Schwangerschaft: Viele Schweizerinnen riskieren Behinderungen

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SchwangerschaftViele Schweizerinnen riskieren Behinderungen

In der Schweiz kommen jedes Jahr mindestens 20 Kinder mit Fehlbildungen des Rückenmarks zur Welt: Dabei lässt sich eine Vielzahl dieser Schädigungen ganz einfach verhindern.

Die Zahl der Missbildungen ging laut einer Studie in den letzten Jahren nicht zurück - obwohl die Einnahme von Folsäure viele Fälle verhindern könnte.

Forscher um Eugen Boltshauser vom Kinderspital Zürich haben die in den Kinderspitälern erhobenen Daten der Neuralrohrdefekte für die Schweiz in den Jahren 2001 bis 2007 ausgewertet. Insgesamt erfassten sie in der kürzlich im Fachmagazin «Swiss Medical Weekly» erschienenen Studie 140 Neugeborene und Föten mit einer solchen Missbildung.

«Wir konnten in der Zeit keinen substanziellen Rückgang feststellen», sagte Mitautor Andrea Poretti. Im Durchschnitt meldeten die pädiatrischen Zentren jedes Jahr etwa zehn Neugeborene mit einem Neuralrohrdefekt, etwa gleich viele Föten wurden abgetrieben. Allerdings wurden nicht alle abgetriebenen Fälle erfasst.

Folsäure könnte helfen

Von einem Neuralrohrdefekt sprechen Mediziner, wenn sich beim Embryo während der Schwangerschaft das Neuralrohr, aus dem später Gehirn und Rückenmark entstehen, nicht vollständig schliesst. Zu den häufigsten Ausprägungen zählt der so genannte «offene Rücken», bei der aufgrund eines Spalts in der Wirbelsäule das Rückenmark seinen Schutz verliert.

Je nach Schweregrad der Schädigung sind solche Menschen kaum oder sehr stark behindert: Sie können querschnittgelähmt sogar im Rollstuhl landen. Wieso genau die Missbildungen auftreten, ist unklar. Unter Fachleuten unbestritten ist jedoch, dass das Vitamin Folsäure notwendig ist, damit sich das Neuralrohr vollständig verschliesst.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt denn auch bereits seit dem Jahr 1996, dass Frauen im gebärfähigen Alter täglich Folsäure als Prophylaxe einnehmen sollen. Studien zeigten, dass die Zahl der Missbildungen so um 40 bis 80 Prozent vermindert werden könnte.

Vor Schwangerschaft einnehmen

Erschwert wird dieses an sich einfache Rezept dadurch, dass Folsäure bereits vor der Schwangerschaft eingenommen werden muss, damit es wirkt: Die wenigsten Frauen wissen, wann genau sie schwanger werden. Und laut Schätzungen ist rund die Hälfte der Schwangerschaften in der Schweiz gänzlich ungeplant.

Es ist deshalb bekannt, dass viele Frauen die Folsäure gar nicht oder zu spät nehmen. Zu diesem Schluss kommt auch die Studie der Zürcher Forscher. Empfehlungen nützten zu wenig, schreiben sie. Wirksame Prävention sei nur möglich, wenn ein Grundnahrungsmittel mit Folsäure angereichert werde. Dass dies funktioniert, zeigten Studien aus den USA und Kanada, wo die Lebensmittelanreicherung bereits praktiziert wird.

BAG gegen Anreicherung

Folsäure könnte zum Beispiel einfach dem Mehl beigefügt werden. Eine von der Eidg. Ernährungskommission eingesetzte Arbeitsgruppe kam im Jahr 2002 zum Schluss, dass eine solche Anreicherung sinnvoll wäre und bloss 2 Rappen pro Person und Jahr kosten würde. Das BAG hat daraufhin ein Rechtsgutachten erstellen lassen.

Das Gutachten habe gezeigt, dass die Umsetzung eine kaum machbare Verfassungsänderung bedingen würde, sagt Esther Camenzind von der Abteilung Lebensmittelsicherheit des BAG. Zudem sei aufgrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht ausgeschlossen, dass Folsäure bei Langzeitanwendung in höheren Dosen auch negative Effekte haben könnte.

Das BAG sieht deshalb momentan davon ab, die generelle Anreicherung eines Grundnahrungsmittels zu empfehlen. Untätig bleibt es aber nicht: Die Informationsbemühungen würden verstärkt, sagt Camenzind. Unter anderem gebe es Ende dieses Jahres eine neue Broschüre für Frauenärzte und Apotheken sowie einen Flyer für Frauen.

(sda)

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