Afghanistan: «Viele Frauen kennen ihre Rechte nicht»
Aktualisiert

Afghanistan«Viele Frauen kennen ihre Rechte nicht»

Rund 85 Prozent der Afghaninnen sind Analphabetinnen. Aufklärung über Rechte und Möglichkeiten der Selbstverwirklichung fängt oft bei null an.

von
Mey Dudin
AP
Ein Frau in Burka geht mit ihrer Tochter an einer Wand mit Werbung für die Parlamentswahlen in Kabul vorüber (13. September 2010).

Ein Frau in Burka geht mit ihrer Tochter an einer Wand mit Werbung für die Parlamentswahlen in Kabul vorüber (13. September 2010).

Wenn die afghanische Parlamentskandidatin Sona Sahar in Kabul von Tür zu Tür geht, trifft sie vor allem auf «Freunde». Die 27-Jährige hofft, bei den Wahlen am 18. September einen der 249 Sitze in der sogenannten Wolesi Jirga zu ergattern. Bis dahin wirbt sie bei den Bürgern der Hauptstadt um Unterstützung.

«Die meisten Menschen freuen sich sehr, wenn ich zu ihrem Haus komme und sie um ihre Stimme bitte», sagt die Journalistin. Sie werbe dabei nicht für sich selbst, versichert sie. «Wichtiger ist es, dass die Menschen überhaupt wählen gehen.» Die Afghanen richten in diesem Jahr zum ersten Mal ihre Parlamentswahlen wieder selbst aus. In 34 Provinzen sind die Bürger zum Urnengang aufgerufen, 2005 nahmen rund 32 Prozent an der Wahl teil.

Die Journalistin, die für das von der internationalen ISAF-Schutztruppe betriebene Radio Sada-i-Asadi (Stimme der Freiheit) arbeitet, ist eine von 406 Frauen, die sich am Hindukusch zur Wahl stellen. Mindestens 68 von ihnen werden ins Parlament einziehen, so sieht es das Wahlgesetz des Landes vor. Die Sicherheit der Kandidaten ist allerdings ein Schwachpunkt. In der Vergangenheit gab es immer wieder Drohungen und Attacken.

Angst vor Übergriffen hat die unabhängige Kandidatin bei ihren Werbetouren von Tür zu Tür dennoch nicht. «Warum sollte ich Angst vor den Menschen hier haben?», fragt sie. Wenn sie - begleitet von ihrem Fahrer oder ihrer Mutter - an die Türen klopft, begegne man ihr stets mit Respekt. «Oft setze ich mich zu den Ehefrauen und den Töchtern, die meist sehr schüchtern sind, und wir unterhalten uns, während sie kochen oder Brot backen.»

Vor sechs Jahren kam die gebürtige Kabulerin aus Pakistan zurück in ihre Heimat. Ins Nachbarland war sie zusammen mit ihrer Mutter, drei Schwestern und einem Bruder geflohen, als die Taliban in Afghanistan an die Macht kamen. «Meine Mutter musste sehr kämpfen, um uns durchzubringen», sagt Sahar, deren Vater starb, als sie zehn war. Aber Bildung sei in ihrer Familie immer wichtig gewesen. Mit ihrem Wissen will sie nun afghanischen Frauen weiterhelfen - muss aber oft bei null anfangen.

Aufklärung fängt oft bei null an

«Die meisten Frauen kennen ihre Rechte nicht. Sie wissen gar nicht, dass sie überhaupt Rechte haben», sagt sie. «Daher glauben sie alles, was ihnen die Leute vor Ort erzählen.» Auch heute noch würden viele Afghaninnen zur Ehe gezwungen. Mit ihrer Radiosendung will sie den Alltag der Frauen auch in den weit abgelegenen Regionen ein wenig verbessern: «Ich gebe ihnen zum Beispiel Gesundheitstipps, sage ihnen, dass sie ihre Kinder impfen lassen sollen, oder erkläre ihnen, wie sie kleine Geschäfte aufziehen können.»

Gerade die Gesundheitsversorgung sei in Afghanistan mangelhaft: «Auf dem Land sind die Bedingungen oft schlecht: Wird eine Frau schwanger, stirbt sie.» Am Wahltag hofft Sahar auf einen hohen Frauenanteil an den Urnen. «Natürlich kann es immer zu Angriffen kommen», sagt sie. «Es gibt schliesslich immer noch die Leute, die nicht wollen, dass Frauen mitreden.»

Sorge bereitet ihr aber vor allem ein Aberglaube, der unter den ungebildeten Frauen stark verbreitet sei: «Sie denken, wenn einmal etwas passiert ist, wird das zur Regel und passiert immer, wenn sie wählen gehen.» Die 27-Jährige hat inzwischen ein Netzwerk mit den Frauen geschaffen, die sich ebenfalls um einen Sitz im Parlament bemühen. «Bei den vergangenen Wahlen haben sich etwa 300 Frauen aufgestellt, jetzt sind es schon mehr als 400», freut sie sich.

Die Frauen wollen nach der Wahl den Kontakt zueinander halten, egal ob sie gewählt werden oder nicht. Mit zwölf Mitstreiterinnen tauscht sie sich regelmässig über ihre Erfahrungen im Wahlkampf aus. «Bedroht wurde bisher eine von uns.» Allerdings steckten hinter dem angeblichen Taliban-Anruf Verwandte der Frau. Sahar ist zuversichtlich: «In Afghanistan setzt man sich zusammen, redet, hört zu und findet gemeinsam Lösungen. Dann passiert auch nichts.» Die Wahlkämpferin betont: «Wenn du nur hoffnungslos in der Ecke deines Hauses sitzt, kannst du nichts erreichen.» Sie fügt hinzu: «Es ist unsere Verantwortung zu lernen, uns weiterzubilden und dann zu schauen, was wir für andere tun können.»

Frauen in Afghanistan

- Rund 60 Prozent der Männer sind Analphabeten, bei den Frauen sind es 85 Prozent.

- 2009 gingen in dem 33-Millionen-Einwohnerland rund sieben Millionen Kinder zur Schule. Mehr als ein Drittel waren Mädchen.

- Unter den 170 000 Lehrern sind 30 Prozent Frauen.

- Bei der Nominierung der Kandidaten für die bevorstehenden Parlamentswahlen lag der Frauenanteil bei fast 16 Prozent. 2005 waren es noch 12 Prozent.

- Insgesamt 406 Frauen bewerben sich um einen der 249 Sitze in der sogenannten Wolesi Jirga, mindestens 68 Sitze sind für Parlamentarierinnen reserviert.

- Mehr als 87 Prozent aller Frauen in Afghanistan sind Opfer häuslicher Gewalt. Damit ist das Land für Frauen eines der gefährlichsten der Welt.

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