23.04.2016 16:36

Gesundheitsfanatiker«Viele Menschen leben in einem Ernährungswahn»

Ernährungsexperte Uwe Knop redet in seinem neuen Buch Klartext: Statt gesundes Essen über alles zu stellen, sollte man endlich wieder seinen Gelüsten folgen.

von
B. Zanni

Herr Knop*, welches ist die beste Ernährungsform?: Veganismus, Vegetarismus, Low-Carb, Detox, Clean-Eating, Paleo oder Bio?

Keine. Am besten und am gesündesten ist das, was Ihnen am besten schmeckt und Ihnen das beste Gefühl vermittelt. Jeder Mensch isst anders. Daher gibt es nicht «die» Ernährungsweise. Leider hören aber viele Menschen nicht mehr auf ihren Körper. Sie leben in einem Ernährungswahn. Gegessen wird dann nur noch hysterisch.

Bedenkenswert klingt auch der Untertitel Ihres Buchs: «Warum wir keine Angst vor dem Essen haben müssen.»

Tatsächlich. Man kann ja auch kaum mehr zehn Leute zu einem schönen Essen einladen. Der eine Gast ist dann Veganer, der andere Vegetarier, der Dritte isst keine glutenhaltigen Produkte. Die Situation ist paradox. Wir leben im Schlaraffenland und definieren gesunde Ernährung dadurch, dass wir bestimmte Nahrungsmittel weglassen. Gleichzeitig hungert auf der Welt immer noch knapp eine Milliarde Menschen.

Was hat uns in diesen Wahnsinn getrieben?

In der Ernährung schreitet die Lobbyarbeit massiv voran. Ziel ist vor allem, aus Spezialprodukten, Büchern und Kursen ein grosses Geschäft zu machen. Immer wieder geistern neue Ernährungsmythen herum. Das Essen ist oft zur Ersatzreligion geworden. Die Lobbyisten bewerben gewisse Ernährungsformen dann missionarisch als «die» heilbringenden, gesunden, schlankmachenden und die Welt rettenden. Dabei ist das alles Quatsch.

Wie können Sie das behaupten?

Ich habe in den letzten zehn Jahren rund 1000 aktuelle wissenschaftliche Studien analysiert. Wer keine ideologische Brille aufsetzt, kann nur zu einem Schluss kommen: Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass eine Ernährung gesünder oder schädlicher ist. Die Ernährungsforschung gleicht dem Blick in die Glaskugel. Um belastbare Ergebnisse zu liefern, müssten kontrollierte klinische Studien gemacht werden. Es gibt aber fast nur Beobachtungsstudien, die ausschliesslich wachsweiche Hypothesen liefern.

Sagen Sie jetzt aber nicht, Fast Food mache nicht dick.

Es gibt auch keinerlei Beweise dafür, dass man von Fast Food dick oder krank wird. Die Dosis macht das Gift. Wer jeden Tag 15 Äpfel verdrückt oder zu viel vegane Spaghetti mit Tofu isst, kann ebenso krank werden. Hat man Lust auf einen Burger, sollte man dieser doch nachgeben. Behandelt man einen Burger gleich wie jedes andere Lebensmittel, wird er immer selbstverständlicher und damit weniger verführerisch.

Für mehr Gesundheit empfahl unter anderem das Bundesamt für Gesundheit mit der Aktion «5 am Tag» der Schweizer Bevölkerung, täglich fünf Portionen Gemüse und Früchte zu essen. Sind Aktionen wie diese also für die Katz?

Sicher sind sie absatzfördernd. Ich halte nichts davon, wenn sich der Staat in die Ernährung einmischt. Er hat eine moralische und ethische Verantwortung. Wenn nicht bewiesen ist, was gesund und was ungesund ist, kann man den Bürgern doch nicht eine Ernährung aufzwingen. Das könnte für die Menschen ja sogar schädlich sein.

Was passiert, wenn wir dem «Ernährungswahnsinn» verfallen bleiben?

Man entwickelt psychische Störungen wie Orthorexie. Dabei essen Menschen zwanghaft nur noch Gesundes. Ein Horrorszenario wäre, wenn der Staat zum Beispiel vegane Tage oder den Restaurantküchen eine bestimmte Fleischmenge vorschreiben würde. Aber ich glaube nicht, dass es so weit kommt. Es gibt immer noch zu viele Menschen, die sich beim Essen so wenig dreinreden lassen wie beim Sex.

*Uwe Knop (43) ist Ernährungswissenschaftler und lebt in Deutschland.

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