10.08.2019 07:34

Fährenfahrt in Chile

Vier Tage und Nächte in den Fjorden Patagoniens

Auf der Fähre von Puerto Natales nach Puerto Montt erlebt der Reisende Slow Travel von seiner schönsten und entspannendsten Seite.

von
G. Hummel
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Die Fähre durch die Fjorde Patagoniens verkehrt bereits seit mehreren Jahrzehnten. Sie transportiert neben Passagieren, Fahrzeugen und Gütern auch Vieh.

Die Fähre durch die Fjorde Patagoniens verkehrt bereits seit mehreren Jahrzehnten. Sie transportiert neben Passagieren, Fahrzeugen und Gütern auch Vieh.

G. Hummel
Das Motto während der vier Tage: Ruhe, Entspannung, dem Wetter beim ständigen Wechseln zugucken.

Das Motto während der vier Tage: Ruhe, Entspannung, dem Wetter beim ständigen Wechseln zugucken.

G. Hummel
Und ab und zu, wenn sich Unruhe auf dem Schiff breitmacht, ist klar: Irgendjemand hat Delfine oder Wale gesichtet.

Und ab und zu, wenn sich Unruhe auf dem Schiff breitmacht, ist klar: Irgendjemand hat Delfine oder Wale gesichtet.

G. Hummel

Der Kapitän startet den Motor. Er, der Motor, brummt dumpf durch das metallene Skelett des Fährschiffs. Wir erwachen in unseren Kojen, sehen, wie sich das nächtliche Puerto Natales hinter dem Bullauge langsam in Bewegung setzt. Ein flüchtiger Gedanke: Nun geht es los. Und schon wieder eingeschlummert.

Das Brummen des Motors begleitet uns einige Stunden später zum Frühstück in die Kantine mit ihren langen Tischen und dem Buffet, wo wir gestern spätabends von der Besatzung der Fähre begrüsst wurden. In der Zwischenzeit, quasi im Untergrund, wird das Schiff währenddessen beladen: mit Autos und Campern, mit Waren aller Art und, wie wir später hören werden, mit lebendigem Vieh.

Und jetzt? Die totale Ruhe

Seit den 70er-Jahren operiert das Schiff, auf dem wir uns befinden, zwischen Puerto Montt im nördlichen Patagonien von Chile und Puerto Natales im Süden. Die Fahrt durch die Fjorde ist 2000 Kilometer lang und dauert vier Tage. Die Zielgruppen: Reisende, die mal was anderes erleben wollen, sogenannte Slow Traveller – und Chilenen, die in abgelegenen Gebieten leben oder ihr Auto transportieren lassen wollen. Anwesend sind vielleicht 150 Passagiere; das Touristen-Chilenen-Verhältnis liegt bei ungefähr 50:50.

Nach dem ersten Frühstück sieht man sich zum ersten, aber keinesfalls zum letzten Mal mit der Frage konfrontiert: Was stelle ich mit mir an, so ganz ohne Internet, ohne Alkohol, ohne Aufgabe? Mal eine Runde auf Deck spazieren gehen. Das Wetter ist trüb, der Nebel hängt über den Klippen, Wasserfälle und Gletscher alle paar Kilometer. Die Ruhe schleicht sich sogleich in das Gemüt ein, und der niemals stillstehende Motor stellt den perfekten Soundtrack dar.

Delfine, Wale und Menschen

Zwischen Essen, auf einem der Ledersofas Lesen und Aus-dem-Fenster-Starren, zwischen Regenbogenzählen und Staunen, zwischen Nickerchen in der Koje und Beinevertreten auf Deck schleicht sich alle paar Stunden wieder die Aufregung ein: wenn jemand meint, einen Meeressäuger erspäht zu haben oder dies tatsächlich der Fall ist. Einige rennen sogleich an Deck, andere kleben an den Fensterscheiben, wieder andere gehen erstaunlich gleichgültig damit um.

Ab und zu werden die faulen Tage von willkommenen Programmpunkten unterbrochen, etwa von Yogastunden, einem Besuch auf der Brücke oder Vorträgen zur Flora und Fauna der Region. Ansonsten kann man sich in den Fjorden dem einen Gefühl hingeben, das hier so allgegenwärtig, aber heutzutage nicht mehr allerorts zu finden ist – schon gar nicht vier Tage lang: nämlich jenem, ganz allein auf der Welt zu sein.

Reise-Vorschlag für Patagonien (Chile)

Da es sich bei diesem Schiff um eine Fähre handelt, kann sie gerade für Reisende im Fahrzeug (ob im gemieteten Auto oder eigenen Camper) von Nutzen sein. So könnte man beispielsweise in Puerto Montt ein Auto mieten, die berühmte Carretera Austral bis nach Feuerland fahren und dann mit der Fähre wieder zurück nach Puerto Montt reisen. Damit spart man sich über 2000 Kilometer an Weg und Kosten und macht gleichzeitig eine völlig andere Erfahrung.

Diese Reise wurde unterstützt durch Navimag Ferries. Die Fähre operiert jeweils einmal wöchentlich von Nord- nach Süd und umgekehrt. Ab 2020 fährt ein komplett neu gebautes Fährenschiff auf dieser Strecke.

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