis: Unter anderem wurden diese Massnahmen teilweise bis 1981 praktiziert. 

  • Mehrere Hundert Personen waren davon betroffen. 

  • Die Forschungsarbeit ist den Personen gewidmet,  die sich gegen die Willkür nicht wehren konnten und auch heute noch über das Unrecht schweigen, das ihnen angetan wurde.

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen waren in der Schweiz während Jahrzehnten an der Tagesordnung. Viele Betroffene, die noch am Leben sind, leiden bis heute an den Folgen dieser fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, die teilweise bis 1981 angewendet wurden. In einigen Heimen und Anstalten waren sexuelle Übergriffe, Blossstellungen und harte Körperstrafen an der Tagesordnung. Zahlreiche Verdingkinder wurden zudem ausgenutzt und Betroffene von diesen fürsorgerischen Zwangsmassnahmen wurden von der Gesellschaft stigmatisiert.

Das dunkle Kapitel in der Geschichte der Schweiz wird seit einigen Jahren aufgearbeitet und dies geschah nun auch im Kanton Uri. Ein Forschungsteam der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften hat in den letzten drei Jahren im Auftrag des Historischen Vereins Uri untersucht, welches Ausmass diese  Zwangsmassnahmen im Bergkanton hatten. Laut den Untersuchungen waren von Mitte des 19. Jahrhunderts bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrere Hundert Personen betroffen. Für Romed Aschwanden, Vizepräsident des Historischen Vereins Uri war diese Anzahl Betroffener keine Überraschung: «Es war zu erwarten, dass der Kanton Uri keine Ausnahme bildet.» Aschwanden geht davon aus, dass noch mehr Personen betroffen waren. «Im Kanton Uri gab es nur 25 Anträge für  Wiedergutmachungszahlungen», sagt Aschwanden weiter.  

Religiöse Rituale, Isolation, Blossstellungen und Bestrafungen an Kindern 

Durch die Untersuchung kam etwa ans Tageslicht, dass Kinder aus armen Familien verdingt wurden, unverheiratete Mütter sterilisiert, Jugendliche in Erziehungsanstalten gesteckt, sogenannte Dorforiginale entmündigt und Fremde in ihre  Heimatkantone abgeschoben. Weil es in Uri keine Zwangsarbeitsanstalt gab, wurden Erwachsene immer in ausserkantonale Einrichtungen eingewiesen, so etwa in die Zwangsarbeitsanstalt Kaltbach in Schwyz. Dort wartete auf die Betroffenen harte Arbeit und teilweise demütigende Behandlungen. Eine weitere Belastung war, dass die Eingesperrten nicht wussten, wie lange sie in diesen Anstalten bleiben mussten. Kinder, die aus Familien herausgenommen wurden, brachten die Behörden meist ins Kinderheim in Altdorf. Dort herrschte ein streng geregelter Tagesablauf; religiöse Rituale, Isolation, Blossstellungen und Bestrafungen standen auf dem Programm. 

«Das geschehene Unrecht kann nicht wieder gutgemacht werden»,

Interessant ist auch die Tatsache, dass die Gemeinden im 19. Jahrhundert kaum in der Lage waren, Bedürftige finanziell zu unterstützen. Eine Einweisung von verarmten Personen oder von Arbeitslosen in eine Zwangsarbeitsanstalt war dagegen verhältnismässig kostengünstig. Ein grosser Teil der administrativ versorgten Personen waren Männer, die als «arbeitsscheu» oder «alkoholabhängig» galten und nicht in der Lage waren, ihre Familien zu ernähren. Hilfsarbeiter, Knechte, Tagelöhner und Fabrikarbeiter waren besonders betroffen. Die Massnahmen waren oft konjunktur- und saisonabhängig. Frauen waren hingegen meist von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen betroffen, wenn sie als «liederlich» galten. Dazu zählten etwa unverheiratete Frauen mit Kindern. Sie hatten es besonders schwer.

Laut der Studie waren die Behörden überfordert. Ihnen fehlte das Geld und sie hatten keine oder wenig Erfahrungen auf diese Fälle sozial Einfluss zu nehmen. Die Lösungen lagen darin, fürsorgerische Massnahmen zu ergreifen. Dabei wurden Entscheide auch willkürlich gefällt und diese erzeugten schwere Einschnitte in die individuellen Biografien der Betroffenen. «Das geschehene Unrecht kann nicht wieder gutgemacht werden», so Aschwanden. Genau darum war die Aufarbeitung des dunklen Kapitels äusserst wichtig. Aschwanden: «Die nun publizierte Forschungsarbeit soll jenen ein Denkmal stiften, die sich damals gegen Willkür nicht wehren konnten und angesichts des ihnen angetanen Unrechts auch heute noch darüber schweigen.» 

 

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