Leverkusen-Coach im Interview – «Wollen ihnen unser Spiel aufzwingen» – so will Seoane die Bayern schlagen
Aktualisiert

Leverkusen-Coach im Interview«Wollen ihnen unser Spiel aufzwingen» – so will Seoane die Bayern schlagen

Bayer Leverkusen träumt dank Gerry Seoane vom ersten Liga-Titel. Am Sonntag empfängt die Werkself die Bayern zum Kracher-Duell. Davor spricht der Ex-YB-Coach über den hervorragenden Saisonstart – und seinen Superstar Florian Wirtz.

von
Nils Hänggi
1 / 4
Leverkusen-Coach Gerry Seoane fühlt sich bei Bayer wohl.

Leverkusen-Coach Gerry Seoane fühlt sich bei Bayer wohl.

Marius Becker/dpa
Im Gespräch mit 20 Minuten sagt er: «Die Gegend ist sehr schön - absolut. Es hat viel Natur hier, der Rhein ist wunderbar. Ich konzentriere mich jedoch auf Leverkusen. Diese Aufgabe fesselt mich und verlangt mir alles ab.»

Im Gespräch mit 20 Minuten sagt er: «Die Gegend ist sehr schön - absolut. Es hat viel Natur hier, der Rhein ist wunderbar. Ich konzentriere mich jedoch auf Leverkusen. Diese Aufgabe fesselt mich und verlangt mir alles ab.»

REUTERS
Am Sonntag empfängt er mit Leverkusen den Meister aus München.

Am Sonntag empfängt er mit Leverkusen den Meister aus München.

AFP

Darum gehts

  • Seit dem Sommer arbeitet Gerry Seoane in der Bundesliga, ist Coach von Bayer Leverkusen.

  • Im grossen Interview mit 20 Minuten redet er über seine ersten Monate und die Youngs Boys.

  • Auch verrät er, wie er die Bayern am Sonntag schlagen will.

Gerry Seoane, kurz vorm Saisonstart erzählten Sie uns, dass Sie die Unterschiede zwischen Super League und Bundesliga noch nicht seriös beurteilen können. Was ist Ihr Fazit nach sieben Partien?

Der grösste Unterschied liegt in der Dimension des Ganzen. Die Clubs haben eine viel grössere Reichweite, grössere Trainingsgelände, eine grössere Anhängerschaft. Natürlich auch mehr Geld. Die Clubs in der Bundesliga haben ganz andere Möglichkeiten als jene in der Super League. Fussball geniesst in Deutschland einfach einen höheren Stellenwert.

Und vom Training her: Arbeiten Sie anders als bei YB?

Ich habe einfach mehr Möglichkeiten im Training. Zum Beispiel in Sachen Infrastruktur. Wir haben zwei Krafträume, vier Personen, die mit dem Team im Athletikbereich arbeiten. Wir haben zwei Köche, die für uns Frühstück und Mittagessen zubereiten.

Was ist mit der Arbeit auf dem Rasen?

Die ist eigentlich immer ähnlich. Als Trainer musste ich mir überlegen: Wie wollen wir mit dieser Mannschaft spielen? Was ist die DNA von Bayer Leverkusen? Dementsprechend planen wir das Training. Die Einheiten sind immer intensiv und sehr wettkampfnah.

Mit 16 Punkten ist Leverkusen auf Platz 2. Wie erklären Sie sich den hervorragenden Saisonstart?

Das ist eine Momentaufnahme. Mir ist bewusst, dass wir bisher eine gute Vorrunde spielen. Aber bei manchen Spielen hatten wir auch Match-Glück. Was sicher so ist: Die Veränderungen im Kader haben gut funktioniert. Wir haben die Bender-Brüder verloren, Dragovic, Wendell. Die Abgänge haben wir kompensiert durch junge, talentierte Spieler, die auch körperlich robust sind. Die damit einhergehende Wucht hat Bayer 04 in der letzten Saison ein wenig gefehlt. Und …

Ja?

Die Mannschaft hat in der Vorbereitung sehr gut trainiert. Sie hat das umgesetzt, was wir von ihr wollten. Sie hat eine gute Mentalität entwickelt. Die Jungs sind ambitioniert und wissen genau: Von nichts kommt nichts. Alle haben verinnerlicht, dass man für den Erfolg hart arbeiten muss. Und ihnen ist klar, wofür wir das tun: In dieser Saison wollen wir in allen Wettbewerben erfolgreich sein.

Am Sonntag empfangen Sie die Bayern zum Kracher-Duell. Mit einem Sieg ist Leverkusen Spitzenreiter. Wie wollen Sie die Bayern packen?

Für beide Clubs ist es nicht einfach, sich auf den Match vorzubereiten. 15 Spieler waren zuletzt auf Nationalmannschafts-Reise. Uns bleiben ein bis zwei Trainingseinheiten. Wir müssen eine sehr gute Leistung zeigen, wenn wir die beste Mannschaft in Deutschland schlagen wollen. Die Bayern sind eines der besten europäischen Teams in den letzten zehn Jahren. Wir haben Respekt, aber wir bleiben unserem Weg treu. Wir wollen unser Spiel, unsere DNA den Bayern aufzwingen.

Deutschland-Legende Lothar Matthäus lobte den ehemaligen YB-Coach zuletzt in den höchsten Tönen. 

Deutschland-Legende Lothar Matthäus lobte den ehemaligen YB-Coach zuletzt in den höchsten Tönen.

imago images/Matthias Koch

Vor welchem Bayern-Spieler haben Sie besonders Respekt?

Die Bayern haben sehr gute Individualisten - vor allem im Offensivbereich. Sie funktionieren aber alle auch im Kollektiv. Ich meine: Lewandowski, Coman, Gnabry, Sané, Müller, Kimmich, Goretzka. Das sind alles Top-Spieler. Man merkt, dass sie als Mannschaft funktionieren. Keiner spielt nur für sich. Es wird eine grosse Herausforderung für uns! Und dann haben sie auch noch einen Trainer, der sehr innovativ ist. Julian Nagelsmann wird die Mannschaft super auf uns vorbereiten.

Vorher sprachen Sie mehrmals von der DNA. Nun von der Wichtigkeit des Kollektivs. Ist es das, was Sie meinen?

Fussball lebt von individuellen Exploits. Das ist mir bewusst. Doch ich verstehe den Fussball eigentlich als hundertprozentige Kollektiv-Sportart. Alle Spieler im Kader haben einen Einfluss. Und alle stehen in der Verantwortung, wie das Ergebnis zustande kommt. Mir ist extrem wichtig, dass jeder Spieler den Eindruck hat, wichtig zu sein und gehört zu werden. Ich bin absolut überzeugt, dass man am erfolgreichsten ist, wenn alle an einem Strang ziehen.

Sky-Experte und Deutschland-Legende Lothar Matthäus hat Sie zuletzt gelobt und als einen der besten Trainer der Bundesliga bewertet.

Das bekomme ich schon mit. Klar, freut mich das auch. Aber Lob und Kritik liegen meist sehr nah beieinander. Und so spielt es für mich gar keine so grosse Rolle. Egal, ob ich nun kritisiert oder gelobt werde - mich motiviert beides. Ich versuche immer besser zu werden, die Mannschaft noch besser auf den Gegner einzustellen.

Ihr Spieler Florian Wirtz wird zurzeit ebenfalls mit Lob überschüttet. Wie erleben Sie Ihren Superstar?

Ich muss sagen: Im Moment wirkt er auf mich sehr gelassen und souverän. Er kann den Hype gut einordnen. Wie er in jungen Jahren schon so abgeklärt ist und auf dem Platz überzeugt, beeindruckt mich. Er stellt sich immer in den Dienst der Mannschaft. Er macht alles, was dem Team hilft. Denkt nie an sich selbst.

Kann Bayer ihn noch lange halten?

Das ist eher eine Frage für die sportliche Führung. Als Trainer würde ich gerne noch sehr lange mit ihm zusammenarbeiten. Doch mir ist bewusst, dass er, wenn er so weitermacht, irgendwann bei einem der weltbesten Clubs spielen wird. Er hat das Potential für einen absoluten Top-Verein. Aber er ist noch jung, muss noch viel lernen. Ich glaube, dass er sich bei Leverkusen sehr gut entwickeln kann. Hier fühlt er sich wohl. Momentan ist Leverkusen der richtige Ort für Florian. Aber irgendwann wird er weiterziehen. Das gehört auch zu Leverkusen: Junge Spieler ausbilden, entwickeln und dann auch mal zu verkaufen – wie bei Kai Havertz oder auch Julian Brandt.

Leverkusen wird spöttisch oft Vizekusen genannt. Ist das ein Thema für Sie?

Das war doch vor vielen Jahren. Keiner aus der aktuellen Mannschaft war damals dabei. Und dennoch: Wenn man bis zum Schluss um jeden Titel mitkämpft, hat man eine fantastische Saison gespielt. In der Bundesliga kann jedes Team eine Krise durchmachen. Auch wir. In diesen Momenten ist es sehr wichtig, dass man alles daran setzt, aus der Krise wieder herauszukommen. Dass wir das schaffen, ist meine Aufgabe. Die Aufgabe des Trainer-Teams.

Schauen wir noch auf YB. Die Berner spielen gross auf, gewannen gegen Manchester United. Macht Sie das glücklich?

Ich habe alle Champions-League-Spiele von YB verfolgt. Das Spiel gegen Manchester United hat gezeigt, dass im Fussball alles möglich ist, wenn alle an einem Strang ziehen. Wenn eine gute Mentalität vorhanden ist, wenn alle hart arbeiten. Klar, gegen United hatte auch die Rote Karte einen Einfluss. Dennoch: Es war eine sensationelle Leistung der Berner. Und der Sieg war super für den Schweizer Fussball.

Zesiger, Lauper, Aebischer, Elia … YB hat einige Spieler unter Vertrag, die vielleicht auch für Leverkusen ein Thema sein könnten.

Es ist nicht so, dass ich Namen vorschlage. Wir erarbeiten in der sportlichen Führung Spieler-Profile. Unsere Scouts machen sich dann auf die Suche nach den Spielern, die das Profil aufweisen. Jeder Club sucht nach anderen Typen von Spielern. Was ich sagen kann: Ich habe das Gefühl, dass es bei YB viele Spieler gibt, die in der Bundesliga oder auch in anderen Top-Ligen spielen können. Ohne Probleme. Ich wünsche mir, dass einige YB-Spieler bald den Schritt ins Ausland wagen.

Im Sommer gab es Gerüchte, dass Leverkusen an Basels Cabral dran sei. War was dran? Und: Noch immer interessiert?

Das war nie ein Thema.

Im Sommer erzählten Sie uns, dass Sie noch im Hotel wohnen. Momentan heimischer geworden?

Ich bin in eine Wohnung gezogen. Leverkusen ist ja nicht weit von Köln entfernt. Ich wohne zwischen den beiden Städten.

Gefällt Ihnen die Gegend?

Absolut! Doch es ist ja nicht so, dass ich viel Zeit für Trips und Ausflüge habe. Die Gegend ist aber sehr schön - absolut. Es hat viel Natur hier, der Rhein ist wunderbar. Ich konzentriere mich jedoch auf Leverkusen. Diese Aufgabe fesselt mich und verlangt mir alles ab.

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

5 Kommentare