«Intensität überrascht»: Viele Deutsche fühlen sich hier nicht willkommen
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«Intensität überrascht»Viele Deutsche fühlen sich hier nicht willkommen

Wie fühlen sich Deutsche in der Schweiz? Eine neue Studie gibt Aufschluss darüber. Der Studienautor wurde von der Emotionalität des Themas überrascht.

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num/sda
Jeder fünfte Deutsche wurde in der Schweiz bei der Miete schon einmal wegen seiner Nationalität benachteiligt.

Jeder fünfte Deutsche wurde in der Schweiz bei der Miete schon einmal wegen seiner Nationalität benachteiligt.

Eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien in Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen hat das Befinden der Deutschen in der Schweiz untersucht. Etwa 1000 in der Schweiz arbeitende Deutsche beantworteten dafür 2014 online eine ganze Reihe von Fragen.

Studienautor Thomas Köllen sagt zu 20 Minuten: «Ich war überrascht von der Intensität des Themas, das habe ich so noch nie erlebt.» Er habe viele Rückmeldungen erhalten von Deutschen, die sich gefreut hätten, das Thema zu behandeln. «Einige Teilnehmer hätten noch lieber über ihre Erfahrungen im Alltag gesprochen, aber als Wirtschafts-Uni haben wir uns stark auf die Arbeitswelt konzentriert.»

Benachteiligungen wegen der Nationalität

Je nach Thema gaben 13 bis 24 Prozent der befragten Deutschen an, in der Schweiz wegen ihrer Nationalität benachteiligt zu werden: 21 Prozent hatten diesen Eindruck beispielsweise beim Kauf oder der Miete einer Wohnung oder eines Hauses. 15 Prozent gaben an, ihnen sei eine Anstellung verweigert worden, weil sie Deutsche seien.

Befragungen zu Themen wie Service im Restaurant, zu Respekt und Höflichkeit zeigten, «dass verschiedene Arten von Zurücksetzung oder Ungleichbehandlung im Schweizer Alltag in unterschiedlicher Intensität erlebt werden», folgerten die Verfasser aus den Umfrageergebnissen.

Antideutsche Grundstimmung

Eine antideutsche Grundstimmung in der Schweiz werde von vielen Deutschen wahrgenommen, heisst es. Dies wirke sich vor allem auch am Arbeitsplatz aus. Einige der Zuzüger versuchten, durch bewusst gesteuertes Verhalten Geringschätzungen zu entgehen: So gaben 23 Prozent der Befragten an, «manchmal weniger oder gar nicht zu reden, damit sie aufgrund ihrer Aussprache nicht als Deutsche identifiziert werden».

Die Befragten mussten sich für die Studie auch zu folgender These äussern: «In die Schweiz kommt man nicht als Deutscher, sondern man wird in der Schweiz erst zum Deutschen gemacht.» 15 Prozent stimmten dieser Aussage «voll zu», 34 Prozent kreuzten das Kästchen «stimme eher zu» an. 19 Prozent entschieden sich für «weder noch», die übrigen 32 Prozent der Befragten lehnten die These «eher» oder «ganz» ab.

Viele fühlen sich nicht willkommen

Eine der Schlussfolgerungen aus der Studie: Etwa 30 Prozent der in der Schweiz lebenden Deutschen fühlten sich «nicht willkommen und nicht dazugehörig». Weitere 30 Prozent teilten diese Empfindung zumindest teilweise.

Fritz Burkhalter vom Swiss German Club sagt zu 20 Minuten: «Einige Deutsche schaffen es nicht, sich in der Schweiz heimisch zu fühlen.» Das liege an fehlenden Freunden, an der Arbeit, am Staat, am Umfeld – aber laut Burkhalter müssen sich Deutsche auch an der eigenen Nase nehmen: «Man muss sich engagieren, in Vereine gehen, einen Schritt auf die Schweizer zumachen.»

Burkhalter erinnert an das Jahr 2008, als eine Zuwanderungswelle aus Deutschland in die Schweiz kam – und damit auch die entsprechenden Diskussionen. «Meiner Meinung nach klappt es nun auch mit der Integration besser. Aber es gibt natürlich Einzelfälle, die sich hier nicht wohlfühlen.» (num/sda/sda)

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