Hochschule Luzern (HSLU) untersucht Energiesparpotenzial im öffentlichen Verkehr
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Energiesparen im ÖV«Vielleicht wäre es aufschlussreich, den Zugwagen gesamthaft neu zu denken»

Die Hochschule Luzern hat in einer Studie untersucht, wie Energie im ÖV eingespart werden kann. Die Bandbreite der Massnahmen ist einfach bis visionär.

von
Gianni Walther
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Wie lässt sich im ÖV Energie sparen? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Hochschule Luzern.

Wie lässt sich im ÖV Energie sparen? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Hochschule Luzern.

SBB / Frank Schwarzbach
Täglich sind zahlreiche Personen beim Weg zur Arbeit auf den öffentlichen Verkehr angewiesen. Hinzu kommen Tagesgäste. Der Transport all dieser Personen benötigt Energie.

Täglich sind zahlreiche Personen beim Weg zur Arbeit auf den öffentlichen Verkehr angewiesen. Hinzu kommen Tagesgäste. Der Transport all dieser Personen benötigt Energie.

20min/Michael Scherrer
Neben dem Transport wird aber auch gerade im Winter Energie benötigt für die Heizung. Auch Kühlung und Lüftung benötigen Strom.

Neben dem Transport wird aber auch gerade im Winter Energie benötigt für die Heizung. Auch Kühlung und Lüftung benötigen Strom.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Zwischen zehn und 40 Prozent des Energieverbrauchs im ÖV wird für den Komfort der Passagiere aufgewendet.

  • Die Hochschule Luzern (HSLU) hat im Auftrag des Bundesamtes für Verkehr einen Überblick über das Energiesparpotenzial geschaffen.

  • Mit einfachen Massnahmen lässt sich bereits Energie einsparen.

  • Auch neue Möglichkeiten zeigt die HSLU auf: Eine intelligente Heizung könnte etwa Energie einsparen.

Rund ein Drittel der Pendelnden nutzen in der Schweiz den ÖV. Hinzu kommen zahlreiche Tagespassagiere. So viel Mobilität braucht auch viel Energie. Diese wird jedoch nicht nur für den Transport benötigt, sondern auch für den Komfort der ÖV-Passagiere. Will heissen: Auch Heizung, Lüftung und Kühlung verbrauchen Energie.

Zwischen zehn und 40 Prozent der Energie, die in Zug, Bus oder Tram verbraucht wird, dienen dem Komfort der Passagiere, teilte die Hochschule Luzern (HSLU) kürzlich mit. «Das ist im Jahr etwa gleich viel wie der mittlere jährliche Strombedarf von bis zu 400'000 Haushalten mit vier Personen in der Schweiz», sagt Stephan Husen, leitender Experte im Programm «Energiestrategie 2050 im öffentlichen Verkehr» beim Bundesamt für Verkehr (BAV).

Übersicht über diverse Studien

Zu diesem Thema gebe es alleine in Europa über 100 Studien. «Ihre Methodik und Aussagekraft sind allerdings sehr unterschiedlich», sagt Professor Urs-Peter Menti von der Hochschule Luzern. «Was bisher fehlte, war eine Übersicht und eine systematische Analyse dieser Studien.» Deshalb hat die HSLU im Auftrag des BAV einen Überblick über Möglichkeiten zur Energieeinsparung geschaffen.

«Am besten untersucht ist die Bahn», sagt Menti. Viele der möglichen Massnahmen liessen sich jedoch auch auf Tram und Bus übertragen. Die als «besonders relevant» gewichteten Studien nutzten die Forschenden als Basis für einen Massnahmenkatalog. Die Empfehlungen darin richten sich vorwiegend an Transportunternehmen und Hersteller von Verkehrsmitteln.

Individuelle Heizung pro Sitzplatz im Zug

«Schon jetzt bemühen sich viele Transportunternehmen um Einsparungen, aber es besteht auf jeden Fall noch viel Potenzial», sagt der HSLU-Professor. Ein Beispiel dafür sei etwa die sogenannte energieoptimierte Abstellung. Denn wenn Züge nicht im Einsatz sind, werden sie trotzdem nicht ganz ausgeschaltet. Dadurch werden beispielsweise im Winter Frostschäden verhindert. Mit der energieoptimierten Abstellung werde bei Zügen im Ruhezustand aber bloss noch ein Bruchteil der Energie verbraucht.

Menti sieht auch Potenzial in Gebieten, über die bisher nur wenig diskutiert wurde. Ein Beispiel dafür seien Lüftungs-, Kühlungs- und Heizsysteme in den Zügen. Wird die Heizung eingeschaltet, dann läuft sie heute im gesamten Zugwaggon – auch wenn nur wenige oder gar keine Fahrgäste im Zug sitzen. «Technisch wäre es denkbar und sinnvoll, jeweils nur die belegten Sitzplätze zu heizen, kühlen und lüften. In Randzeiten könnte viel Energie gespart werden», sagt der Forscher. Ähnlich also, wie wenn im Auto Sitzheizungen oder Lüftungen individuell eingestellt werden können. Beim Thema Lüftung berücksichtigten die Forscher übrigens auch das Coronavirus. Eine Luftzufuhr und -abfuhr pro Sitzplatz könne hygienisch sinnvoll sein, sagt Menti. «Vielleicht wäre es aufschlussreich, den Zugwagen gesamthaft neu zu denken.»

Weiteres Potenzial sieht Menti etwa beim Einsatz von energieeffizienten Wärmepumpen in Zügen. Diese werden heute nur bei Gebäuden eingesetzt. Damit diese in Zügen eingesetzt werden können, brauche es aber noch einiges an Entwicklung. «Von der Energieseite her gesehen, wäre das ein Quantensprung», sagt Menti. Auch bei den Fenstern gebe es Potenzial. Denn: Diese müssten möglichst klein sein, damit im Winter wenig Energie verloren geht oder die Züge im Sommer nicht überhitzen, andererseits wollen die Fahrgäste auch die Aussicht geniessen. «Mit elektrochromem Glas können Fenster bei starker Sonneneinstrahlung automatisch abgedunkelt werden», so Menti. Dadurch werde im Sommer der Energieverbrauch der Kühlung verringert, ohne dass die Aussicht reduziert wird.

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