13.06.2020 18:11

Wegen Corona

Viele Schweizer suchen jetzt «Weltuntergangssex»

Datingportale verzeichneten in den letzten Wochen einen Boom an Nutzern und Interaktionen. Experten geben diesem Phänomen einen Namen: «Post Desaster Sex». Eine Entwicklungspsychologin erklärt, warum man sich vor allem jetzt nach Nähe sehnt.

von
Julia Ullrich
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Gewalt in der Welt ist gut fürs Bett. Klingt komisch? Ist aber so. Das behauptet zumindest Entwicklungspsychologin und pensionierte Professorin Pasqualina Perrig-Chiello.

Gewalt in der Welt ist gut fürs Bett. Klingt komisch? Ist aber so. Das behauptet zumindest Entwicklungspsychologin und pensionierte Professorin Pasqualina Perrig-Chiello.

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 «In Extremsituationen wird dem Menschen die Endlichkeit seines Lebens unmissverständlich bewusst. Hinter dem Verlangen nach Sex steckt das Bedürfnis, noch einmal so intensiv wie nur möglich zu leben», sagt sie in einem Interview mit TheCasualLounge.

«In Extremsituationen wird dem Menschen die Endlichkeit seines Lebens unmissverständlich bewusst. Hinter dem Verlangen nach Sex steckt das Bedürfnis, noch einmal so intensiv wie nur möglich zu leben», sagt sie in einem Interview mit TheCasualLounge.

Webseite/UniBern
Dieses Phänomen habe sich bereits 2001 abgezeichnet, als in New York die Twin Towers einstürzten.

Dieses Phänomen habe sich bereits 2001 abgezeichnet, als in New York die Twin Towers einstürzten.

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Darum gehts

  • Während der Coronakrise boomt das Online-Dating.
  • Laut der Entwicklungspsychologin und pensionierte Professorin Pasqualina Perrig-Chiello steckt hinter dem Verlangen nach Sex das Bedürfnis, noch einmal so intensiv wie möglich zu leben.
  • Dieses Phänomen habe sich bereits 2001 abgezeichnet, als in New York die Twin Towers einstürzten.

Gewalt in der Welt ist gut fürs Bett. Klingt komisch? Ist aber so. Das behauptet zumindest die Entwicklungspsychologin und pensionierte Professorin Pasqualina Perrig-Chiello: «In Extremsituationen wird dem Menschen die Endlichkeit seines Lebens unmissverständlich bewusst. Hinter dem Verlangen nach Sex steckt das Bedürfnis, noch einmal so intensiv wie nur möglich zu leben», sagt sie in einem Interview mit TheCasualLounge.

Da Krisenzeiten, wie etwa die aktuelle Coronavirus-Situation, den Alltag der Menschen weltweit auf den Kopf stellen, würden Unsicherheiten und Ängste ausgelöst, wodurch das Bedürfnis nach Verbundenheit steige. Dieses Phänomen habe sich bereits 2001 abgezeichnet, als in New York die Twin Towers einstürzten. «In solchen Zeiten ist das Bedürfnis nach Nähe besonders gross.» Experten geben dieser Entwicklung einen Namen: «Post Desaster Sex» (zu deutsch: Weltuntergangssex).

Mehr Anmeldungen und Interaktionen auf Dating-Plattformen

Vor allem Casual-Datingplattformen spüren derzeit einen Boom. Wie eine Sprecherin von Tinder gegenüber rtl.de sagt, sind die Anzahl täglicher Nachrichten weltweit deutlich gestiegen. «Wir konnten ausserdem beobachten, dass sich auch die Gesprächsdauer im Vergleich zum Februar um 10 bis 30 Prozent erhöht hat.» Auch die Plattform Lovoo verkündet einen explosionsartigen Anstieg an Nutzern und Länge der Nutzungsdauer.

Das Schweizer Portal TheCasualLounge.ch spricht im Zeitraum von März/April von einem «beträchtlichen Anstieg» an Neuanmeldungen. «In den letzten elf Wochen gab es über 40 Prozent mehr neue Registrationen als sonst im Durchschnitt», so Gründer Heinz Laumann. Ähnlich geht es auch Online-Datingportalen wie Elitepartner und Parship. «Wir verzeichnen etwa 40 Prozent mehr Interaktionen auf der Seite und rund 12 Prozent mehr Neuanmeldungen», sagt eine Sprecherin auf Anfrage von 20 Minuten.

«Die Krise hat viele einsame Menschen noch einsamer gemacht»

Dass in der Schweiz das Bedürfnis nach dem sogenannten «Weltuntergangssex» besonders gross ist, könnte mit der hohen Zahl allein lebender Menschen zusammenhängen: 2018 waren rund ein Drittel aller Wohnungen Singlehaushalte. «Die Corona-Krise hat viele einsame Menschen noch einsamer gemacht. Gerade diese Situation der Isolation und des Social Distancing macht soziale Beziehungen, Nähe und Intimität besonders erstrebenswert – erstrebenswerter als dann, wenn sie frei verfügbar sind», wird Perrig-Chiello zitiert.

Die Psychologin glaubt allerdings nicht, dass es beim «Weltuntergangssex» um die grosse Liebe geht. «Die meisten suchen Nähe, Verständnis, Intimität und Sex. Wenn sich die grosse Liebe mit der Zeit ergibt, umso besser.»

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