Festival del film Locarno: Viele Superlativen; mässig Publikum
Aktualisiert

Festival del film LocarnoViele Superlativen; mässig Publikum

Trotz mitunter kontroversen Filmen hat die oft beschworene neue Ära am Filmfestival Locarno ohne Knalleffekt begonnen.

von
Serge Kuhn

Durchaus neugierig, aber etwas zögerlich scheint sich das Publikum auf das zum ersten Mal von Olivier Père verantwortete Programm einzulassen.

Die Piazza Grande, die 8000 Zuschauer fasst, war an den ersten vier Abenden nie ausverkauft. Am meisten Anklang fanden erwartungsgemäss die etwas konventionelle US-Komödie «Cyrus» (7300 Zuschauer am Samstagabend) und die Dokufiktion «Hugo Koblet - Pédaleur de charme» (6700).

Dem clever konstruierten Werk von Daniel von Aarburg dürfte auch an den Kinokassen Fortüne beschieden sein. Im internationalen Wettbewerb konnte der Schweizer Beitrag «Songs of Love and Hate» von Katalin Gödrös punkten.

Zersetzendes Begehren prägt faszinierenden Wettbewerb

Der Film der Zürcherin behandelt ein Thema, das in der ersten Festivalhälfte in etlichen Streifen aufgetaucht ist: zersetzendes, verstörendes Begehren. In «Songs of Love and Hate» ist es ein Vater, der mit beunruhigend verändertem Blick seine pubertierende Tochter betrachtet.

Das umgekehrte Szenario liefert «Womb», ein Film der ungarischen Regisseurs Benedek Fliegauf: Hier schläft eine Mutter (Eva Green) mit ihrem Sohn, der eine von einem Labor hergestellte Kopie seines Vaters ist.

Pornostar in Hauptrollen

Sex mit Glücksaussicht bietet auch Christoph Honorés «Homme au bain» wenig. Während Omar in New York fröhlich flirtet, bleibt sein Partner Emmanuel (gespielt vom Pornostar François Sagat) im harten Pariser Vorort Gennevilliers zurück, wo er die Zeit mit arg routinierten Sexspielchen totschlägt.

Der Film mag mit expliziten Szenen einige Zuschauer irritiert haben, für einen Skandal gibt er aber zu wenig her - genausowenig wie «LA.Zombie»: Unter lauter verwirrten Menschen ist die melancholische Kreatur (ebenfalls gespielt von Sagat) fast schon eine Lichtgestalt.

Bei mehreren der bisher in Locarno gezeigten Streifen lassen sich wohl inhaltliche Parallelen festmachen, doch ist der Zugang der Regisseure so verschieden, dass Direktor Père das erste Ziel seiner Amtszeit gewiss erreicht hat: Das 63. Festival del film bietet erfreuliche Vielfalt.

Windmaschine angeworfen

Störend wirken einstweilen vor allem die Superlative, die einem in Locarno beständig um die Ohren fliegen. Von der «internationalsten Stadt der Schweiz» sprach Festivalpräsident Marco Solari in der Eröffnungsrede.

Père übertraf seinen Präsidenten noch, indem er den Wettbewerbsbeitrag «Im Alter von Ellen» als «einen der wichtigsten Filme des Jahrzehnts» bezeichnete und Locarno als «glamourösestes Festival des Planeten».

Zu dieser gewagten Aussage veranlasste ihn die Anwesenheit von Chiara Mastroianni, die in Locarno den Excellence Award entgegennehmen konnte. Zudem ist sie im Wettbewerbsfilm «Homme au bain» zu sehen.

Pères Begeisterung für die französische Schauspielerin ist durchaus verständlich - aber der Superlative ist jetzt genug. Locarno hat sie gar nicht nötig.

Deine Meinung