Zukunftsblicke: Viele leiden unter den schnellen Veränderungen
Aktualisiert

ZukunftsblickeViele leiden unter den schnellen Veränderungen

Wir leben in einer sehr bewegten Welt. Doch welche Veränderungen werden uns nachhaltig beeinflussen? Wir haben uns mit dem Luzerner Zukunftsforscher Georges T. Roos unterhalten.

von
Ruedi Bomatter
Der Blick in die Trendkugel sagt, dass im Jahr 2040 die Lebenserwartung über 90 Jahre betragen wird.

Der Blick in die Trendkugel sagt, dass im Jahr 2040 die Lebenserwartung über 90 Jahre betragen wird.

Wir alle machen uns konstant Gedanken darüber, was in der Welt um uns geschieht. Weshalb kommt es trotzdem immer wieder vor, dass uns Veränderungen verborgen bleiben oder sogar überrumpeln?

Georges T. Roos: „Es gibt Beststeller-Autoren, die behaupten, dass alles wirklich Weltbewegende uns überrascht hat: Wir hielten es für höchst unwahrscheinlich und belanglos - und dann hat es die Welt verändert. Soweit würde ich nicht gehen. Vieles, was uns überrascht, wäre vorhersehbar oder zumindest früh erkennbar gewesen, wenn wir zwei Fehler vermieden hätten: Der erste Fehler ist, dass wir unsere Aufmerksamkeit immer nur dem schenken, was wir bereits kennen. Der zweite Fehler ist, dass wir mit Gedankenbildern und Modellen die Welt zu verstehen versuchen, die der Komplexität nicht angepasst sind. Also Ignoranz und blinder Fleck."

Wir leben in einer sich ständig verändernden und sehr dynamischen Welt. Viele Menschen nehmen ihre Umwelt aber als statisch wahr. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?

Georges T. Roos: „Stimmt das wirklich? Ich erlebe den grössten Zuspruch in meinen Vorträgen, wenn ich die Beschleunigung des Wandels erkläre. Viele leiden gerade darunter, dass sich alles immer schneller verändert, die Dinge immer weniger Bestand haben, dass alles, was einst fest war, nun flüssig geworden zu sein scheint. Wir erleben Beschleunigung auf drei Ebenen: Die technische Beschleunigung, die Beschleunigung des sozialen Wandels und die Beschleunigung des eigenen Lebenstempos. Wenn wir veränderungsblind sind, dann vor allem deshalb, weil eine kontinuierliche Veränderung schleichend daher kommt. Es ist, wie Kinder wachsen zu sehen: Als Vater, der jeden Tag um die eignen Kinder herum ist, fällt deren Wachstum gar nicht auf. Erst, wenn die Tante nach drei Monaten zu Besuch kommt und erstaunt feststellt: Wow, seid ihr gross geworden!, fällt es auch dem Vater auf."

Der Schwedische Futurologe und Autor Magnus Lindkvist attestiert den Menschen eine gewisse Veränderungsblindheit. Wo liegen die Gründe für diese Unfähigkeit, Veränderungen zu erkennen?

Georges T. Roos: „Der Wunsch ist oft Vater des Gedankens: Man wünscht sich, dass sich die wichtigen Dinge im Leben nicht ändern. Keine Arbeitsplatzunsicherheit, stabile Beziehungen, keine Börsencrashs und keine Kriege. Es gibt Ausnahmen, aber für die meisten gilt: Wir bewegen uns erst, wenn wir dazu gezwungen sind. Wir lernen und passen uns neuen Umständen an, aber erst wenn es weh tut."

Wer sagt uns wirklich, welche Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft stattfinden und was in Zukunft Sache ist?

Georges T. Roos: „Die Zukunft ist nicht vorherbestimmt – aber sie kommt auch nicht einfach aus heiterem Himmel auf uns niedergefallen. Eine punktgenaue Prognose lässt sich nicht stellen. Aber wir können die Veränderungskräfte verstehen, also die Treiber und die entsprechenden Megatrends. Damit sind wir noch nicht vor Überraschungen gefeit, aber doch immerhin besser darauf vorbereitet, als wenn wir uns keine Gedanken machen. Diese Megatrends entsprechen auch oft den bereits bekannten Herausforderungen: Alterung, Ressourcen und Klima, Wissensgesellschaft und andere mehr."

Gerade Unternehmer und Manager müssen Veränderungen frühzeitig erkennen und auf Trends schnell reagieren. Wie lässt sich der Blick für Veränderungen schärfen?

Georges T. Roos: „Indem sich die Unternehmer mit den Megatrends und Trends im unternehmerischen Umfeld auseinandersetzen: Megatrends haben für alle gewisse Konsequenzen, sie sind allerdings noch etwas abstrakt: Was bedeutet das Ende der fossilen Wirtschaft für mein Unternehmen? Was bedeutet die demografische Alterung für mich? In einem zweiten Schritt muss der Unternehmer analysieren, welche Kräfte – wir sagen Treiber – das spezifische Umfeld verändern. Ich empfehle, dass man 10 bis 20 Thesen zu Trends formuliert, welche auf das künftige Geschäft Einfluss nehmen können. Durch einen mehr oder weniger systematischen Früherkennungsprozess lassen sich darauf aufbauend die Entwicklungen verfolgen – und frühzeitig sich aufdrängende Massnahmen ergreifen oder neue Chancen realisieren."

Zeichnen sich in der näheren Zukunft Trends ab, welche unsere Sicht der Welt grundlegend in Frage stellen?

Georges T. Roos: „Welche Sicht meinen Sie? Ich bin mir nicht sicher, ob Sie und ich die Welt gleich sehen. Lassen Sie es mich so sagen: Wir sollten immer wieder mal den Mut haben und uns die Freiheit nehmen, die Welt ganz anders zu denken. Die Amerikaner nennen es „out-of-the-box-thinking". Die Leitfrage ist: Was wäre, wenn es ganz anders wäre? Zum Beispiel wenn wir kein Öl mehr verbrennen? Wenn die durchschnittliche Lebenserwartung auf 90 Jahre ansteigt? Wenn über die Hälfte der Erwerbstätigen einen Abschluss einer Fachhochschule oder Universität aufweisen werden? Diese drei Beispiele sind übrigens nicht zufällig: In 30 Jahren wird das alles so sein."

http://www.seminare.ch/change-management-info.html

http://www.kultinno.ch

http://www.futuremanagementgroup.com

http://www.zukunftsletter.ch

Die wichtigsten Zukunftstrends

Verschiedene Gigatrends werden unser Leben in Zukunft massgeblich beeinflussen:

- Weltweites Wachstum der Bevölkerung

- Demografischer Wandel durch steigende Lebenserwartung

- Globale Migrationsströme

- Wirtschaftliche und kulturelle Globalisierung

- Wandel zur Wissensgesellschaft

- Klimaveränderung

Deine Meinung