Retortenbabys: «Viele Paare warten heute zu lange»
Aktualisiert

Retortenbabys«Viele Paare warten heute zu lange»

Vor 30 Jahren kam das erste im Reagenzglas gezeugte Kind zur Welt. Immer mehr Paare haben seither den Weg der künstlichen Befruchtung gewählt. Professor Herbert Zech über die Gründe für den Anstieg, die sichersten Methoden und die Grenzen der medizinischen Reproduktion.

von
Olaf Kunz

Am 25. Juli 1978 um 23.47 Uhr kam Louise Joy Brown auf die Welt. Sie wog genau 2.600 Gramm und war das weltweit erste Retortenbaby. Experten schätzen, dass seither mindestens eine Million Babys weltweit dank reproduktionsmedizinischen Massnahmen geboren wurden. Auch viele schweizer Paare mit unerfülltem Kinderwunsch versuchen auf dem Weg der künstlichen Befruchtung zu Nachwuchs zu gelangen. Für viele ist das Institut für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie in Bregenz die Anlaufstation. Im Interview mit 20 Minuten Online erläutert Professor Herbert Zech, Institutsgründer und -direktor, woher das grosse Interesse an künstlicher Befruchtung rührt.

20 Minuten Online: Warum ist die Zahl der künstlichen Befruchtungen in den vergangenen Jahren so rapide angestiegen?

Herbert Zech: Ein Grund ist, dass Paare heutzutage oft sehr lange zuwarten und erst mit Mitte 30 oder Anfang 45 ans Kindermachen denken. Die Wahrscheinlichkeit für eine natürliche Schwangerschaft sinkt bei Frauen um die 40 aber fast gegen Null.

Wieviele Ihrer Patienten kommen aus der Schweiz?

Etwa 30 bis 35 Prozent unserer 2000 Patienten jährlich. Auch aus Deutschland kommen sehr viele. Durch die Grenznähe haben wir im Schnitt drei mal mehr Patienten als das grösste Institut in Wien.

Wie ist dieser Run zu erklären?

Schweiz, Deutschland und vor allem Italien haben die restriktivsten Gesetze in dieser Hinsicht. Eine optimale Ausnutzung der medizinisch sinvollen Möglichkeiten ist dort kaum gewährleistet. Eine der erfolgreichsten Methoden heutzutage ist die sogenannte Blastozystenkultur. Dabei werden die Embryonen fünf Tage lang kultiviert und der Transfer kann so zu einem Zeitpunkt vorgenommen werden, an dem die Embryonen sich auch üblicherweise in der Gebärmutter einnisten. Dieses Stadium erreichen nur die besten Embryonen und somit auch nur jene mit dem besten Einnistungspotenzial. Dies ist zum Beispiel in der Schweiz aber nicht erlaubt.

Was ist der grösste Unterschied bei der künstlichen Befruchtung, wenn man den Stand heute mit dem vor 30 Jahren vergleicht?

War Ende der 70er Jahre der Eileiterverschluss Hauptgrund für eine künstliche Befruchtung, wird heute ein Grossteil der Behandlungen aufgrund reduzierter Samenqualität durchgeführt. Auch die Erfolgschancen sind um ein Vielfaches gestiegen. Mitte der 80er Jahre lagen diese bei lediglich 15 bis 20 Prozent. Es wurden damals fünf bis sieben Embryonen transferiert, und häufiger kam es zu Mehrlingsschwangerschaften - man war sogar stolz darauf. Wenn ich hingegen heute eine Frau mit Drillingen sehe, denke ich mir: Mein Gott, was ist da schief gelaufen?

Zu welchen Komplikationen kann es bei einer künstlichen Befruchtung kommen?

Mit den neuen Methoden sinkt die Wahrscheinlichkeit für ungewollte Mehrfachschwangerschaften fast gegen Null. Zwillingsgeburten sind also nicht unbedingt das Thema. Häufig kommt es aber zu einer Überstimulation der Eierstöcke, vor allem wenn das Wachstum nicht mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl angeregt wird. Weil der Eierstock dann viel mehr Eizellen produziertm, haben Patientinnen unter Umständen starke Unterbauchschmerzen.

Wo liegen die Grenzen der medizinischen Reproduktionsmethoden?

Viele Frauen wünschen sich auch mit 45 und darüber noch Kinder. Sie haben dann entweder schon eine längere, erfolglose Therapie hinter sich, sind häufig auch mit einem neuen Lebenspartner zusammen oder haben sich jetzt erst zu einem Kind entschieden. Hier können auch modernste und beste Methoden nur bedingt helfen, obwohl in Medien immer wieder von weitaus älteren Schwangeren berichtet wird.

Wie hoch sind im Schnitt die Kosten für eine künstliche Befruchtung?

Diese lieben bei etwa 4000 bis 5000 Euro pro Behandlung.

Deine Meinung