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Bergsturz im Bergell«Viele Wanderer unterschätzen die Risiken»

Wegen der Klimaerwärmung steigt die Gefahr von Steinschlägen und Murgängen in den Alpen. Geologe und SAC-Experte Hans Rudolf Keusen sagt, worauf man bei Bergtouren achten muss.

von
Simon Beeli
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Bedrohliche Gesteinsmassen: Eine weitere Million Kubikmeter  könnte jederzeit vom Piz Cengalo abbrechen.

Bedrohliche Gesteinsmassen: Eine weitere Million Kubikmeter könnte jederzeit vom Piz Cengalo abbrechen.

AFP
Musste Bergung abbrechen: Einsatzleiter Andrea Mittner informiert die Medien. (26. August 2017) Bild: Thomas Egli

Musste Bergung abbrechen: Einsatzleiter Andrea Mittner informiert die Medien. (26. August 2017) Bild: Thomas Egli

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Erneuter Murgang: Schlammlawine in Bondo. (25. August 2017)

Erneuter Murgang: Schlammlawine in Bondo. (25. August 2017)

AFP/Miguel Medina

Herr Keusen, der Bergsturz bei Bondo war einer der schlimmsten seit Jahren, acht Alpinisten wurden unter den Geröllmassen begraben und gelten als vermisst. Kann man überhaupt noch sorgenfrei in die Berge gehen oder muss man ständig mit der Angst leben, dass etwas passieren kann?

Hans Rudolf Keusen: Völlig unbeschwert sollte man nicht wandern gehen. Es braucht den notwendigen Respekt gegenüber dem Berg. Bondo war allerdings ein ausserordentliches Ereignis.

Wie gefährlich ist die Lage in den Schweizer Bergen wirklich?

Die Klimaerwärmung und der Gletscherrückgang bringen neue Gefahren. Es dürfte zu mehr Steinschlägen und Murgängen kommen. Ich erwarte jedoch keine dramatische Zunahme dieser Naturgefahren.

Welche Gebiete sind potenziell von möglichen Fels- oder Bergstürzen betroffen?

Gebiete mit auftauendem Permafrost oberhalb von etwa 2'500 m ü. M. Und Gebiete, wo sich die Gletscher stark zurückziehen.

Gibt es Gefahrenzonen, die derzeit unter besonderer Beobachtung stehen?

Es gibt diverse Gebiete, die beobachtet werden. Zum Beispiel das Val Strem im Hinterrheintal oder Gebiete bei Grindelwald im Berner Oberland. Auch im Tessin gibt es verschiedene Hot Spots, wo wir Messungen vornehmen.

Wie misst man das Risiko?

Messungen der Geländeveränderungen geben Auskunft über mögliche Gefahrenpotenziale. Wenn sich die Felsbewegungen beschleunigen, steigt die Gefahr.

Aufräumarbeiten in Bondo

Wird die Lage in den Alpen in Zukunft noch gefährlicher?

Ja, wie gesagt führen der Gletscherrückgang und das Auftauen des Permafrostes zu einer Zunahme der Gefahren.

Bergsturz im Bergell

So zeigt sich Bondo am Samstagmorgen. (Video: Tamedia)

Wie soll man sich als Wanderer korrekt in den Bergen verhalten? Worauf ist zu achten?

Man sollte sich unbedingt vorgängig über die Wegverhältnisse orientieren, z.B. im Internet. Wichtig ist auch, dass man allfällige Warntafeln beachtet, es gibt zurzeit verschiedene Wege in den Schweizer Alpen, die gesperrt sind. Auch die richtige Ausrüstung ist unabdingbar. Daneben sollte immer auf das Wetter geachtet werden. Ein guter Ratschlag ist es immer, Augen und Ohren offen zu halten.

Neue Schlammlawine in Bondo

Bei Bondo ist weiteres Material abgebrochen. Video: Tamedia/SDA

Unterschätzen Alpinisten die Gefahr?

Alpinisten vielleicht weniger, aber Wanderer schon. Es gibt viele Wanderer, welche die Risiken in den Bergen unterschätzen.

Die Behörden müssen auf Gefahrengebiete hinweisen. Haben sie die Lage im Griff?

Ich denke, den Bedingungen entsprechend ja.

Mittlerweile hat die Polizei die Suche nach den Vermissten in Bondo eingestellt. Haben die acht Wanderer überhaupt noch Überlebenschancen?

Kaum. Da bin ich sehr pessimistisch.

Hans Rudolf Keusen ist Geologe und Experte für Naturschutz-Gefahren beim Schweizer Alpen Club (SAC).

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