Lockdown-Frust: «Viele tragen eine grosse Wut in sich»
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Lockdown-Frust«Viele tragen eine grosse Wut in sich»

Aggressiv und frustriert: Viele Menschen leiden unter dem Lockdown. Zwei Jugendliche erzählen von ihren Erfahrungen und sagen, was sie von den Krawallen am Zürcher Stadelhofen halten.

von
Leo Hurni
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Rund um das Gebiet Stadelhofen kam es vergangenes Wochenende zu Ausschreitungen. 

Rund um das Gebiet Stadelhofen kam es vergangenes Wochenende zu Ausschreitungen.

Urs Jaudas
 Ein Tiktoker, der vor Ort war, berichtete zudem von Schlägen und Flaschenwürfen gegen die Polizei. (Symbolbild)

Ein Tiktoker, der vor Ort war, berichtete zudem von Schlägen und Flaschenwürfen gegen die Polizei. (Symbolbild)

TAMEDIA AG
Dass die Gewaltbereitschaft zunimmt, erzählt auch Tamira (19).  Sie führt es vor allem auf den Lockdown-Frust zurück. 

Dass die Gewaltbereitschaft zunimmt, erzählt auch Tamira (19). Sie führt es vor allem auf den Lockdown-Frust zurück.

zVg

Darum gehts

  • Immer mehr kommt es zu Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum.

  • Zwei Jugendliche erzählen, wie sie das wahrnehmen.

  • Nacht-Stadtrat Philipp Meier kann die Ausschreitungen nachvollziehen.

Dutzende Jugendliche versammeln sich beim Zürcher Bellevue. Ein Streit eskaliert, TikToker berichten von Faustschlägen und Flaschenwürfen gegen die Polizei. Der Vorfall am Samstagabend ist nicht das einzige gewalttätige Aufeinandertreffen von Jugendlichen in den letzten Tagen. Trotz geltender Corona-Massnahmen versammeln sich immer häufiger grosse Gruppen, Auseinandersetzungen gab es auch in Basel oder Genf . Schuld ist gemäss einem Beteiligten vom Samstagabend am Stadelhofen der Lockdown: «Alles ist zu, es eskaliert», erklärte er gegenüber 20 Minuten.

Dass die Gewaltbereitschaft zunimmt, beobachten auch Jugendliche, die mit den Auseinandersetzungen beim Bellevue nichts zu tun hatten: «Ich habe schon von vielen Freunden gehört, dass sie frustriert und depressiv sind, weil einfach nichts mehr läuft. Wenn ich jetzt am Wochenende in die Stadt gehe, sehe ich auch fast nur noch Jugendliche, die Stress suchen und aggressiv sind. «Das hat extrem zugenommen» sagt etwa die 19-jährige Tamira.

Stellensuche könne das verstärken

Tamira (19)

Tamira (19)

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Sie könne das Problem nachvollziehen: «Für mich ist das eine natürliche Reaktion. Wir tragen eine grosse Wut in uns, weil es einfach keine Möglichkeiten mehr gibt, wo man sonst seine Frust rauslassen kann.» Dass es zu Ausschreitungen wie am Wochenende am Zürcher Stadelhofen kommt, deutet für Tamira darauf hin, dass die Jugendlichen sich jetzt Gehör verschaffen wollen. Das findet sie gut. «Sonst beachtet man uns jungen Leute ja kaum noch.» Sie frage sich, was noch passieren müsse, damit endlich auf die Probleme der Jugend eingegangen werde.

Neben dem Lockdown-Frust sei auch die Stellensuche für viele Jugendliche belastend: «Ich habe zum Glück einen Job, aber für viele ist es extrem mühsam, während dem Lockdown eine Schnupperlehrstelle zu finden», sagt Tamira. Dass diese Wut dann auf der Strasse rausgelassen werde, könne sie nachvollziehen.

Politiker in der Verantwortung

Andy (16)

Andy (16)

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Dass Frust und Wut sich zunehmend auf der Strasse entladen, musste auch Andy (16) schon erfahren. «Ich war kürzlich am Abend draussen und merkte einfach, wie aggressiv gewisse Jugendliche unterwegs waren. Die suchen einfach nur Stress. Ich schaue dann immer, dass ich diesen Leuten aus dem Weg gehe.»

Weil alle Freizeiteinrichtungen geschlossen seien, nähme die Aggressivität bei den Jungen zu. «Man kann ja sonst nichts machen und irgendwann schlägt die Langeweile bei einigen in Aggression um. Das Problem verstärkt sich derzeit noch, weil viele Schüler im Moment Ferien haben», sagt Andy. Er sieht auch die Politik in der Verantwortung: «Der Bundesrat und die ganzen Politiker hören nicht auf uns Jungen und nehmen die Probleme, die wir wegen dem Lockdown haben, nicht ernst. Jetzt müssen wir uns halt Gehör verschaffen, sonst werden wir ignoriert.»

«Nicht warten, bis Stimmung kippt»

Philipp Meier ist als sogenannter Nacht-Stadtrat in Zürich tätig. Er kennt die beiden Jugendlichen, die am Stadelhofen angegriffen wurden, von Tiktok. «Ich bin erstaunt, dass es nicht schon früher zu solchen Ausschreitungen gekommen ist», sagt er. Derzeit fehlten praktisch alle Anlässe, an denen junge Menschen Dampf ablassen können. «Das kann zu Aggressionen führen, wie wir es in Holland oder Deutschland sehen.» Meier kritisiert, dass die Behörden keine Experimente für Jugendliche wagten. «Es braucht jetzt ein Umdenken. Gerade, wenn die Massnahmen noch länger andauern sollten, braucht es zumindest mit den wärmeren Temperaturen beispielsweise die Möglichkeit von bewilligten Outdoor-Partys für die Jugend.» Ein eigenes Experiment hat er auf Twitter beschrieben. (pam)

Deine Meinung

1872 Kommentare
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Chrigi Elsi

11.02.2021, 16:05

Sorry ist dieser Frust Grund genug Respektlos gegenüber denen zu sein welche trotzdem ihre Arbeit tun indem zum Beispiel Sanitäter im Einsatz angegriffen oder Polizisten bespuck werden?

Marco35

11.02.2021, 14:27

Angeblich hat die mutierte Variante aus UK schon wieder ne Mutation. Krass.

LM AA

11.02.2021, 13:58

Ihr müsst doch nicht wütig sein.