Ukrainische Flüchtende in der Schweiz - «Viele wollen nur junge, hübsche Ukrainerinnen bei sich wohnen lassen»

Publiziert

Ukrainische Flüchtende in der Schweiz«Viele wollen nur junge, hübsche Ukrainerinnen bei sich wohnen lassen»

Nicht alle Ukraine-Geflüchteten erfahren dieselbe Solidarität: «Ältere Männer, Muslime und Menschen mit Behinderungen will fast nie jemand aufnehmen», sagt Sigita Barvida, die in Zürich Flüchtende vermittelt. 

von
Michelle Muff
1 / 8
Zahlreiche ukrainische Geflüchtete erreichen derzeit die Schweiz. Darunter auch Menschen mit speziellen Bedürfnissen wie betagte Personen, Menschen mit Behinderungen oder grosse Familien mit Haustieren. (Foto: ukrainische Geflüchtete in einer Notunterkunft in Moldau) 

Zahlreiche ukrainische Geflüchtete erreichen derzeit die Schweiz. Darunter auch Menschen mit speziellen Bedürfnissen wie betagte Personen, Menschen mit Behinderungen oder grosse Familien mit Haustieren. (Foto: ukrainische Geflüchtete in einer Notunterkunft in Moldau) 

GIL COHEN-MAGEN / AFP
Bisher haben 12'309 Personen in der Schweiz den Schutzstatus S beantragt. (Bild: ukrainische Geflüchtete in einer Notunterkunft in Mümliswil, Kanton Solothurn, 22.03.2022) 

Bisher haben 12'309 Personen in der Schweiz den Schutzstatus S beantragt. (Bild: ukrainische Geflüchtete in einer Notunterkunft in Mümliswil, Kanton Solothurn, 22.03.2022) 

Fabrice COFFRINI / AF
Die Schweizerische Flüchtlingshilfe, die mit anderen Hilfswerken zusammenarbeitet, hat bereits 1300 Geflüchtete bei über 500 Familien untergebracht. (Bild: ukrainische Geflüchtete in einer Unterkunft in Mümliswil im Kanton Solothurn, 22.03.2022)  

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe, die mit anderen Hilfswerken zusammenarbeitet, hat bereits 1300 Geflüchtete bei über 500 Familien untergebracht. (Bild: ukrainische Geflüchtete in einer Unterkunft in Mümliswil im Kanton Solothurn, 22.03.2022)  

AFP

Darum gehts

  • Zahlreiche ukrainische Flüchtende erreichen täglich die Schweiz.

  • Doch nicht alle werden mit der gleichen Solidarität empfangen, sagt Sigita Barvida, die in Zürich Flüchtlinge vermittelt. 

  • «Ältere Männer, Muslime und Menschen mit Behinderungen will fast nie jemand», sagt Barvida.

  • Die Flüchtlingshilfe Schweiz sagt, dass aktuell alle Personen vermittelt werden können. Je länger der Krieg dauere, desto grösser würden aber die Herausforderungen. 

Die alleinerziehende Mutter Sigita Barvida (40) aus Zürich nimmt seit Kriegsbeginn freiwillig Flüchtlinge bei sich auf und vermittelt diese privat an Schweizer Haushalte weiter. Doch das gestalte sich nicht bei allen gleich einfach: «Ältere Männer, muslimische Familien sowie Menschen mit Behinderungen will fast nie jemand bei sich haben, sie landen praktisch immer im Asylzentrum», so Barvida.

Sie habe schon viele Fälle gehabt, bei denen Geflüchtete von Schweizer Familien abgelehnt worden seien: «Da gab es eine Familie mit einem Kind mit Down-Syndrom. Weil niemand sie aufnehmen wollte, landeten sie in einem Hotel, wo sie seit zwei Wochen auf eine weitere Unterbringung warten. Wenn sie bis Freitag keine definitive Unterkunft finden, müssen sie ins Asylzentrum gehen.»

»Viele Leute wollen Flüchtende, die keine Umstände bereiten»

Ein anderes Paar sei mit ihrem blinden Kind in die Schweiz geflüchtet: «Die Personen, die ich um die Beherbergung gebeten habe, lehnten ab mit der Begründung, sie wohnen im zweiten Stock und hätten Angst, dass das blinde Kind die Treppe runterfallen könnte.» Und als sie eine Bleibe für eine muslimische Familie suchte, hiess es: «Sie tragen Kopftuch – das könnte Schwierigkeiten mit meinen Kindern geben.»

Für Barvida sind das billige Ausreden: «Die Leute wollen Geflüchtete aufnehmen, die möglichst keine Umstände bereiten und dem Ideal entsprechen, das sie von einem ukrainischen Flüchtling im Kopf haben. Sie haben die romantische Vorstellung von der ukrainischen, jungen, hübschen Frau mit Kind im Kopf, die im Idealfall zuhause auch noch kocht oder putzt.» Personen, die dem «Katalog-Flüchtling» nicht entsprächen, würden bei den Hilfeleistenden oft durch die Maschen fallen. «Viele wollen sich das aber nicht eingestehen und kommen dann mit billigen Ausreden.»

Es sei tragisch, dass Hilfsbereitschaft sich nur auf gewisse Personen erstreckt

Jedes Engagement sei wichtig, so Barvida: «Wir sind dankbar für jede Person, die Flüchtenden ein vorübergehendes Zuhause bietet. Trotzdem ist es tragisch und unverschämt, dass sich die Hilfsbereitschaft nur auf gewisse Personen erstreckt.» Man müsse seine Hintergründe kritisch hinterfragen, wenn man seine Hilfe anbietet: «Bin ich bereit, allen zu helfen – oder geht es mir eigentlich um egoistische Hintergründe? Die Flüchtlingswelle ist kein Wunschkonzert. Alle Personen sind gleichermassen auf Hilfe angewiesen.»

Minderjährige und Personen mit besonderen Bedürfnissen werden nicht an private Gastfamilien vermittelt

Laut der Schweizerischen Flüchtlingshilfe werden weder Minderjährige noch andere Personen mit besonderen Bedürfnissen an private Gastfamilien vermittelt, sagt Sprecher Peter Meier: «Diese Personen verbleiben in der Obhut von Bund und Kantonen und werden in Asylzentren untergebracht, insbesondere wenn sie gesundheitliche Einschränkungen haben. Sie benötigen oft eine spezifische und professionelle Unterbringung und Betreuung.»

Komme eine geflüchtete Person an, schaue man sich erst deren Ausgangslage an: «Man klärt die Interessen und Erwartungen der Person ab. Danach wird eine passende Familie gesucht.» Auch die Hilfeleistenden dürften dabei Präferenzen angeben: «Es erfolgt zuerst ein Gespräch, um Gegebenheiten, Umstände und Erwartungen abzuklären.» Bei den Vermittlungen möchte man ein gutes Matching gewährleisten und falsche Erwartungen auf beiden Seiten vermeiden: «Das ist ein Prozess, der sorgfältig durchgeführt wird und Zeit in Anspruch nimmt.»

Campax kann auf sehr grossen Pool an Betten zugreifen

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe arbeitet dabei auch mit der Organisation Campax zusammen. Grundsätzlich können die Flüchtenden sehr schnell vermittelt werden, sagt Christian Messikommer auf Anfrage. «Die Vermittlungsdauer beträgt meist etwas über eine Stunde. Bei komplizierteren Anfragen kann es aber durchaus etwas länger dauern.» Campax steht dabei auch ein sehr grosser Pool an möglichen Unterkünften zur Verfügung: «Wir haben aktuell 100’000 Betten in 30’000 Privathaushalten und 500 Hotels, die wir vermitteln können.»

Die Vermittlungen gestalten sich derzeit noch recht einfach, so Messikommer: «Wir rechnen aber damit, dass sich die Vermittlungen in Zukunft schwieriger gestalten werden, wenn die Zahl der Geflüchteten zu- und die Anzahl der verfügbaren Unterkünfte abnimmt.»

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anmeldung und Infos für Gastfamilien:

Deine Meinung

223 Kommentare