Aktualisiert 06.02.2014 10:28

«Nymphomaniac»

Vier Stunden Sex mit Lars von Trier

Kein Film sorgte in den letzten Monaten für mehr Gesprächsstoff als «Nymphomaniac». Die grosse Provokation, die das Marketing versprach, sucht man im fertigen Werk aber vergeblich.

von
Catharina Steiner

«Ich entdeckte meine Möse, als ich zwei Jahre alt war.» Mit diesen Worten beginnt Joe (Charlotte Gainsbourg) einem Unbekannten – und dem Publikum – von der Evolution ihrer Sexualität zu erzählen. Einer extremen Sexualität, wie der wenig subtile Filmtitel nahelegt.

Über Lars von Triers Zweiteiler, der an der Berlinale Premiere feiert, wurde mehr geredet als über jeden anderen Film der jüngsten Vergangenheit. Über Trailer, die zu scharf für Youtube waren, Genitalprothesen und echten Sex. Porno oder Kunst? Wie weit würde Lars von Trier, der Meister der cineastischen Provokation, gehen?

20 Minuten konnte die beiden Teile des Filmes, die am 27. Februar respektive 3. April in der Schweiz starten, bereits sehen. In einer vierstündigen, zensierten Version, wie sie im Kino zu sehen sein wird. In Berlin wird der ungeschnittene Director's Cut dem Publikum präsentiert, der stolze fünfeinhalb Stunden dauert und noch mehr Genitalien in Grossaufnahme zeigen soll.

Sex von vorne und hinten

Darüber, was der dänische Autorenfilmer in den zusätzlichen 90 Minuten aufs Publikum loslassen wird, lässt sich im Moment nur spekulieren. Die entschärfte Version bietet aber nicht das Ausmass an Provokation, das die gekonnte Marketingmaschinerie im Vorfeld versprochen hatte.

Natürlich gibt es Sex en masse, zu zweit, zu dritt, von vorne und von hinten. Dabei hält die Kamera frontal auf primäre Geschlechtsorgane – ob diese den Stars Shia LaBeouf und Charlotte Gainsbourg gehören, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Für viele Szenen wurden Pornodarsteller engagiert oder Prothesen verwendet. Wenn Gainsbourg einen Mann befriedigt, scheint es aber tatsächlich so, als hätte sie einen echten Penis im Mund.

«Füll meine Löcher»

Aber Sex ist nun einmal Sex, die wirklich drastischen Szenen bleiben aus. In von Triers «Antichrist» von 2008 etwa schnitt sich Charlotte Gainsbourg die Klitoris mit einer Küchenschere ab. Die Szene war so hart, dass das Publikum reihenweise den Kinosaal verliess, einige fielen sogar in Ohnmacht.

Einmal versucht sich Joe an einem sogenannten «Sandwich» mit zwei Afrikanern, doch die Übung muss wegen Verständigungsproblemen abgeblasen werden. Mehrfach am Tag lässt sich Joe befriedigen, ohne je wirklich befriedigt zu sein. Immer wieder bittet sie ihre Liebhaber: «Füll alle meine Löcher.» Wohl wissend, dass jenes in ihrem Herzen, oder ihrer Seele, nicht gestopft werden kann.

Der tägliche, mehrfache Sex von Joe wird schnell monoton und unaufgeregt. Dieses Gefühl überträgt sich auch auf den Zuschauer, Langeweile macht sich streckenweise breit. Geduld vom Publikum erfordern auch die pseudophilosophischen Diskussionen zwischen Joe und Seligmann (Stellan Skarsgard), dem Unbekannten, dem sie ihre Lebensgeschichte erzählt.

Politisch inkorrekter Von Trier

Die vielleicht provokanteste Szene dreht sich um einen heimlichen Pädophilen. Während er nackt und gefesselt auf einem Stuhl sitzt, bittet ihn Joe, er solle sich vorstellen, dass ihm ein kleiner, nackter Junge auf den Bauch krabbelt. Dabei wird der Penis des Mannes immer härter, und die Kamera hält drauf. Von Trier lässt Seligman daraufhin sagen, dass ein Pädophiler, der es schaffe, seiner Neigung nicht nachzugeben, ein Held sei.

An anderer Stelle redet Joe immer wieder von «Negern». Als Seligman sie darauf hinweist, dass das nicht angebracht sei, verweist sie darauf, dass politische Korrektheit eigentlich demokratiefeindlich sei. Ein Seitenhieb auf von Triers Kritiker, die seine fehlende Political Correctness bekritteln. 2011 bekundete der Däne am Cannes Film Festival öffentlich seine Sympathien für Hitler. Seitdem ist er am wichtigsten Festival der Welt unerwünscht.

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