Aktualisiert 02.06.2011 06:18

Fifa-Skandale

Vier (Abseits-)Fallen für Sepp Blatter

Sepp Blatter bleibt Fifa-Präsident – vorerst. Seine vielen Feinde werden nicht lockerlassen. Es gibt einige Stolpersteine, die ihn zu Fall bringen können.

von
Peter Blunschi

Viermal hat sich Joseph S. Blatter zum Präsidenten der Fifa wählen lassen, nur 2007 verlief das Prozedere reibungslos. Die anderen Wahlkämpfe verkamen zu einer Schlammschlacht – ein Indiz dafür, wie sich das Klima im mächtigsten Sportverband der Welt unter der Ägide des Wallisers verschlechtert hat. Auf vier ruhige Jahre kann Blatter deshalb kaum hoffen. Mehrere «Baustellen» könnten ihm gefährlich werden:

WM 2022 in Katar: Seit der überraschenden Vergabe der Fussball-Weltmeisterschaft 2022 an den winzigen Wüstenstaat Katar gibt es Gerüchte, die Ölscheichs hätten sich das Turnier mit Schmiergeldern erkauft. Im Vorfeld der Präsidentenwahl nahm die Kontroverse an Schärfe zu. Concacaf-Präsident Jack Warner behauptete, Katar habe an vier Fifa-Exekutivmitglieder insgesamt 20 Millionen Dollar bezahlt. Beweise blieb Warner entgegen seiner Ankündigung schuldig, doch die Angelegenheit ist kaum ausgestanden.

Der Journalist und Blogger Jens Weinreich berichtet von einem Deal zwischen Sepp Blatter und Prinz Tamim Bin Hamad al Thani, einem Sohn des Emirs von Katar. Demnach sollte sich Blatters Gegenkandidat Mohamed Bin Hammam zurückziehen. Der Fifa-Boss habe dafür zugesichert, alles zu unternehmen, dass die WM in Katar stattfinden wird. Bin Hamman zog sich zurück, doch nun fordern verschiedene Verbände eine Untersuchung der Vergabe. Falls Katar die WM verlieren sollte, muss sich Blatter auf einiges gefasst machen.

ISL-Schmiergeldskandal: Seit dem Konkurs der Zuger Sportagentur ISL im Jahr 2001 wird die Fifa von Korruptionsvorwürfen verfolgt. Die ISL sicherte sich die Vermarktung der Übertragungsrechte für die Fussball-Weltmeisterschaften und soll dafür Schmiergelder an Fifa-Funktionäre bezahlt haben. Letztes Jahr kam es zu einem Vergleich: Gegen eine Zahlung von 5,5 Millionen Franken wurde das Strafverfahren eingestellt.

Verschiedene Medien bemühen sich um Einsicht in die Einstellungsverfügung der Zuger Staatsanwaltschaft. Die Fifa hat dies bislang mit Rekursen blockiert. Kritiker glauben, das Dokument könne Blatter zu Fall bringen. Er soll selber kein Bestechungsgeld kassiert, aber über die Zahlung an zwei Fifa-Exponenten Bescheid gewusst haben.

Persönliche Abrechnungen: Blatters Wiederwahl hatte einen hohen Preis: Mohamed Bin Hammam und Jack Warner wurden vorläufig suspendiert, weil sie angeblich versucht hatten, Stimmen gegen Blatter zu kaufen. Beide waren langjährige Mitstreiter des Wallisers, sie dürften genug wissen, um ihm schwer zu schaden. Zumindest im Fall von Warner zeichnet sich ab, das er in den Schoss der «Fifa-Familie» zurückkehren wird. Im Gegenzug dürfte es zu «Bauernopfern» kommen.

Erster Kandidat ist der Amerikaner Chuck Blazer. Der Concacaf-Generalsekretär fiel seinem Boss Warner in den Rücken und machte den angeblichen Stimmenkauf publik. Am Dienstag wurde bereits – verfrüht? – sein Rauswurf angekündigt und wieder zurückgenommen. Auch der Sitz von Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke wackelt. Der Franzose hatte in einem Mail an Jack Warner geschrieben, die WM 2022 sei von Katar «gekauft» worden. Valcke wäre nach Michel Zen-Ruffinen und Urs Linsi bereits der dritte Generalsekretär in der Ära Blatter, der unfreiwillig gehen müsste.

Englische Rachegelüste: In England sitzt der Frust über die klare Niederlage gegen Russland bei der Vergabe der WM 2018 tief. Entsprechend verhasst ist Sepp Blatter auf der Insel. Das Parlament hat eine Untersuchung eingeleitet. Ein Austritt Englands aus der Fifa, den viele fordern, ist unwahrscheinlich. Aber die englischen Medien werden bei ihrer Jagd auf Blatter nicht locker lassen. Spekuliert wird auch, dass England mit Hilfe von grossen Fifa-Sponsoren wie Coca-Cola und Visa und anderen gewichtigen Verbänden wie Spanien und Deutschland den Fifa-Präsidenten zu Veränderungen zwingen könnte.

Daneben droht weiteres Ungemach für Blatter, denn auch Schweizer Politiker wollen dem Gebaren des wie ein «Chüngelizüchter»-Verein organisierten Milliardenkonzerns Fifa nicht mehr tatenlos zuschauen. Blatter versprach am Kongress in Zürich, sich für Reformen stark zu machen. Der Visper gilt nicht nur als «Napoleon des Fussballs», er ist auch ein begnadeter Überlebenskünstler. Dennoch sollte man besser nicht zu viel Geld darauf setzen, dass er seine vierjährige Amtszeit bis zum Ende absolvieren wird.

Fehler gefunden?Jetzt melden.