Aktualisiert 26.07.2011 15:41

Unermessliche Not

«Vielen fehlt die Kraft, das Essen zu schlucken»

In manchen Regionen Somalias stirbt in diesen Tagen alle sechs Minuten ein Kind. Diese Schätzung gab UNICEF bekannt. Die EU will deshalb ihre Hilfslieferungen weiter aufstocken.

Die Dürre lässt die Menschen am Horn von Afrika unvorstellbar leiden. Es fehlt an fast allem. «Schnelligkeit ist ganz entscheidend», sagte die Direktorin des Welternährungsprogramms (WFP), Josette Sheeran, am Sonntag vor Journalisten in Nairobi. Sheeran hatte sich in den vergangenen Tagen bei Besuchen in der somalischen Hauptstadt Mogadischu und in den Flüchtlingscamps im Norden Kenias selbst ein Bild von der Lage gemacht. In einigen Gebieten seien bereits 25 bis 45 Prozent der Bevölkerung unterernährt. Besonders dringend würden vitaminreiche Nahrungsergänzungen gebraucht.

Hungernder Somalier suchen weiter Hilfe in den Camps in Äthiopien und Kenia. Noch immer kämen «Hunderte, wenn nicht sogar Tausende» täglich im kenianischen Dadaab an, sagte UNICEF-Mitarbeiter Christopher Tidey der Nachrichtenagentur dpa. Mit fast 400 000 Menschen ist es das grösste Flüchtlingslager der Welt.

Intravenös ernährt

Tidey besuchte am Samstag in Dadaab eine Klinik für schwer unterernährte Kinder. «Viele von ihnen sind so schwach, dass sie nicht einmal mehr die Kraft haben, Essen herunterzuschlucken und deshalb intravenös ernährt werden müssen», sagte er. «Ich habe einen dreijährigen Jungen gesehen, Aden, der nur fünf Kilo wog.»

In Somalia, das besonders schwer von der Hungersnot betroffen ist, müsse die Situation täglich neu beurteilt werden, sagte Sheeran. Die Shabaab-Miliz hatte vor wenigen Tagen erklärt, sie werde weiter keine Hilfslieferungen internationaler Organisationen in die von ihr kontrollierten Gebiete in Südsomalia zulassen, und die UNO übertreibe das Ausmass der Katastrophe stark.

Das Welternährungsprogramm WFP überlegt sich daher laut Mitarbeitern, Lebensmittel von Flugzeugen aus über einigen von Islamisten kontrollierten Gebieten abzuwerfen.

IKRK gelingt Lebensmittel-Verteilung

Dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) ist es hingegen nach eigenen Angaben gelungen, 400 Tonnen Lebensmittelhilfe im von der Shabaab-Miliz kontrollierten Süden Somalias zu verteilen.

Die Güter seien bereits am Samstag «ohne Zwischenfälle» im Bezirk Bardera in der Provinz Gedo verteilt worden, sagte ein IKRK-Sprecher in der kenianischen Hauptstadt Nairobi am Sonntag. Es sei das erste Mal seit 2009, dass das IKRK in den von den Shabaab-Milizen kontrollierten Gebieten Nahrungsmittelhilfen direkt an die Bevölkerung ausgegeben habe.

Unterdessen wird in der äthiopischen Region Dolo Ado an einem vierten Flüchtlingslager gearbeitet. Es solle weiteren 60 000 Hungernden Platz bieten, nachdem die ersten drei Camps ihre Kapazität erreicht hätten, teilte das UNO-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) mit.

Die ersten Flüchtlinge sollen bereits nächste Woche vom Transitzentrum in das neue Lager Hilaweyn umziehen können.

Mehr Hilfsgelder der EU

Die EU kündigte an, ihre Hilfen für die Hungernden am Horn von Afrika aufzustocken. EU-Kommissarin Kristalina Georgieva sagte zu Beginn ihrer Kenia-Reise, dass die Brüsseler Kommission weitere 88 Millionen Euro für die Linderung der Not im Katastrophengebiet bereitstelle. Damit steigen die Hilfsleistungen der EU-Kommission für die Region auf fast 160 Millionen Euro.

(sda)

Künstler fordern 600 Millionen

Am Montag gibt es in Rom ein internationales Krisentreffen zur Bekämpfung der Hungersnot am Horn von Afrika. Zuvor haben zahlreiche Musiker und Schauspieler in einer gemeinsamen Erklärung eine Verstärkung der Hilfsanstrengungen gefordert. Die Staaten müssten beim Treffen ihre Hilfszusagen bekanntgeben und das Geld «ohne Aufschub und ohne Umschweife» bereitstellen, heisst es in der Erklärung. Unterzeichnet wurde diese von rund 30 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Es sei «unvorstellbar, dass 2011 jemand noch an Hunger sterben kann», heisst es weiter. Nach Angaben der Unterzeichner sind zusätzlich 600 Millionen Dollar notwendig. Auch wenn einige Länder finanzielle Schwierigkeiten hätten, sei dies «nicht viel».

Spendenaufruf der Glückskette

Die Glückskette hat am Freitag ihren vor zehn Tagen lancierten Spendenaufruf verstärkt. Die Hungersnot habe sich in einem Teil Ostafrikas noch verschärft. Die Bedürfnisse seien unermesslich, teilte die Glückskette mit. Die Glückskette stützt sich auf Abklärungen ihrer Schweizer Partnerhilfswerke und auf die UNO, welche am Mittwoch in zwei südsomalische Regionen offiziell eine Hungersnot ausrief. Deshalb verstärke die Glückskette nun ihren Spendenaufruf in den Medien, namentlich im Radio, wie Glückskette-Sprecherin Priska Spörri auf Anfrage erklärte.

Bis Freitag seien 2'294'624 Franken an Spenden gesammelt worden. Bereits in Äthiopien, Kenia, Somalia und Somaliland Nothilfe leistend sind folgende sieben Partnerhilfswerke der Glückskette: ADRA, Ärzte ohne Grenzen, Caritas, Christoffel Blindenmission, HEKS, Medair und das Schweizerische Rote Kreuz. Weitere Hilfswerke prüften ihre Einsatzmöglichkeiten in der Region.

Die Glückskette nimmt Spenden auf dem Postkonto 10-15000-6 mit dem Vermerk «Afrika» oder online auf www.glueckskette.ch entgegen.

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