Der Star der Strick-Szene: «Viele Männer stricken heute wegen mir»
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Der Star der Strick-Szene«Viele Männer stricken heute wegen mir»

Stephen West umgarnt mit anarchischem Charme und knallbunten Designs die ganze Welt. Auch junge Schweizerinnen und Schweizer greifen dank ihm zur Stricknadel. Lesen Sie hier das Interview.

von
Gabriel Brönnimann

Herr West, Schweizer Fans reisen nach Hamburg für ein Autogramm von Ihnen. Wie fühlt sich das an?

Stephen West*: Ich liebe es! So etwas passiert nur bei Strick-Events, die Mehrheit kennt mich aus dem Internet. Man fühlt sich plötzlich wie ein Rockstar.

Sie sind Amerikaner, leben und arbeiten in Amsterdam. Wie wurden Sie zum Rockstar der Strick-Szene?

Vor vier Jahren zog ich nach Amsterdam, um Tanz-Choreographie an der School for New Dance Development zu studieren - eine der besten Schulen, die wurde mir von meiner Tanzlehrerin Kirstie Simson empfohlen. Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens - Amsterdam ist wunderschön und ein sehr entspannter Ort. Ich bin 25 Jahre alt - mit 16 fing ich an zu stricken. Das hatte ich meiner High School zu verdanken: Die boten einen Kurs an. Ich war der Junge mit den Stricknadeln, in jeder Pause.

Und wann haben Sie gemerkt: Das ist das, was ich tun will?

Das war ein Prozess, der schon begann, während ich in Illinois Tanz studierte: Die Besitzerin eines Strickladens brachte mir viel bei und ermutigte mich, mein erstes Strickmuster zu entwerfen. Dieses veröffentlichte ich gratis auf Ravelry.com - und da haben es Dutzende gleich nachgestrickt. Danach veröffentlichte ich weitere Designs, und bald kauften Hunderte meine Muster und veröffentlichten Fotos ihrer Arbeiten. Das ging einfach so weiter - bis es die grössere Leidenschaft war als das Tanzen. Mit der Uni habe ich aufgehört und meine eigene Firma Westknits gegründet.

Als Sie damit anfingen: Hätten Sie je gedacht, dass Sie damit derart erfolgreich sein würden?

Nein. Ich habe das nicht angefangen, um davon zu leben. Ich tat es zu meiner Unterhaltung - und deshalb, weil ich Kleidung und Accessoires designen wollte, die ich nirgends in Läden finden konnte. Ich habe grosses Glück: Ich mache, was ich will und kann davon leben.

Sie verkaufen Ihre Strickmuster online. Wie viele Leute downloaden ein erfolgreiches Design?

Beliebte Strickmuster verkaufen sich 8'000- bis über 10'000-mal. Meine Gratismuster erreichen Downloadzahlen von über 80'000. Ich produziere 50 bis 75 Designs pro Jahr. Die meisten Sachen verkaufe ich auf Ravelry oder auf Westknits.com. Wenn ich kann und nicht mit Reisen oder Strick-Unterricht beschäftigt bin, stricke ich acht bis zehn Stunden pro Tag.

Acht Stunden täglich? Was ist am Stricken so toll?

Dem Stricken ist es egal, wer du bist: Ob man gerade glücklich oder traurig ist, es passt immer, Stricken ist wie eine Gratis-Psychotherapie. Wobei: Wenn man so viel Wolle kauft wie ich, wird es schweineteuer.

Wie würden Sie den typischen Stricker beschreiben?

Stricker sind sehr intelligente Menschen - und dazu frech, schlau - und auch ein bisschen eigenartig. Und sie sind unabhängig, das gefällt mir.

Ist das Internet mitverantwortlich für den Strick-Boom?

Definitiv. Nie zuvor gab es so einen Reichtum an Designs und Inspirationsquellen. Informationen werden so schnell geteilt - man sieht die Fotos eines fertig gestrickten Musters innert einer Woche, oder sogar noch am selben Tag, wenn man so besessen ist wie ich. Man sieht natürlich auch viele langweilige Sachen, immer das Gleiche - es gibt noch viel Raum für immer neue Sachen.

Wird die Strick-Community nach wie vor grösser?

Die wird stetig grösser - ich sehe das an all den Events und Kursen und in den Läden. Das ist gegen oben offen.

Es gibt unterdessen auch viele strickende Männer. Ist da nicht trotzdem noch ein Stigma damit verbunden?

Ach, das ist doch kein Thema mehr. Falls irgendjemand ein Problem damit hat, wenn er einen Mann stricken sieht, dann sollte er einfach mehr aus dem Haus gehen: Es gibt Tausende von uns. Und es werden immer mehr. Viele Männer stricken wegen mir: Ich erhalte regelmässig Mails von Leuten, die mir sagen, dass ihre Söhne mit Stricken angefangen haben, weil sie meine Sachen auf Youtube oder sonstwo im Internet gesehen haben. Ausserdem: Ich bin ja mehr ein «Unisex»-Stricker: Meine Designs sind für alle.

Sie haben nie Probleme, weil irgendeiner sagt: «Stricken ist schwul»? Sie machen ja kein Geheimnis um Ihre sexuelle Ausrichtung.

Dem Stricken ist es vollkommen egal, ob du ein Mann oder eine Frau bist, oder irgendwas dazwischen. Dem Stricken ist es völlig wurst, wer du bist, oder wie du aussiehst. Viele meiner Freunde sitzen gerne zusammen in gemütlicher Runde und machen geniale Pullover, statt sich irgendwelchen wertenden Fremden in Clubs auszusetzen. Das heisst nicht, dass ich nicht an Partys anzutreffen bin - Stricken ist mir einfach wichtiger. Falls jemand sagt, ein gestrickter Schal sei schwul - nun, das ist einfach extrem peinlich für den, der das sagt. So einer sieht im Winter wohl einfach gerne aus wie ein frierender Idiot - ohne Schal.

Das Phänomen Stephen West

*Stephen West, 25 Jahre jung, verdient Millionen mit seinen Strickmustern für Schals, Pullis und Mützen.

Der gebürtige Amerikaner, der in Amsterdam lebt und arbeitet, macht Stricken wieder cool auch in der Schweiz. «Die Jungen lieben seine Sachen», sagt Eva Grimmer vom Strickladen Vilfil in Zürich. «Die sind sehr modern, er ist ein angesagter Designer», so die Geschäftsinhaberin.

West verkauft seine Muster auf Ravelry.com, dem Facebook der Szene (über vier Millionen registrierte User). Auch viele Schweizer sind dabei. «Stephen ist der Crack der Szene, ein Star und er macht so schöne Sachen», schwärmt Astrid Balli, Geschäftsinhaberin von Wollwirrware in Bern. Balli: «Seit einigen Jahren gibt es einen Boom: Die Leute kommen mit Designs von Ravelry, Frauen und Männer, und kaufen die Wolle im Laden.»

Beatrix Trüssel, Inhaberin von Wollare in Basel und Liestal, hat Bücher von West. Trüssel: «Die Jungen bringen eine Unbeschwertheit und Respektlosigkeit im Umgang mit Materialien und Formen. Im guten Sinn», sagt Trüssel, die selber Strickmuster designt.

West ist derart angesagt, dass Schweizerinnen und Schweizer am 6. September für ein Autogramm nach Hamburg ans ausverkaufte «Wollfest» reisten (über 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer). «Er ist nicht nur gut, er ist auch richtig nett», sagt eine von ihnen zu 20 Minuten.

(gbr)

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