Aktualisiert 06.09.2011 17:15

Amanda Knox vor GerichtVier Gründe, Foxy Knoxy freizulassen

Der Berufungsprozess im Mordfall Meredith Kercher geht in die Endrunde. Nachdem alle Indizien gegen Amanda Knox neu untersucht wurden, stehen ihre Chancen auf Freispruch nicht schlecht.

von
Karin Leuthold

Amanda Knox sitzt seit dreieinhalb Jahren hinter Gittern. In etwa vier Wochen wird der Berufungsprozess zu Ende gehen, dann soll endgültig geklärt sein, ob die 24-jährige Austauschstudentin zu Recht zu 26 Jahren Haft verurteilt wurde, oder ob sie mit dem Mord an ihrer Mitbewohnerin Meredith Kercher nichts zu tun hat.

Nach der richterlichen Sommerpause wurde nun die Debatte über die Stichhaltigkeit von DNA-Beweisen fortgesetzt. Am Dienstag verteidigte die Biologin Patrizia Stefanoni erneut die Arbeit der polizeilichen Spurensicherung der ersten Instanz im Jahr 2009 – nachdem diese im Sommer von zwei Gerichtsmedizinern der Sapienza-Universität in Rom gründlich zerlegt worden war. Die Spezialisten, die von der Verteidigung bestellt worden waren, behaupteten damals, die Ermittlungen seien «schlampig» gewesen, die DNA-Untersuchungen «falsch interpretiert», und überdies seien internationale Regeln missachtet worden.

Gutachter sind sich nicht einig

Stefanoni erklärte vor Gericht, dass genetische Spuren mit den heutigen Methoden ganz eindeutig nachzuweisen seien. «Es handelt sich hier nicht um etwas Abstraktes», sagte sie als Antwort auf dem Bericht der Gutachter, die erklärt hatten, die DNA-Spuren seien so ungenau, dass die genetischen Profile der unterschiedlichsten Personen darin zu finden seien.

Trotz der Aussage der Biologin stehen die Karten für Amanda Knox nicht schlecht. Ihre Anwälte und die ihres Ex-Freunds Raffaelle Sollecito erklärten die DNA-Spuren auf dem mutmasslichen Tatmesser und dem Büstenhalter des Opfers am Montag erneut für nicht zulässig. Grundsätzlich gilt es folgende Knackpunkte zu klären:

Frage 1: Wie «schlampig» haben die Ermittler gearbeitet?

Die Gutachter zeigten dem Gericht im Juli ein Video der ersten Ermittlungen, kurz nach dem Fund der Leiche am 2. November 2007. Darauf ist der Handschuh des Beamten sichtlich verschmutzt. Auf den Aufnahmen sieht man zudem Polizisten, die mit demselben Wattestäbchen gleich mehrere Blutproben nehmen. Ausserdem, so die Gutachter, seien die Spurensicherer nicht ordnungsgemäss mit Masken und Pinzetten umgegangen.

Frage 2: Warum ist die DNA auf dem BH des Opfers umstritten?

Der BH von Meredith Kercher lag 46 Tage lang auf dem Boden des Tatorts, bevor er von den Ermittlern als Beweismaterial abgeholt wurde. In dieser Zeit waren Hunderte Polizisten ins Schlafzimmer der britischen Austauschstudentin gekommen und hatten Spuren verunreinigt und sogar durcheinandergebracht. Die Gutachter halten es darum durchaus für möglich, dass das BH-Häkchen mit einem verunreinigten Handschuh in Berührung kam.

Frage 3: Wie steht es um das belastende DNA-Material auf dem Küchenmesser?

Über das Küchenmesser, das kurz nach dem Mord in der Wohnung von Raffaelle Sollecito sichergestellt wurde, streiten die Ermittler am meisten. Nach den ersten Analysen hiess es, dass Blutspuren der ermordeten Kercher auf der Klinge und der verdächtigen Knox auf dem Griff gefunden wurden. Der neue Bericht behauptet aber, es sei nicht sicher, dass die DNA an der Klinge von Kercher stamme. Was Knox betrifft, hatte die US-Studentin bereits im ersten Prozess ausgesagt, dass sie das Messer oft zum Kochen benutzt habe. Dass ihre DNA am Griff hafte, dementieren die römischen Gutachter. Sie meinen, es handle sich dabei ohnehin nicht um Blut.

Frage 4: Was ist mit Knox' Geständnis?

Amanda Knox muss beim Berufungsprozess versuchen, die Geschworenen zu überzeugen, dass sie die Tat nie gestanden hat. Auch hier sieht es gut für sie aus: Vom Verhör, aufgrund dessen die Polizei von einem Geständnis spricht, gibt es keine Aufnahmen. Es ist daher unklar, ob die Polizisten sie mit Suggestiv-Fragen zu der selbstbeschuldigenden Aussage brachten. Seither beteuert die 24-Jährige ihre Unschuld.

Frage 5: Welche belastende Momente gibt es noch gegen Foxy Knoxy?

Ein noch strittiger Punkt ist das zerbrochene Fenster der Wohnung, das laut den Untersuchungen von innen eingeschlagen wurde: Aus Sicht des Schwurgerichts kann das nur bedeuten, dass der Mörder im Haus wohnt und versucht hat, einen Einbruch vorzutäuschen.

Ebenfalls gegen sie spricht die Tatsache, dass sie in der Mordnacht völlig bekifft auf der Polizeiwache in Perugia erschien. Sie habe mit ihrem damaligen Freund Sollecito dauernd gekichert und Yoga-Übungen gemacht. Darauf gab ihr die italienische Presse den Spitznamen «Engel mit den Eisaugen». Diesen ruinierten Ruf muss Amanda Knox bei jedem Auftritt vor Gericht aufpolieren. Dafür hat sie noch drei Wochen Zeit.

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