Aktualisiert 29.12.2008 12:17

Chaos in Gaza

«Vielleicht ist der nächste Tote einer von uns»

315 Tote - dies die Bilanz am dritten Tag der militärischen Offensive Israels im Gazastreifen. Ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AP beschreibt die katastrophale Lage im Krisengebiet nach wenigen Tagen des Krieges.

von
Ibrahim Barzak, AP

Weiss von Staub und blutverschmiert stolperten die Häftlinge aus den Zellen ins Freie, kletterten über Schutthaufen und flüchteten vor der Hamas-Polizei und vor der israelischen Luftwaffe. «Wartet auf mich!», schrie einer, der unter den Trümmern feststeckte: «Zieht mich raus!»

Das Gefängnis war eines der Ziele, das Israel bei seiner bisher grössten Luftoffensive gegen die Hamas im Gazastreifen am Sonntag unter Beschuss nimmt. Angegriffen wurden auch ein Treibstofftanker, ein Fernsehsender der Hamas und Schmugglertunnel, die unter der Grenze nach Ägypten hindurchführen. Quer durch den Gazastreifen haben Familien vor ihren Häusern Trauerzelte aus grünen Planen errichtet, doch die meisten Stühle für die Trauergäste bleiben leer. Kaum einer wagt sich vor die Tür.

Bomben zum Schulschluss

Selbst für die kriegserfahrenen Einwohner von Gaza, die unzählige israelische Angriffe und Kämpfe unter den Palästinensern selbst hinter sich haben, ist dieses blutige Wochenende ungewöhnlich traumatisch. Mehr als 315 Menschen wurden nach jüngsten palästinensischen Angaben seit Samstag getötet, zumeist Hamas-Sicherheitskräfte, aber auch mindestens sieben Kinder.

Der Beschuss begann am Samstag gegen 11.30 Uhr. Kinder gingen von der Schule nach Hause, Hausfrauen kauften auf dem Markt ein, Polizisten regelten den Verkehr. In diesem Moment feuerten israelische Kampfflugzeuge einen Hagel aus Bomben und Raketen auf die Hamas und deren Stellungen. Einwohner beschreiben Szenen des Schreckens in Wolken von Rauch und Staub. Frauen rannten davon, ihre Kinder im Arm, Kinder in Schuluniformen weinten, Autos, deren Fahrer voll Panik zu entkommen versuchten, krachten aufeinander.

«Ich habe hier einen Kopf!»

Die Toten und Verwundeten wurden in Krankenhäuser gefahren. Manche schleppten Decken mit Körperteilen darin. «Ich habe hier einen Kopf!», schrie ein Mann, der ins Schifa-Krankenhaus gestürzt kam, das grösste in Gaza. Man wies ihn zur Leichenhalle, die schon überfüllt war wie Leichenhallen und Notaufnahmen anderswo. Im Schifa sassen die Verwundeten auf den Gängen, der Boden war teils glitschig vor Blut. Tote lagen in Decken gehüllt auf dem Boden aufgereiht. Verzweifelte Menschen suchten nach Angehörigen. Am Sonntag lagen im Schifa-Krankenhaus noch 25 unidentifizierte Tote, entstellt bis zur Unkenntlichkeit.

Mit Bulldozer gegen Grenzmauer

Kilometer weiter, im Süden an der Grenze zu Ägypten, bebte am Sonntagnachmittag die Erde. Binnen vier Minuten zerstörten israelische Kampfflugzeuge 40 Tunnel, die dem Schmuggelverkehr unter der Grenze hindurch dienten. Sobald sich Staub und Qualm verzogen hatten, eilten Anwohner wie Fida Kischta zur Grenzmauer. Hunderte hätten versucht durchzubrechen, seien aber von ägyptischen Grenzern mit Warnschüssen zurückgetrieben worden, berichtete sie. Mit einem Bulldozer hätten sie vergebens die Mauer einzureissen versucht und dann mit einem Sprengsatz ein kleines Loch geschafft. Dutzende seien durchgeklettert, aber dann doch wieder zurückgewiesen worden.

Der Schock sitzt tief. «Meine Kinder machen ins Bett, sie weinen, wenn sie ein Flugzeug hören», sagte Amal Hassan, 38 Jahre alt und Mutter von drei Kindern. «Ich weiss nicht, was als nächstes passiert. Vielleicht kommt die nächste Bombe hier herunter. Vielleicht ist der nächste Tote einer von uns.»

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