Doppelanschlag in Istanbul: «Viele denken, dass man nirgends mehr sicher ist»
Aktualisiert

Doppelanschlag in Istanbul«Viele denken, dass man nirgends mehr sicher ist»

Der tödliche Anschlag in Istanbul geht auf das Konto einer PKK-Splittergruppe. Türkei-Experte Kristian Brakel erklärt, was sie damit bezwecken will. Er geht von weiteren Anschlägen aus.

von
Ann Guenter
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Ein Doppelanschlag im Istanbuler Stadtteil Besiktas forderte mindestens 38 Menschenleben.

Ein Doppelanschlag im Istanbuler Stadtteil Besiktas forderte mindestens 38 Menschenleben.

AFP/Ozan Kose
Die Attentäter nahmen dabei offenbar gezielt Polizeikräfte ins Visier. Unter den Toten sind nach Angaben der Behörden 30 Polizisten.

Die Attentäter nahmen dabei offenbar gezielt Polizeikräfte ins Visier. Unter den Toten sind nach Angaben der Behörden 30 Polizisten.

AFP/Ozan Kose
Die Extremistengruppe Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) erklärte am Sonntag auf ihrer Homepage, sie sei für den Doppelanschlag verantwortlich. In ihrer Erklärung bezeichnete sie die Anschläge als Vergeltung für das gewaltsame Vorgehen türkischer Sicherheitskräfte im Südosten der Türkei und für die Inhaftierung von PKK-Führer Abdullah Öcalan.

Die Extremistengruppe Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) erklärte am Sonntag auf ihrer Homepage, sie sei für den Doppelanschlag verantwortlich. In ihrer Erklärung bezeichnete sie die Anschläge als Vergeltung für das gewaltsame Vorgehen türkischer Sicherheitskräfte im Südosten der Türkei und für die Inhaftierung von PKK-Führer Abdullah Öcalan.

AP/Emrah Gurel

Nach dem Doppelanschlag in der Nähe eines Fussballstadions im Istanbuler Stadtteil Besiktas sind mindestens 38 Menschen getötet und 155 weitere verletzt worden. Die zwei Bomben galten offenbar gezielt Polizeikräften.

Nachdem sich zunächst niemand bekannt hatte, übernahm am Sonntagabend die militante kurdische Gruppe TAK («Freiheitsfalken Kurdistans») die Verantwortung für das Attentat. Zwei ihrer Mitglieder hätten «ihr Leben geopfert». Die Anschläge bezeichnete die Gruppierung als Vergeltung für das gewaltsame Vorgehen türkischer Sicherheitskräfte im Südosten der Türkei und der Inhaftierung von PKK-Führer Abdullah Öcalan. Die «Freiheitsfalken stehen der in der Türkei verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe.

20 Minuten hat den Türkei-Experten Kristian Brakel zu dem Doppelanschlag befragt.

Herr Brakel, wie ist die Stimmung in Istanbul nach dem Doppelanschlag?

Schlecht. In der Stadt geht seit letztem Jahr ohnehin die Angst um, und das hat sich jetzt noch mehr verstärkt – zumal das Fussballstadion in Besiktas im Zentrum der Stadt liegt. Die Menschen passieren es auf dem Weg zur Arbeit und zum Sport täglich. Sehr viele haben jetzt das Gefühl, dass man nirgends mehr sicher ist.

Was verspricht sich die PKK respektive die mit ihr verbundene TAK mit ihrer Strategie des Terrors, sie verliert damit doch nur Rückhalt in den eigenen, gemässigten Reihen?

Das ist vielen Türken unklar. Der militante Kurs der PKK seit letztem Jahr hat ja etwa dazu geführt, dass die pro-kurdische Partei HDP sehr in Bedrängnis geraten ist. Eigentlich sollte die PKK ein Interesse daran haben, moderate Kurden zu stärken. Aber anscheinend akzeptiert man niemanden neben sich, der eine Alternative anbietet. Der aktuelle Kurs der PKK ist davon bestimmt, dass eine Rückkehr zum Friedensprozess von der Regierung ausgeschlossen wird. Die PKK versucht zu beweisen, dass sie schlagkräftig ist, dass ihr der Krieg der vergangenen Monate nichts anhaben konnte, dass sie ins Herz des türkischen Staates vordringen kann, und dass der Krieg nichts ist, was die türkische Mehrheitsgesellschaft in der Westtürkei einfach verdrängen kann. Ob das langfristig eine kluge Strategie ist, bleibt mal dahingestellt.

Für die Regierung stand sofort fest, dass die PKK und nicht etwa der IS hinter dem Anschlag steckt. Wieso?

Ich kann nicht beurteilen, welche Beweise die Polizei bereits gesammelt hat. Die Vermutung der Regierung, dass die PKK hinter dem Anschlag steckt, bezieht sich zum einen auf die benutzte Autobombe, zum anderen aber auch darauf, dass Polizisten angegriffen wurden. Beides ist sehr typisch für die PKK. Die Anschläge des IS haben sich dagegen fast immer gegen grosse Menschenmassen gerichtet, entweder gegen touristische Ziele oder gegen türkische Oppositionelle, vor allem gegen Kurden.

In den sozialen Medien ist die Rede davon, die türkische Regierung habe die Attacke selbst inszeniert. Kann man diese Spekulationen als Verschwörungstheorien abtun?

Es fehlen zumindest die Beweise für derlei Theorien. In der Türkei waren solche schon immer weit verbreitet. Gerade die Opposition traut dem Staat sehr viel zu. Das leitet sich aus den Erfahrungen der Vergangenheit ab, weil es während der 90er-Jahre eine Zusammenarbeit zwischen faschistischen Organisationen und dem türkischen Geheimdienst gegeben hat. Es gibt aber keinen klaren Beleg dafür, dass die Regierung hinter den jüngsten Anschlagswellen steckt – im Gegensatz zur PKK und dem IS, die genügend Gründe für Anschläge haben. Aber man muss auch sagen, dass der türkische Staat mit seinem harten militärischen Vorgehen im Südosten der Türkei sehr viel dafür tut, dass gerade junge Menschen sich der PKK anschliessen und im Glauben bestärkt werden, dass der bewaffnete Kampf die einzige Möglichkeit sei, ihre Rechte durchzusetzen. Hier verletzten türkische Sicherheitskräfte jede Rechtsstaatlichkeit und gehen auch gegen Kurden vor, die nachweislich nichts mit der PKK und ihrem bewaffneten Kampf zu tun haben. Das radikalisiert natürlich, rechtfertigt aber natürlich nicht den Terror.

Haben die Massenentlassungen nach dem Putschversuch Lücken in den türkischen Sicherheitsapparat gerissen, die allenfalls Attentate begünstigen?

Die Polizei ist in Istanbul – und vor allem seit dem Anschlag auf den Atatürk-Flughafen Ende Juni – sehr präsent, man hat nicht den Eindruck, dass weniger Polizisten im Einsatz sind. Aber Sicherheitsanalysten zufolge haben die Massenentlassungen in den Reihen der Sicherheitskräfte eine starke Lücke gerissen. Man ist dabei, neue Polizeikräfte anzuwerben, die aber erst ausgebildet werden müssen. Es gibt also ganz offensichtlich einen verstärkten Personalbedarf. Also ja: Die türkischen Sicherheitskräfte sind momentan sehr strapaziert.

Müssen wir mit weiteren Terroranschlägen in der Türkei rechnen?

Ich denke schon. Denn an der grundsätzlichen politischen Lage in der Türkei wird sich leider nichts ändern. Die Türkei wird, mindestens bis zum Präsidentialreferendum, auf einen sehr harten Kurs gegenüber der PKK setzen. Einerseits wegen der divergierenden Interessen in Syrien, andererseits wegen der sich abzeichnenden Koalition zwischen der herrschenden AKP-Partei und den Ultranationalisten MHP, für die die Bekämpfung der PKK schon immer oberstes Gebot war. Und dann kommt auch noch der IS dazu. Je mehr dieser in Syrien und im Irak in die Enge getrieben wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass Schläferzellen in der Türkei auf Rache sinnen und dort Anschläge verüben werden.

Kristian Brakel ist Türkei-Experte und Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul (Bild: Heinrich Böll Stiftung)

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