«Ausgangslage ist viel besser» - Vierte Welle wegen Delta? «Panik ist unnötig»
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«Ausgangslage ist viel besser»Vierte Welle wegen Delta? «Panik ist unnötig»


Bringt die Deltavariante im Herbst die vierte Welle? Jürg Utzinger und Josef Widler sind optimistisch: Mit der fortschreitenden Durchimpfung und den mRNA-Impfstoffen sei die Schweiz gut aufgestellt.

von
Pascal Michel
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Verschiedene Exponenten warnen davor, mit der Delta-Variante des Coronavirus die Fehler aus dem letzten Jahr zu wiederholen.

Verschiedene Exponenten warnen davor, mit der Delta-Variante des Coronavirus die Fehler aus dem letzten Jahr zu wiederholen.

20min/Simon Glauser
Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, weist dagegen auf entscheidende Unterschiede im Vergleich zum Herbst vor einem Jahr hin.

Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, weist dagegen auf entscheidende Unterschiede im Vergleich zum Herbst vor einem Jahr hin.

TPH
Der Wissensstand über das Virus sowie der rasche Fortschritt der Impfkampagne sind laut Utzinger zentrale Unterschiede.

Der Wissensstand über das Virus sowie der rasche Fortschritt der Impfkampagne sind laut Utzinger zentrale Unterschiede.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Ob die Deltavariante im Herbst die nächste Welle bringt und welche Massnahmen es zu deren Bekämpfung braucht, sorgt für Kontroversen.

  • Josef Widler, Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft, warnt vor «Panikmache».

  • Epidemiologe Jürg Utzinger sagt, man müsse vorsichtig bleiben – die Ausgangslage sei aber eine ganz andere als noch im Herbst 2020.

Die Deltavariante des Coronavirus treibt die Fallzahlen in Europa wieder in die Höhe. Auch in der Schweiz dürfte sie in sechs bis zehn Wochen dominieren. Lukas Engelberger von der Gesundheitsdirektorenkonferenz warnte deshalb vor zu viel Optimismus: «Letzten Herbst kam das böse Erwachen. Das darf nicht ein zweites Mal passieren.» Und Infektiologe Andreas Cerny sprach gegenüber der «SonntagsZeitung» von einer «explosiven Mischung».

Ausgangslage sei viel besser als vor einem Jahr

Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, weist auf entscheidende Unterschiede im Vergleich zum Herbst vor einem Jahr hin. Natürlich müsse man die Delta-Variante ernst nehmen und äusserst wachsam bleiben. Aber: «Die Ausgangslage ist viel besser als vor der zweiten Welle.»

Einerseits funktionierten die Test- und Überwachungssysteme gut, die Hygieneregeln seien bekannt und würden eingehalten, und – entscheidend – die Impfkampagne sei weit fortgeschritten. «Die weiteren Öffnungsschritte bergen ein Restrisiko, aber man sollte das nicht überbewerten.» Studien zeigten, dass beispielsweise die beiden mRNA-Impfsstoffe, welche in der Schweiz zur Anwendung kämen, gut vor der Delta-Variante schützten. «Dass etwa in Russland und Grossbritannien die Infektionszahlen wieder steigen, hat verschiedene Gründe, und so ist es entscheidend, dass die Impfkampagne konsequent vorangetrieben wird.»

Für Utzinger ist es plausibel, dass das Coronavirus längerfristig endemisch – also lokal begrenzt – wird und insbesondere die jüngsten Bevölkerungsgruppen betrifft. Lokale Ausbrüche seien dort zu erwarten, wo das Infektionsgeschehen noch gering war oder die Durchimpfung tief ist. Deshalb sei es wichtig, der Bevölkerung die Vorteile der Impfung differenziert zu kommunizieren. «Es ist durchaus denkbar, dass früher oder später jeder mit Corona in Kontakt kommt: entweder über eine Infektion oder eben kontrolliert mit der Impfung.»

In diese Richtung deuten auch wissenschaftliche Modelle: In Gebieten mit hoher Durchimpfung und natürlicher Immunität käme es nicht mehr zu grossen Infektionswellen, sondern zu einem Übergang hin zu lokalen Ausbrüchen – und möglicherweise schwächt sich Corona dann zu einer Art Grippe ab.

«Panikmache nicht angebracht»

Josef Widler, Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft, doppelt nach: «Trotz Mutanten ist Panikmache nicht nötig.» Die Situation in der Schweiz sei eine ganz andere als im Herbst 2020, wo man ungeimpft und durch Grossveranstaltungen in den Hammer gelaufen sei. «Ein wachsender Teil der Bevölkerung ist geimpft. Im Kanton Zürich sind etwa 90 Prozent der über 80-Jährigen geimpft», so Widler. Dies bedeute, dass diese vor schwerer Erkrankung gut geschützt seien.

Zudem seien es eher die Jüngeren, die auf eine Impfung verzichten: «Sie haben ein geringes Risiko, schwer zu erkranken.»

Widler anerkennt, dass die Delta-Variante zwar ansteckender ist. Aber: «Der Fokus allein auf die steigenden Fallzahlen in Grossbritannien oder in Portugal verstellt den Blick auf das Wesentliche.» Und dies seien die Todeszahlen und die schweren Erkrankungen. Dort stellt Widler fest: «In der Schweiz liegt das Median-Alter bei Corona-Toten bei 85 Jahren – ziemlich genau bei der Lebenserwartung.»

Solange keine Überlastung des Gesundheitswesens drohe – das sei auch mit Delta nicht zu erwarten – sind für Widler neue Einschränkungen nicht zu rechtfertigen. «In einem Monat, wenn alle ein Impfangebot hatten, müssen wir den Mechanismus umkehren: Wer nicht geimpft ist, hat sich für das Risiko entschieden. Geimpfte müssen sich deswegen sicher nicht mehr einschränken.»

Im Herbst rechnet Widler mit den üblichen Grippe- und Erkältungsviren. Natürlich werde auch Corona dabei sein. Schutzmassnahmen brauche es dann aber kaum mehr, sagt Widler: «Es ist sogar fraglich, ob man im Herbst Geimpfte noch zum Tragen einer Maske zwingen kann.»

Economiesuisse: Impfen!

Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse, sieht bei einer Herdenimmunität von 70 bis 80 Prozent keine Rechtfertigung mehr für einschränkende Massnahmen. Den oberen Wert hat in der «NZZ am Sonntag» aufgrund der Deltavariante die Taskforce vorgeschlagen.

Für Minsch stehen die Kantone in der Pflicht, um dieses Ziel zu erreichen: «Sie müssen vorwärts machen, damit wir im Herbst die Herdenimmunität erreichen.» Das Ziel hängt jedoch auch von der Impfwilligkeit der Bevölkerung ab. Zurzeit haben 48,8 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten.

«Ich bin optimistisch, dass wir die Herdenimmunität erreichen. Es gibt viele Unsichere, die wir jetzt überzeugen müssen», sagt Minsch. Ein Impfzwang sei dabei kein Thema. Ziel müsse aber sein, Gruppen, bei denen die Impfwilligkeit tief sei, zu identifizieren und gezielt anzusprechen. Minsch nennt etwa Migranten. Innovative Angebote, die Menschen breiter zu erreichen, seien etwa Impf-Angebote in Shopping-Centern oder mobile Impfbusse, die es in den Kantonen Waadt oder Schwyz schon gibt.

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