Aktualisiert 25.08.2007 11:00

Viktor Röthlin träumte Bronze voraus

«Es glaubts mir niemand, aber ich hatte wieder einen Traum. In meinem Hotelzimmer liegt ein Zettel mit einer '3' drauf», sagte Marathonläufer Victor Röthlin nach seinem sensationellen dritten Platz an der WM in Osaka.

2006 in Göteborg hatte er den gleichen Traum gehabt, und die «2», die er vor dem Start auf den Zettel schrieb, erfüllte sich ebenfalls.

Nach Silber an den EM 2006 in Göteborg lief Marathonläufer Viktor Röthlin an den Weltmeisterschaften in Osaka (Jap) in einem dramatischen Lauf in 2:17:25 Stunden zu Bronze. Viktor Röthlin (32) gewann in der Hitzeschlacht von Osaka die allererste Schweizer WM-Medaille im Marathon. Hinter zwei «Kenianern» wurde er sensationeller Dritter, nachdem er 2 km vor dem Ziel noch an 6. Stelle gelegen hatte.

Die Aufholjagd des letztjährigen Marathon-EM-Zweiten von Göteborg auf den letzten Kilometern von Osaka war etwas vom Eindrücklichsten in der Geschichte der Marathon-Titelrennen. Erstmals seit André Buchers 800-m-Siegeslauf 2001 in Edmonton hat Swiss Athletics wieder einen Top-8-Platz erreicht - und dies in Form der insgesamt siebten Schweizer WM-Medaille, worunter drei Mal Gold durch Werner Günthör.

Röthlin ging das Rennen sehr realistisch an und verkneifte sich einen Husarenritt wie in Göteborg, wo er die Pace vorgab und ihm nur noch Olympiasieger Stefano Baldini (It) folgen konnte. Er sagte sich, dass er angesichts des starken Feldes und der schwierigen Bedingungen «cool bleiben musste. Die anderen sollten das Tempo machen.» Röthlin stellte sich auf ein Ausscheidungsrennen ein.

An der Grenze des Zumutbaren

Die schwüle Hitze forderte denn auch bei praktisch allen ihren Tribut. Die klimatischen Bedingungen waren wie erwartet fast unmenschlich. Beim Start um 7 Uhr morgens herrschten bereits 29 Grad Celcius und eine Luftfeuchtigkeit von 78 Prozent. Während des Rennens wurde die 30-Grad-Marke überschritten. «Es war an der Limite des Zumutbaren», stellte der Schweizer fest. Unter den 57 Läufern, die das Ziel erreichten, waren viele an der Grenze zum Kollaps und mussten mit Sauerstoff versorgt werden - zum Teil unbeschreibliche Bilder. 28 Läufer schieden vorzeitig aus, darunter die Mitfavoriten Julio Rey (Sp) und Abderrahim Goumri (Mar).

Doch Röthlin hielt durch. «Vier Mal bin ich gestorben», erzählte er, «das erste Mal unterhalb vom Schloss (nach 27 km). Ich hatte einen extremen Druck auf dem Kopf und habe deshalb getrunken, was ich runter brachte, obwohl ich wusste, dass der Magen dadurch Probleme bekommen kann.»

Betreuer sah Röthlin leiden

Bei 30 km lag Röthlin an 6. Position mit 6 Sekunden Rückstand auf den führenden Kenianer Luke Kibet (24), der sich kurz darauf von allen verabschiedete und als überlegener Sieger in 2:15:59 mit dem WM-Rekordvorsprung von 1:19 Minuten im Ziel eintraf. In dieser Phase machte Röthlin keinen besonders starken Eindruck. Sein Betreuer Fritz Schmocker erkannte, dass er litt. 5 km später lag Röthlin zusammen mit dem Eritreer Yared Asmeron an 4. Stelle, eine halbe Minute hinter William Kiplagat (Ken/Platz 3).

Dann kam die Endphase, auf die sich Röthlin in St. Moritz besonders vorbereitet hatte: mit 35-km-Läufen in «normalem» Tempo und anschliessend fünf schnellen 1000-m-Läufen. Die grosse japanische Hoffnung Tsuyoshi Olgata stiess von hinten zu Röthlin vor. «Als der Japaner kam, war die Hölle los», sagte Röthlin, «zum Glück bin ich dank meinen japanischen Schuhen selbst ein halber Japaner. Ein australischer Trainingskollege rannte neben mir her und rief mir zu: Du kannst es schaffen.»

Als die Schwarzen bleich wurden...

Röthlin erkannte, dass auch die Konkurrenten Mühe hatten. «Als ich sah, wie die Schwarzen bleich wurden, bekam ich neuen Auftrieb», erzählte er. Beim 40. km trank er nochmals, «das war ein sehr guter Entschluss.» Und den 4. Rang wollte er unbedingt vermeiden: «Ich rannte um mein Leben, aber ich machte mir in Japan keine Freunde.» Röthlin liess Kiplagat stehen, überholte den Japaner Ogata und Asmeron und lief als Dritter ins Stadion. 7 Sekunden hinter dem zu Katar transferierten Kenianer Mubarak Hassan Shami wurde er in 2:17:25 gestoppt. Auf den letzten 2 km machte der Schweizer noch 23 Sekunden gegenüber Weltmeister Kibet gut.

Die grossartige Stimmung entlang der Strecke mit Tausenden von Zuschauern schon frühmorgens (deren Hoffnungen sich allerdings nicht erfüllten) halfen auch Röthlin bei der Selbstüberwindung. «Aber jetzt ist mein Körper total ausgelaugt, ich freue mich auf meine Ferien in Australien», sagte er.

Nach 20 Jahren wieder Gold für Kenia

Gefängniswärter Luke Kibet, der seine Karriere 2003 mit einem Sieg bei den kenianischen Gefängnismeisterschaften über 3000 m Steeple gestartet hatte, brachte Kenia das erste WM-Marathon seit 20 Jahren ein (1987 Douglas Wakiihuri). Dank den Einzelrängen 5, 6 und 7 gewann Japan den gleichzeitig ausgetragenen Marathon-Weltcup. Weitere bemerkenswerte «Rekorde» des WM-Marathons waren die höchste WM-Temperatur am Ziel (33 Grad), die schwächste WM-Siegerzeit und mit dem 52-jährigen Israeli Seteng Ayele im 19. Rang den ältesten Finisher in sämtlichen WM-Konkurrenzen.

(si)

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