Aktualisiert 19.05.2009 11:27

Facebook

«Viele Pädophile betreiben Grooming»

Immer mehr junge User tummeln sich in der grössten Schweizer Online-Community. Aber auch immer mehr Mitglieder mit sexuellen Interessen an jungen Facebooklern. Trotzdem haben potenzielle Kinderschänder kein leichtes Spiel.

von
Olaf Kunz

Der Bluewin-Chat ist tot. Grund: Zu viele Pädophile fischten im virtuellen Teich. Doch die Schliessung wird sie nicht davon abhalten, via Internet nach neuen Opfern Ausschau zu halten. Erste Adresse für Neukontakte könnte Facebook sein. 71 Prozent der unter 15-Jährigen haben laut einer nicht repräsentativen Online-Umfrage von 20 Minuten Online einen Facebook-Account. 69 Prozent dieser Kategorie besucht die Social-Community täglich. Das sind jede Menge potenzielle Opfer für derlei Attacken. Das weiss auch Facebook und versucht mit eigenen Pädo-Jägern vorzugehen.

Vorsicht bei Anfragen

Der durchschnittliche Facebook-Nutzer hat 120 Freunde. Über ein Fünftel der befragten unter 15-Jährigen hat aber erst in den vergangenen zwei Monaten einen Account erstellt. Die Freundesliste will gefüllt werden. Das wissen auch Erwachsene mit sexuellen Neigungen, bei denen Kinder und Jugendliche eine Rolle spielen. Laut Stefan Kunfermann, Leiter der Medienstelle beim Bundesamt für Polizei (Fedpol), nutzen sie die verschiedenen sozialen Netzwerke schon heute, um Kontakte zu knüpfen und aktiv «grooming» zu betreiben. Das bedeutet, eine emotionale Bindung herstellen und Vertrauen schaffen mit dem Ziel, sich irgendwann mit dem Kind zu treffen, um sexuelle Handlungen vorzunehmen.

Kaum Chancen für falsche Freunde

Für Prof. Jo Groebel, Direktor des Deutschen Digitalen Instituts in Berlin, dennoch kein Grund für Panik: «Sich auf Facebook komplett zu tarnen, ist eher schwierig und pädophile Übergriffe sind weniger wahrscheinlich als bei anderen Angeboten.» Und auch für Jugendliche zählt Qualität mehr als Quantität, ist er überzeugt: «Es ist wichtiger, mit den richtigen, den coolen Leuten vernetzt zu sein. Das ist wie in der Schule, man will zur richtigen Clique gehören», erklärt er gegenüber 20 Minuten Online.

Doch darauf können sich Sitebetreiber nicht verlassen. Deshalb haben im Februar diesen Jahres 17 Social Communities eine Selbstverpflichtungserklärung für den Jugendschutz unterschrieben. Hierzu zählen Informationspflicht und die Altersdifferenzierung beim Inhaltezugriff. «Ausserdem können Minderjährige bei Facebook keine öffentlichen Sucheinträge besitzen oder erstellen», heisst es bei Facebook.

Die Facebook-SoKo

Da für Facebook gerade bei diesem Thema sehr viel auf dem Spiel steht, werden ausserdem «interne Ermittler» eingesetzt. Sie gleichen fortlaufend Profile mit den Daten bekanntgewordener Pädo-Verdächtigen ab. Auffälligkeiten werden an ein Experten-Team weitergeleitet. Dieses entscheidet über den Fall und gibt gegebenenfalls die Daten an offizielle Behörden weiter. Seit Jahresbeginn gingen beispielsweise bei Fedpol 16 derartige Meldungen von Facebook ein. Laut Kunfermann handelt es sich jedoch in erster Linie um Ehrverletzungen und Verstösse gegen die Rassendiskriminierungsstrafnorm.

Auch in anderen Ländern arbeiten die Pädo-Jäger mit den örtlichen Behörden zusammen. «Bei uns gehen monatlich im Schnitt Meldungen im einstelligen Bereich ein», berichtet zum Beispiel der Pressesprecher des Landeskriminalamts Baden-Württemberg, Horst Haug. Dass die Freunde-Site das gleiche Schicksal ereilt wie den Bluewin-Chat, scheint für die nächste Zeit eher unwahrscheinlich. Doch: «Ob die Massnahmen der Selbstverpflichtung wirklich ausreichend sind, muss sehr genau beobachtet werden», mahnt Groebel vom Deutschen Digitalen Institut.

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