LKW-Fahrer «gepfählt» – «Vier Opfer im Verkehr wegen Ihnen, das reicht»
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LKW-Fahrer «gepfählt»«Vier Opfer im Verkehr wegen Ihnen, das reicht»

Ein Foodtruck-Fahrer hat einen tödlichen Unfall verursacht. Es war nicht sein erster Crash, aber ins Gefängnis muss er vorerst nicht. Seinen Führerausweis dürfte er aber vorerst los sein.

von
Steve Last
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Der 45-jährige Fahrer dieses Lastwagens starb am 13. Januar 2020 bei einem Unfall in Liesberg BL.

Der 45-jährige Fahrer dieses Lastwagens starb am 13. Januar 2020 bei einem Unfall in Liesberg BL.

Polizei BL
Die geöffnete Seitenklappe eines entgegenkommenden Foodtrucks hatte ihn getroffen und tödlich verletzt.

Die geöffnete Seitenklappe eines entgegenkommenden Foodtrucks hatte ihn getroffen und tödlich verletzt.

Polizei BL
Der Fahrer des Foodtrucks musste sich am Dienstag wegen fahrlässiger Tötung vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten.

Der Fahrer des Foodtrucks musste sich am Dienstag wegen fahrlässiger Tötung vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten.

Polizei BL

Darum gehts

  • Im Januar 2020 wurde in Liesberg BL ein Lastwagenfahrer bei einem Verkehrsunfall getötet.

  • Der Rahmen einer offenen Klappe an der Seite eines entgegenkommenden Foodtrucks schlug in die Fahrerkabine ein.

  • Die Konstruktion bohrte sich in den Brustkorb des Lastwagenfahrers, der innert Sekunden seinen Verletzungen erlag.

  • Am Dienstag musste sich der Fahrer des Foodtrucks wegen fahrlässiger Tötung vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten.

Das Strafgericht Baselland hat am Dienstag einen 35-jährigen Mann wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Der Familienvater war am 13. Januar 2020 mit seinem Foodtruck in Liesberg BL unterwegs, als sich aus nicht eindeutigen Gründen die Seitenklappe öffnete und 1,4 Meter in die Gegenfahrbahn ragte. Die Klappe schlug in die Kabine eines entgegenfahrenden Lastwagens ein und ihr Aluminium-Rahmen durchbohrte die Brust von dessen Fahrer unterhalb vom Hals. In der Anklage ist von «Pfählung» die Rede. Der Mann starb innert Sekunden.

«Es tut mir unendlich leid. Ich kann es nicht rückgängig machen, aber ich habe viel daraus gelernt», beteuerte der Beschuldigte vor Gericht. Auf die Fragen des Richters fand er teilweise keine Antworten, stimmte aber zu, wenn dieser ihn fragte, ob es seine Verantwortung gewesen sei. Die ihm gemachten Vorwürfe bestritt der Beschuldigte indes nicht. Er verwies aber auf seine schwierige Lebenssituation und schwere Rückschläge in seinem Familienumfeld.

Spielte Marke Eigenbau eine Rolle?

Neben fahrlässiger Tötung erhob die Staatsanwaltschaft auch Anklage wegen Führens eines nicht betriebssicheren Fahrzeugs. Der Fahrer des Foodtrucks hatte den Lieferwagen selber umgebaut und die Seitenklappe montiert. Von der Motorfahrzeugkontrolle abnehmen lassen hatte er den Umbau aber nicht. Das ist zwar eine Pflichtverletzung, ob eine Prüfung den Unfall hätte verhindern können, ist aber fraglich.

Der Verteidiger sah seinen Mandanten zwar in der Verantwortung, sprach ihm aber nur ein geringes Verschulden zu. Er sprach von einer «Verkettung von Zufällen», die zum Unglück geführt hätten. Am Ende forderte er eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen.

Verschlussriegel im Visier

Die Staatsanwaltschaft fasste in der Anklage zwei Ansätze, die beide auf den Beschuldigten zeigten. Einerseits sei der Foodtruck nicht betriebssicher gewesen, wofür der Mann bestraft werden müsse. Andererseits ging sie als Unfallursache hauptsächlich davon aus, dass der Beschuldigte die Verschlussriegel vor dem Losfahren nicht geschlossen hatte. Die Polizei habe beide Riegel gefunden: Einer war zerstört, der andere intakt und in offenem Zustand. Dass sie sich von alleine geöffnet hätten, sei unwahrscheinlich.

«Es gab zwar unglückliche Zufälle, aber Ihre Unvorsichtigkeit hatte fatale Folgen», so die Staatsanwältin zum Beschuldigten. Er habe die Ursache geschaffen, ohne die es nicht zum Unfall gekommen wäre. Weil der 35-Jährige wegen Verkehrsdelikten vorbestraft ist, forderte sie ein Freiheitsstrafe von acht Monaten – allerdings nur bedingt vollziehbar mit einer Probezeit von drei Jahren.

Nicht nur Pech

«Mit Pech allein ist das nicht zu erklären», sagte der Einzelrichter. Er folgte mit der Urteil den Argumenten und mit der Strafe dem Antrag der Staatsanwaltschaft, verlängerte die Probezeit aber auf vier Jahre. Im Gegensatz zur Anklage stellte das Gericht dem Beschuldigten keine günstige Prognose aus, weil dieser immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerate – nicht zuletzt weil er vor einigen Jahren schon einen Verkehrsunfall mit drei Schwerverletzten verursacht hatte.

«Vier Opfer im Strassenverkehr wegen Ihnen, das reicht», befand das Gericht. Ins Gefängnis müsse der 35-Jährige zwar nicht, seine Probezeit solle er aber nutzen. «Wir wollen von Ihnen den Beweis, dass Sie es können», so der Richter. Allerdings kündigte er bereits den Entzug des Führerausweises an. Weil der Beschuldigte den Foodtruck nicht gesetzmässig umgebaut hatte, ihn nicht vorführen liess, und darum auch nicht richtig versichert war, gab es eine Busse von 1200 Franken. Hinzu kommen Untersuchungs- und Verfahrenskosten von rund 20’000 Franken.

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Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

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