16.09.2016 13:28

Falsche Vorstellungen

«Viele wollen vermeintlich bequeme Bürojobs»

Junge Schweizer stehen nach Lehre und Studium zwar mit Diplom, aber oft ohne Job da. Neue Angebote sollen Abhilfe schaffen.

von
lz
Viel Lehrlinge machen sich von Bürojobs falsche Vorstellungen.

Viel Lehrlinge machen sich von Bürojobs falsche Vorstellungen.

20 Minuten

In der Schweiz sind immer mehr Jugendliche arbeitslos. Laut der schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) lag die Jugendarbeitslosenquote bei den 15- bis 24-Jährigen vergangenes Jahr bei 8,6 Prozent. Zum Vergleich: 2008 lag der Anteil noch bei 7,0 Prozent, 1998 bei 5,8. Aktuell ist die Quote gar etwas höher als im Krisenjahr 2009, als sie 8,4 Prozent betrug.

Anders als die Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) berücksichtigen diese Daten auch jene Personen, die nicht bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldet sind, weil sie beispielsweise keinen Anspruch auf Unterstützung haben.

Lücke in der Beratung

Der hohe Wert bereitet Jugendorganisationen und Gewerkschaften Sorgen. Pro Juventute hat deshalb eine Plattform namens «MyFutureJob» ins Leben gerufen. Sie richtet sich an junge Menschen zwischen 18 und 25, die von Arbeitslosigkeit bedroht oder auf Jobsuche sind. «Wir möchten hier eine Lücke in der Beratung füllen», sagt Barbara Di Nardo, Berufs- und Laufbahnberaterin im Projekt. Für junge Menschen, die eine Lehre oder Studium anfangen oder abbrechen, gebe es eine Fülle von kostenlosen Beratungen.

Wer aber nach abgeschlossener Ausbildung keine Arbeit finde, stehe nicht selten alleine da. Doch es sei meist genau dieser Lebensabschnitt in der Arbeitslosigkeit, der am verheerendsten sei. Wer schon in jungen Jahren länger arbeitslos ist oder den Übergang ins Berufsleben nicht schafft, der finde oft gar nicht mehr in die Arbeitswelt zurück, so Di Nardo: «Das belastet die Jungen psychisch enorm.»

Überschuss bei der KV-Lehre

Die meisten der jungen Arbeitslosen gebe es in den Branchen, in denen es einen Überschuss an Ausgelernten hat, wie zum Beispiel beim KV. Im Studium zahle sich eine Spezialisierung aus: «Wer ein humanistisches Studium absolviert, hat auf dem Arbeitsmarkt mehr Konkurrenz als jemand, der ein technisches Studium absolviert», sagt Di Nardo.

Viele seien auch schlicht unglücklich mit dem erlernten Beruf. «Manche haben ihre Berufswahl unter grossem elterlichen Druck getroffen und halten es nach der Ausbildung nicht mehr aus.» Andere könnten ihren Beruf aus körperlichen oder psychischen Gründen nicht mehr ausüben.

«Viele wollen Bürojobs»

Am meisten Unterstützung benötigten Jugendliche bei der beruflichen Orientierung und im Bewerbungsprozess. «Viele schicken massenweise Formbriefe an Unternehmen, statt ihre Bewerbung zu personalisieren», sagt Di Nardo. Beim Bewerbungsgespräch seien die meisten auch nicht selbstbewusst genug, um ihre Vorzüge ins richtige Licht zu rücken.

Teilweise müssten sich die jungen Arbeitssuchenden aber auch selbst an der Nase nehmen und ihre Erwartungen herunterschrauben. «Viele wollen Lehren in vermeintlich bequemen Bürojobs machen, auch wenn es nicht ihren Fähigkeiten entspricht.» Es sei aber nicht zu viel verlangt, eine Arbeit zu wollen, mit der man glücklich ist.

Formularfalle RAV

«Viele Berufseinsteiger sind mit der plötzlichen Arbeitslosigkeit überfordert», sagt auch Timur Öztürk, Stabsleiter bei der Arbeitslosenkasse der Unia. Die Kasse hat deshalb ein Merkblatt für Betroffene verfasst. Viele hätten Mühe, sich im Behördendschungel des RAV zurechtzufinden. «Oft werden die monatlich einzureichenden Taggeld-Formulare nicht korrekt ausgefüllt oder die Eltern müssen für die Jugendlichen mithelfen», so Öztürk.

Es sei wichtig, die Betroffenen über ihre Rechte und Pflichten zu informieren: «Wenn beim Personalien-Formular das Kreuzchen falsch gesetzt wird, so kann das eine Sanktion wegen unwahrer Angaben nach sich ziehen.»

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