06.11.2015 05:02

Basler Jugendarbeit

«Viele kriegen dank uns noch die Kurve»

Seit 40 Jahren gibt es den Jugendtreff Badhüsli und die Jugendberatung. Beide sind gefragter denn je, sagt Albrecht Schönbucher (57), Geschäftsführer der Jugendarbeit Basel.

von
lha
Albrecht Schönbucher (57) begleitet die Jugendarbeit Basel schon seit 22 Jahren als Geschäftsführer.

Albrecht Schönbucher (57) begleitet die Jugendarbeit Basel schon seit 22 Jahren als Geschäftsführer.

Die Sozialen Medien scheinen heute zum Taktgeber der Jugendkultur geworden zu sein. Wie wichtig sind real existierende soziale Treffpunkte wie das Badhüsli St. Johann für Teenager in Zeiten, in denen virtuelle Räume immer wichtiger werden?

Schönbucher: Jugendhäuser sind immer noch ganz wichtig, das weiss man auch aus einschlägigen Untersuchungen. Das Virtuelle ersetzt das Reale nicht. In den letzten zehn Jahren sind die Besucherzahlen in unseren Jugendtreffpunkten sogar gestiegen. Wir haben eine sehr gute Nutzung und ein sehr vielseitiges Angebot. Solche Plätze braucht es.

Wie geht es der Basler Jugend heute?

Wenn man die letzten Jahre anschaut, sieht man eine positive Tendenz. Das zeigen auch Befragungen zur Zufriedenheit der Jugendlichen mit der Stadt. In den letzten 15 Jahren hat sich vieles zum Positiven verändert. Anfang der 90er-Jahre war Gewalt noch ein ganz zentrales Thema in der Jugendarbeit. Das ist heute nicht mehr so. Der Mehrheit der Jugend geht es gut, aber es gibt nach wie vor Kids, die nicht mithalten können und verloren gehen. Es sind Hunderte, die den Anschluss nicht finden, keine Lehrstelle antreten oder nicht einmal einen Schulabschluss machen.

Die Jugendberatung, die ebenfalls seit 40 Jahren angeboten wird, bietet solchen Jugendlichen Hilfe an. Finden die aber überhaupt den Weg zu euch?

Wir bekommen rasch mit, wenn etwas nicht stimmt. In den Jugendhäusern sind wir sehr nah am Puls. Die Kids finden den Weg zur Jugendberatung, ohne dass wir je Werbung dafür machen mussten. Wir betreuen 300 bis 400 Jugendliche pro Jahr, und das mit nur 140 Stellenprozenten, die wir dazu zur Verfügung haben. Die meisten kommen, wenn sie den Druck nicht mehr aushalten können, die Schuldscheine sich stapeln oder die Wohnung gekündet wurde.

Und dann müssen sie Feuerwehr spielen?

Das ist keine Feuerwehrübung. Also ja, im ersten Moment schon, aber dann gehen wir das Problem Schritt für Schritt an. Das kann man nicht in zwei Minuten lösen. Die Jugendlichen kommen da teilweise mit 30'000 Franken Schulden zu uns, das sind extrem anspruchsvolle Fälle. Das Erstaunliche ist: Meistens gibt einen Weg, wenn der Wille vorhanden ist. Die Jugendlichen müssen sich aber dafür einsetzen und mitarbeiten.

Jugendkultur ist dynamisch und stets im Wandel. Wie hat sich die Jugendarbeit in den letzten 40 Jahren verändert?

Vieles, aber ich bin ja erst seit 1992 dabei. Gleichzeitig gibt es einige Konstanten. Der Wunsch und Bedarf nach Raum, wo Jugendliche unter sich sind und sich ausprobieren können, ist ganz zentral. Die haben ja kein Geld, also müssen wir ihnen Räume geben, wo sie sich ausdrücken und entwickeln können. Im Moment haben wir unglaublich viele Tänzer, aber ich musste mir auch schon monatelang Techno anhören. Ich stelle aber fest, dass der jugendkulturelle Ausdruck in immer mehr Sparten verfällt. Für mich ist das total unüberschaubar geworden. So einfach wie früher ist das nicht mehr. Hier zeigt sich auch die gesellschaftliche Individualisierungstendenz, der Wunsch etwas eigenes zu schaffen. Die radikale Abgrenzung so wie bei den Punks gibt es allerdings kaum mehr.

Haben wir eine heute eine konformistische Jugend?

Die haben durchaus ihren eigenen Kopf, aber das Ideal der vorausgegangenen Generationen, die sich noch radikal von ihren Eltern abgrenzen mussten, gibt es nicht mehr. Warum auch, wenn sie heute Eltern haben, die immer liberaler werden. Da hat sich die Gesellschaft verändert und es ist auch toll, dass sie verständnisvoller geworden ist. Wir wären froh gewesen über all die Angebote, die es heute gibt. Das heisst aber keineswegs, dass Jugendliche es heute einfacher haben.

Spiegelt sich diese Entwicklung auch in der Jugendarbeit

Die Anerkennung ist heute viel grösser als früher. Da wurden Jugendhäuser noch mit Drogen in Verbindung gebracht. Heute ist die Jugendarbeit in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Daneben ist aber auch die finanzielle Anerkennung wichtig, gerade wenn übers Sparen geredet wird. Viele Jugendliche profitieren von unseren Angeboten. Dank der Jugendarbeit Basel kriegen viele noch die Kurve. Und es ist auch eine Plattform, wo sich Jugendliche mit verschiedenen Backgrounds kennen lernen. Wir sind ein Ort der Möglichkeiten, wo kreative Dinge entstehen.

Fehler gefunden?Jetzt melden.