11.04.2019 09:16

Mehr SicherheitViele Velohelme schützen das Gehirn zu wenig

Velohelme bieten weniger Schutz als angenommen. Eine neue Technologie bringt eine grosse Wirkung – zu einem kleinen Aufpreis.

von
rol
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Gängige Velohelme schützen vor allem vor Schädelbrüchen und Schürfungen. Gegen schwere Hirnverletzungen bieten sie eher geringen Schutz.

Gängige Velohelme schützen vor allem vor Schädelbrüchen und Schürfungen. Gegen schwere Hirnverletzungen bieten sie eher geringen Schutz.

Keystone/Jean-christophe Bott
Bisher wurde meist nur getestet, wie stark Velohelme einen geraden Aufprall dämpfen.«In der Regel prallt aber ein verunfallter Velofahrer schräg mit dem Kopf auf – beim klassischen Helm führt das oft zu schlimmen Hirnverletzungen», sagt Marc Kipfer von der Beratungsstelle für Unfallverhütung BfU.

Bisher wurde meist nur getestet, wie stark Velohelme einen geraden Aufprall dämpfen.«In der Regel prallt aber ein verunfallter Velofahrer schräg mit dem Kopf auf – beim klassischen Helm führt das oft zu schlimmen Hirnverletzungen», sagt Marc Kipfer von der Beratungsstelle für Unfallverhütung BfU.

Keystone/Jean-christophe Bott
Die BfU hat nun erstmals die Mips-Technologie im Labor getestet. Dabei handelt es sich um eine bewegliche Innenschale, die eine zweite Haut zwischen Kopf und Helm bildet.

Die BfU hat nun erstmals die Mips-Technologie im Labor getestet. Dabei handelt es sich um eine bewegliche Innenschale, die eine zweite Haut zwischen Kopf und Helm bildet.

Scott

Velofahrer mit Helm sind 50 Prozent besser vor Kopfverletzungen geschützt als ohne. Das zeigen die Zahlen der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Doch längst nicht alle Helme sind so wirksam, wie man vermuten würde. Gängige Velohelme schützen den Schädel vor allem vor Brüchen und Schürfungen. Gegen Gehirnerschütterungen und schwere Hirnverletzungen bieten sie eher geringen Schutz.

Der Grund: Die internationale Norm gibt nur vor, wie stark Velohelme einen geraden Aufprall dämpfen müssen. Bislang wurde meist auch nur das getestet. «In der Regel prallt aber ein verunfallter Velofahrer schräg mit dem Kopf auf, oft kommt noch eine Rotationsbewegung dazu», sagt BfU-Sprecher Marc Kipfer.

Das kann schwerwiegende Folgen haben: «Der klassische Helm unterbricht die Rotation des Kopfes beim Aufprall. Das Gehirn prallt gegen den Schädelknochen – das führt oft zu Hirnerschütterungen oder schlimmeren Hirnverletzungen», sagt Kipfer. Darum hat die BfU erstmals eine neue Technologie namens Mips im Labor testen lassen. Dabei handelt es sich um eine bewegliche Innenschale im Helm (siehe Box).

«Verletzungsrisiko sinkt deutlich»

Die Messungen zeigten es klar: Prallt der Kopf wie bei den meisten realen Stürzen schräg auf eine Fläche auf, wirken bei Helmen mit dieser Innenschale deutlich geringere Kräfte auf Kopf und Hals. Ingenieur Patrick Isler von der Dynamic Test Center AG, welche die Tests durchführte, bestätigt: «Der gleiche Helm schnitt mit integrierter Schutzschale jeweils klar besser ab als ohne.»

Das Risiko, bei einem Velounfall eine schwere Hirnverletzung zu erleiden, sinke dank der neuen Technologie markant, führt Isler weiter aus: «Mit dieser Helmeinlage ist das Verletzungsrisiko für das Gehirn bis zu 16 Prozent kleiner als ohne.» Er empfiehlt Velofahrern, beim Helmkauf darauf zu achten. «Solche Helme sind im Schnitt zwar etwa 20 Franken teurer als herkömmliche. Aber der kleine Preisaufschlag bietet eine grosse Schutzwirkung.»

Keine Normanpassung geplant

Laut Statistik der Unfallversicherungen erleidet ein Drittel der verunfallten Velofahrer in der Schweiz Kopfverletzungen. BfU-Sprecher Kipfer doppelt nach: «Dank Mips ist die Chance gross, bei einem Velounfall keine schweren Hirnverletzungen zu erleiden.» Eine strengere Testnorm für Velohelme wäre aufgrund der Ergebnisse zu begrüssen, so das Fazit des BfU-Tests. Dass die Technologie bald zur Pflicht wird, scheint aber unwahrscheinlich.

«Mips ist zwar eine vielversprechende Technologie», sagt Kipfer. Die Normen würden aber von internationalen Gremien erlassen, und dort seien vorwiegend Hersteller und Händler vertreten. Eine Änderung der Velohelm-Norm stehe seines Wissens nicht unmittelbar an. «Wir verfolgen aber die Normierungstätigkeit sehr nahe und geben, wenn nötig, Input zu Sicherheitsaspekten. Wir sind auch punktuell im Austausch mit Helmherstellern.»

Eine Verschärfung der Norm könnte sinnvoll sein, allerdings «gilt beim Kauf eines Helms die Eigenverantwortung», sagt Juerg Haener von Pro Velo Schweiz. Um Kopfverletzungen vorzubeugen, seien Helme zwar wirksam, aber: «Noch nie hat ein Helm einen Unfall verhindert. Pro Velo setzt sich stark dafür ein, dass Unfälle gar nicht erst entstehen.»

So funktioniert Mips

Mips (Multi Directional Impact Protection System) ist ein Sicherheitssystem für Helme aller Art, das von schwedischen Wissenschaftlern entwickelt wurde. Dabei handelt es sich um eine bewegliche Innenschale im Helm. Testingenieur Patrick Isler erklärt: «Trägt man einen solchen Helm, bildet das bewegliche System quasi eine zweite Haut zwischen Kopf und Helm. Bei einem Unfall werden die Rotationsimpulse nicht direkt auf den Kopf übertragen. Stattdessen kann sich der Helm um den Kopf herum bewegen.» Dadurch werde weniger Drehbewegung auf den Kopf übertragen. «Der Aufprall des Gehirns an die Innenseite des Schädels wird so gedämpft. Das verringert das Verletzungsrisiko beim Unfall», ergänzt BfU-Sprecher Marc Kipfer. Doch Isler wie Kipfer betonen: Beim Helmkauf sei es wichtig, Modelle zu vergleichen. «Wie sich ebenfalls gezeigt hat, sind die Unterschiede zwischen einzelnen Helmmodellen teils deutlich grösser als die Verbesserung durch die neue Technologie», so Isler. Heisst: Ein qualitativ guter Helm ohne Mips kann besser schützen als ein schlechter Helm mit Mips.

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