Aktualisiert 15.08.2013 06:55

Zu wenig Lohn?Viele Schweizer nehmen einen Zweitjob an

Immer mehr Schweizer haben mehr als einen Job. Bereits reagieren Start-ups auf den Trend und schaffen Minijob-Börsen. Gewerkschafter sind besorgt.

von
Dino Nodari
310'000 Schweizerinnen und Schweizer übten im vergangenen Jahr mehr als eine Beschäftigung aus.

310'000 Schweizerinnen und Schweizer übten im vergangenen Jahr mehr als eine Beschäftigung aus.

In den letzten zwei Jahrzehnten ist der Anteil der Erwerbstätigen, die mehr als einer Arbeit nachgehen, markant gestiegen. Das belegen Zahlen des Bundesamts für Statistik. Die Studie stammt aus dem Jahr 2010 – aktuelle Zahlen belegen, dass der Trend ungebrochen ist.

310'000 Schweizerinnen und Schweizer hatten im vergangenen Jahr mehr als ein Job, was rund 7 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung entspricht. Vor allem Frauen, Personen mit hohem Bildungsstand und Erwerbstätige von 40 bis 54 Jahren haben häufig mehrere Jobs.

Die Zahlen zeigen auch, dass ein Drittel der Personen, die einen Nebenjob ausüben, bei ihrer ersten Stelle zu 100 Prozent angestellt sind. Im Durchschnitt beansprucht der Nebenerwerb 8,9 Stunden in der Woche. Das Bundessamt für Statistik kommt zum Schluss, dass die Informationen keine Rückschlüsse zulassen, weshalb eine Nebenbeschäftigung ausgeübt wird.

«Keine gesunde Entwicklung»

«Das ist keine gesunde Entwicklung», sagt Pepo Hofstetter von der Gewerkschaft Unia. Besonders betroffen seien Arbeitnehmer aus dem Detailhandel oder der Reinigung. «Es gibt immer mehr kleinere Arbeitspensen von 30 bis 50 Prozent. Viele Leute würden gerne mehr arbeiten, weil sie nicht genug verdienen. Deshalb nehmen sie Zweit- und Drittjobs an», sagt Hofstetter. Diese Entwicklung sei bedenklich, weil ein Zweitjob Organisationsfragen nach sich ziehe und zu Problemen bei der Sozialversicherung führe.

«Motivationen und Umstände analysieren»

Die Zunahme der Zweitjobs sei ein interessantes Phänomen, sagt George Sheldon. Für den Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie an der Universität Basel heisst das nicht, dass den Leuten ein Job nicht mehr zum Leben reicht. Dafür müssten Motivationen und Umstände analysiert werden, welche die Leute bewegen, einen zweiten Job anzunehmen. «Sonst ist den Spekulationen Tür und Tor geöffnet», so Sheldon.

Findige Unternehmer und Jobplattformen haben auf die neue Ausgangslage reagiert. Im Juli wurde Jacando gegründet, das Neben- und Microjobs vermittelt. Der Gründer des Start-ups, Dennis Teichmann, ist überzeugt, dass hier ein neues Marktsegment entstanden ist. Auf der einen Seite würden immer mehr Arbeitnehmer etwas dazuverdienen wollen, auf der anderen Seite gebe es im Privatbereich auch viele Nebenjobs wie Putzen, Gartenarbeiten oder handwerkliche Tätigkeiten, die von Haushalten ausgelagert werden.

12-Milliarden-Potenzial

Diese beiden Seiten will Jacando zusammenbringen. Gerade im handwerklichen Bereich beobachtet Teichmann eine massive Zunahme, vermehrt würden kleinere Unternehmen die Möglichkeiten von flexiblen Anstellungen nutzen. In einer repräsentativen Studie hat Jacando den Markt für Minijobs in der Schweiz analysiert. Demnach geben die Schweizer Haushalte rund 12 Milliarden Franken im Jahr für haushaltsnahe private Dienstleistungen aus.

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