Russland: Vier Verdächtige im Mordfall Politkowskaja vor Gericht
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RusslandVier Verdächtige im Mordfall Politkowskaja vor Gericht

Der Mordprozess an der regierungskritischen russischen Journalistin Anna Politkowskaja wird gegen den Widerstand der Staatsanwaltschaft öffentlich verhandelt. Der mutmassliche Mörder, der Tschetschene Rustam Machmudow, ist weiterhin auf der Flucht.

Angehörige Politkowskajas hatten befürchtet, dass der Prozess wegen der Anklage gegen den Ex-Geheimdienst-FSB-Mitarbeiter Pawel Riagusow hinter verschlossenen Türen stattfinden könnte. Er soll Politkowskajas Adresse weitergegeben haben und hat durchgesetzt, dass der Prozess vor einem Militärgericht stattfindet.

Bei den anderen Angeklagten handelt es sich um den russischen Polizisten Sergej Chadschikurbanow sowie die tschetschenischen Brüder Dschabrail und Ibrahim Machmudow - zwei Geschwister des flüchtigen mutmasslichen Täters Rustam Machmudow, der in Westeuropa untergetaucht sein soll.

Befragung von Kadyrow abgelehnt

Die Anwältin Moskalenko wies darauf hin, dass die Vorermittlung nicht geklärt habe, «wer den Mord bezahlt hat». Zudem sei die Befragung von Ramsan Kadyrow, Russlands Statthalter in Tschetschenien, abgelehnt worden. Dieser habe Politkowskaja bedroht. «Die Ermittler haben auch die Tatsache ignoriert, dass der Mord am Geburtstag von Wladimir Putin verübt wurde», fügte die Anwältin hinzu.

Dmitri Muratow, Chefredaktor der Zeitung «Nowaja Gaseta», für die Politkowskaja geschrieben hatte, sagte, russische Geheimdienstagenten hätten den Mord organisiert und koordiniert.

Die Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen begrüsste, dass der Prozess öffentlich verlaufen solle. Trotzdem dürfe nicht vergessen werden, dass die Angelegenheit noch nicht abgeschlossen sei, erklärte die Organisation.

Politkowskaja war am 7. Oktober 2006 im Treppenhaus ihres Moskauer Wohnhauses erschossen worden. Sie gehörte zu den wenigen Journalisten in Russland, die etwa über den Feldzug der russischen Truppen in Tschetschenien kritisch berichtet und schwere Menschenrechtsverletzungen angeprangert hatten.

Frühere Kollegen vermuten, dass ihr Tod im Zusammenhang mit einem geplanten Artikel über Folter in Tschetschenien stand.

«Staatsfeinde im Ausland»

Bereits Mitte 2007 hatte die Generalstaatsanwaltschaft die «Aufklärung des Mordes» verkündet und Tschetschenen sowie «Staatsfeinde im Ausland» als Täter benannt.

Einer der Ermittler behauptete, der im Londoner Exil lebende Oligarch Boris Beresowski habe Politkowskaja auf dem Gewissen. Zugleich halten sich bis heute in Russland Spekulationen, dass die Spuren bis in den Kreml führen. Menschenrechtler vermuten, dass eine Aufklärung des Falls nicht im Interesse der russischen Führung liege und deshalb verhindert werde.

Die Geschworenen sollen an diesem Dienstag ausgewählt werden. Die Staatsanwaltschaft scheiterte am Montag mit ihrem Antrag, die Öffentlichkeit vom Prozess mit der Begründung ausschliessen, dass unter den Ermittlungsunterlagen geheime Dokumente seien.

Die Öffentlichkeit des Verfahrens gelte, solange kein Druck von aussen auf die Geschworenen ausgeübt werde, teilte das zuständige Militärgericht am Montag in Moskau mit.

Politkowskajas Kinder forderten von den mutmasslichen Tätern eine Entschädigung in Höhe von zehn Millionen Rubel (rund 440 000 Franken).

(sda)

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