Terror-Angst: «Viele Schweizer kosteten Reisefreiheit nicht aus»
Aktualisiert

Terror-Angst«Viele Schweizer kosteten Reisefreiheit nicht aus»

Laut einer Studie hat ein Drittel der Schweizer sein Reiseverhalten aus Angst vor Terrorismus geändert. Militärsoziologe Tibor Szvircsev Tresch erstaunt dies nicht.

von
pam

Das Sicherheitsempfinden im öffentlichen Raum hat gemäss der neuen ETH-Studie «Sicherheit 2017» gelitten. (Video: Tamedia/SDA)

Herr Szvircsev Tresch, der Terrorismus hat auch im letzten Jahr das Sicherheitsempfinden der Schweizer geschmälert. Ein Fünftel der Befragten fühlt sich im öffentlichen Raum, etwa bei Grossanlässen, unsicher. Hat der Terrorismus damit sein Ziel erreicht?

Auf den ersten Blick ja. Die Verunsicherung hat signifikant um zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Dazu haben die Anschläge in Berlin, Brüssel oder Istanbul im vergangenen Jahr beigetragen. Sie haben in wiederkehrenden Abständen der Bevölkerung aufgezeigt, dass der Terrorismus eine stete Bedrohung darstellt. Dabei gehen wir davon aus, dass es gerade die ständigen Nadelstiche sind, die die Verunsicherung befeuern. Ein einziger grosser Anschlag im Jahr hätte dazu nicht gereicht.

Und auf den zweiten Blick?

Diesen 20 Prozent der Befragten, deren Sicherheitsempfinden im öffentlichen Raum gelitten hat, stehen 79 Prozent gegenüber, die sich «sehr sicher» oder «eher sicher» fühlen. Beim Grossteil der Bevölkerung hat die provozierte Verunsicherung durch Terrorismus also nicht gewirkt.

Wie stark ist die Terror-Angst von der Nähe der Anschläge geprägt? Sie schreiben in ihrer Studie, die Zahl der Terror-Toten sei weltweit rückläufig. Warum haben wir trotzdem Angst?

Nähe ist das entscheidende Kriterium. Anschläge im Irak oder in Afghanistan werden hierzulande zwar zur Kenntnis genommen. Einen Einfluss auf das subjektive Sicherheitsempfinden haben sie jedoch nicht. Wenn aber in Frankreich eine Bombe hochgeht, betrifft uns das stärker. Das widerspiegelt sich auch in unserer Auswertung: In der Westschweiz wollen 94 Prozent der Befragten die Terrorbekämpfung ausweiten, während es in der Deutschschweiz 88 Prozent sind. Die hohe Zustimmung ist eine direkte Folge der Anschläge im nahen Frankreich.

Knapp ein Drittel hat angegeben, sein Reiseverhalten in den letzten zwei Jahren wegen des Terrors angepasst zu haben. Überrascht Sie dieses Ergebnis?

Das hat uns insofern nicht überrascht, als wir schon Hinweise auf diese Entwicklung hatten: Die TGV-Buchungen im letzten Jahr gingen beispielsweise um bis zu 45 Prozent zurück. Und auch Destinationen wie Ägypten, Belgien oder Frankreich büssten an Attraktivität ein. Viele Schweizer scheinen demnach ihre Reisefreiheit zugunsten der Sicherheit nicht ausgekostet zu haben.

Haben Sie Ihre Reisepläne wegen des Terrors geändert? Melden Sie sich.

Haben Sie Ihre Reisepläne wegen des Terrors geändert? Melden Sie sich.

75 Prozent derjenigen, die ihre Reisepläne angepasst haben, meiden Länder, in denen kürzlich Anschläge verübt wurden. Wieso?

Es scheint, dass solche Strategien das subjektive Sicherheitsempfinden steigern können. Aber natürlich ist jemand nicht vor einem Anschlag gefeit, wenn er seine Ferien beispielsweise in Manchester, an dem jüngst ein Anschlag verübt wurde, absagt. Das Risiko eines Attentats bleibt dasselbe.

Während die Schweizer die weltpolitische Lage pessimistisch einschätzen und sie aus Terror-Angst ihre Reisen verschieben, wird die Schweiz selbst als «Insel der Glückseligen» wahrgenommen. Wie passt das zusammen? Gemäss dem Nachrichtendienst des Bundes ist auch die Schweiz «in erhöhtem Masse von jihadistisch motiviertem Terror» bedroht.

93 Prozent der Befragten fühlen sich in der heutigen Zeit sicher. Dass die Schweiz als sicheres, abgekapseltes Land, das nichts zu befürchten hat, wahrgenommen wird, liegt auch am grossen Vertrauen in die Institutionen. Polizei, Gerichte und Bundesrat geniessen eine hohe Glaubwürdigkeit, die letztes Jahr gar noch gestiegen ist. Die Bevölkerung scheint davon überzeugt zu sein, dass die Behörden die Sicherheit gewährleisten können. Dafür sind die Bürger auch bereit, für mehr Sicherheit persönliche Freiheiten abzutreten, wie die Annahme des neuen Nachrichtendienstgesetzes gezeigt hat.

Tibor Szvircsev Tresch

ist Militärsoziologe an der Militärakademie der ETH Zürich. Er ist Verfasser der Studie «Sicherheit 2017».

Deine Meinung