Kampf in der AHL: Vier Schweizer in der wirklich härtesten Liga
Aktualisiert

Kampf in der AHLVier Schweizer in der wirklich härtesten Liga

Sie haben die Eishockeyzukunft in der Schweiz aufgegeben, um in Nordamerika um ihre Existenz zu kämpfen. Für vier Schweizer beginnt heute Freitag die AHL-Saison.

von
Jürg Federer
USA

Sie träumen von der NHL, doch ihr Alltag ist der harte Kampf in einem Farmteam in der AHL: Roman Josi, Alain Berger, Robert Mayer und David Aebischer. Alle vier Schweizer befinden sich in unterschiedlichen Ausgangslagen:

Roman Josi: Erneut von einer Verletzung zurückgeworfen

Wegen fehlender Spielpraxis muss Roman Josi auch seine zweite NHL-Saison in der AHL beginnen. Nach einer Hirnerschütterung, die er im ersten Eistraining mit den Nashville Predators erlitt, trainiert der Berner zurzeit im Kraftraum aber nicht auf dem Eis. Die Abschiebung in die AHL ist im zweiten aufeinanderfolgenden Jahr Tatsache, Josi hat alle Zeit der Welt, komplett zu gesunden. Ist er einmal topfit, stehen ihm die Tore zur NHL offen. In der AHL spielen die meisten Eishockeyspieler für einen Sold, der gerade mal reicht um laufende Rechnungen zu bestreiten und eine kleine Wohnung zu beziehen. Darin unterscheidet sich Josi nicht von den beiden AHL-Schweizern Robert Mayer und Alain Berger (beide Hamilton Bulldogs).

Rober Mayer: Der Vertrag läuft aus

Die Aussichten von Mayer und Berger (siehe ganz unten) sind aber weniger rosig als die des SCB-Meisterverteidigers. Mayer nimmt sein letztes Vertragsjahr mit den Montreal Canadiens in Angriff, Einsätze in Saisonvorbereitungsspielen waren bisher die einzige Tuchfühlung mit der NHL. Vor zwei Jahren hätte der Torhüter seine Nordamerikareise abbrechen können, der HC Lugano zeigte Interesse am Junioren-Internationalen mit schweiz-tschechischer Doppelbürgerschaft. Der ehemalige Kloten-Junior blieb seinen Zielen treu und kann vielleicht diese Saison etwas von den Früchten ernten, die er damals gesät hat. Mit Curtis Sanford wechselte sein direkter Konkurrent der letzten Saison zu den Columbus Bluejackets und spielt vorerst als Backup-Torhüter in der NHL. Mayer rückt deshalb um eine Position vor, NHL-Einsätze sind aber auch in Zukunft nicht vorgesehen. Starttorhüter der Hamilton Bulldogs zu werden ist für ihn bereits ein hohes Ziel.

David Aebischer: Ein Anruf als letzte Chance

Anders ist die Situation für David Aebischer, der erneut einen Anlauf in Richtung NHL nimmt: Er kann Starttorhüter seines AHL-Teams werden. Von allen AHL-Schweizern ist er finanziell in der komfortabelsten Lage. Der HC Lugano und Aebischer haben vor der Saisonvorbereitung eine Vereinbarung getroffen, wie Aebischer im Falle eines Vertrages in Nordamerika entschädigt wird. Beide Seiten kommunizieren die monetäre Natur dieses Kontrakts nicht, klar ist einzig, dass Aebischer nach wie vor auf der Lohnliste des HC Lugano steht, sein AHL-Salär ist ein Zustupf zum Lohn, den Aebischer trotz Einsatz bei den St. John IceCaps noch immer im Tessin bezieht.

Für eine NHL-Zukunft des Deutschfreiburgers spricht seine Erfahrung von 214 NHL-Partien und 13 Playoffeinsätzen, mit dem Gewinn des Stanley Cup 2001 in Colorado als Höhepunkt. Gegen ihn spricht sein Alter von 33 Jahren und die bescheidene Hintertüre, durch die Aebischer die NHL verliess. «Der Abschluss meiner NHL-Karriere in Phoenix war enttäuschend, ich musste in die Schweiz zurückkehren, weil die NHL nicht mehr an mich glaubte. Schon damals wollte ich nur ein Jahr in der Schweiz verbringen, nun sind vier daraus geworden.» Aebischers Telefon blieb die ganze Zeit über stumm, kein NHL-Team bot ihm einen neuen Vertrag an. «Als dann die Winnipeg Jets bei mir angerufen haben, war das die eine Chance, die mir geboten wurde, nun will ich die packen», sagt Aebischer. Hinter Chris Mason und Ondrej Pavelec ist Aebischer momentan die Nummer 3 der Winnipeg-Torhüter, jeder «Call-up» in die NHL wird ein Erfolg für den Schweizer, auch wenn er dann nur auf der Ersatzbank wird Platz nehmen dürfen.

Alain Berger: Die Teamkollegen sind die Konkurrenten

Im Gegensatz zu Aebischer hatte der ehemalige SCB-Junior Alain Berger geradezu eine komfortable Auswahl an interessierten NHL-Teams, entschieden hat sich Berger für einen Dreijahresvertrag mit den Montreal Canadiens. 2009 hat Berger noch gemeinsam mit Roman Josi beim SC Bern gespielt, den Grossteil der Saison verbrachte er aber bei den Neuchâtel Young Sprinters in der NLB. Danach entschied sich Berger für einen Abstecher in Kanadas höchste Juniorenliga und seither hat er eine ganze Reihe von Verdrängungskämpfen erfolgreich bestritten. «Egal ob in Oshawa bei den Junioren, letztes Jahr im Camp der Florida Panthers, dieses Jahr bei den Montreal Canadiens oder nun bei Hamilton, anders als in der Schweiz steht man hier in Nordamerika in jeder Mannschaft 60 Konkurrenten gegenüber. Der Verdrängungskampf ist gross», sagt Berger. In der kanadischen Juniorenliga hat er sich zum Stammspieler hochgearbeitet und noch während der Saison einen Vertrag bei den Montreal Canadiens unterzeichnet. Im September begann er die Saison im NHL-Camp, vergangene Woche wurde er in die AHL degradiert. Die Schlechtesten der Auserwählten fielen noch vor Samstag eine Liga tiefer in die East Coast Hockey League, Berger blieb davon verschont.

«Jeder kämpft hier um seinen Job, meine Teamkollegen sind gleichwohl meine Konkurrenten», erklärt Berger. Als ungedrafteter Schweizer verschafft er sich im Mutterland des Eishockeys Respekt. «Ich kümmere mich selbst darum, dass ich ernst genommen werde. Im Eishockey gehört Einschüchterung zum Tagesgeschäft. Wer davor zurückschreckt, verliert.» Anders als in der Schweiz gehe die Einschüchterung in Nordamerika aber auch von den eigenen Teamkollegen aus. Bisher hat Berger die AHL als die härteste Liga der Welt erlebt, «obwohl ich nach je zwei Vorbereitungsspielen noch kein abschliessendes Urteil fällen kann.» Er habe aber den Eindruck, dass die AHL physisch noch härter sei als die NHL. Berger weiss, dass von ihm erwartet wird, die Drecksarbeit zu machen. «Einen Kaderplatz bei den Hamilton Bulldogs erhalte ich nicht, wenn ich fünf Tore erziele sondern wenn ich meine Rolle in den Spielfeldecken ohne Fehl und Tadel erledige.»

Ob Berger den Sprung ins Profigeschäft schaffen wird, hängt von seinen täglichen Leistungen ab. «Alles was ich weiss, ist, wenn ich gut spiele bin ich in der ersten Sturmformation, wenn nicht, bin ich in der vierten Linie», so laufe dieses Geschäft. Das war auch in Bern so, wo Berger einst mit Roman Josi im Kader spielte und dann in die NLB wechseln musste. Dass er nun in derselben Liga spielt wie sein früherer SCB-Teamkollege, illustriert den Aufstieg des 20-Jährigen, sechs zusätzliche Kilos Muskelmasse untermauern seine Absicht, sich in Nordamerika durchzusetzen. Und dass einst auch Mark Streit vom SC Bern für NLA-untauglich befunden wurde und heute Teamcaptain der New York Islanders ist, muss für Berger Grund genug sein, weiter an seinem Nordamerika-Traum zu schmieden.

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