Attacke auf Ölterminal: Virus trifft Irans empfindlichsten Punkt

Aktualisiert

Attacke auf ÖlterminalVirus trifft Irans empfindlichsten Punkt

Der jüngste Cyber-Angriff auf den Iran hat die Ölindustrie getroffen. Vermutet wird ein Zusammenhang mit dem Atomstreit – neue Kunden für iranisches Öl sollen abgeschreckt werden.

von
pbl
Iranische Ölanlage im Hafen von Mahshar.

Iranische Ölanlage im Hafen von Mahshar.

Der Iran ist erneut Opfer eines Cyberangriffs geworden: Das wichtigste Ölexportterminal des Landes auf der Insel Charg im Persischen Golf wurde mit einem Computervirus infiziert. Die Internetverbindungen des Terminals und anderen Anlagen seien als Präventivmassnahme unterbrochen worden, berichtete die halbamtliche Nachrichtenagentur Mehr am Montag unter Berufung auf den stellvertretenden Ölminister Hamdollah Mohammadnedschad.

Von dem Cyber-Angriff vom Sonntag seien einige Daten betroffen, das Ministerium habe sie jedoch gesichert. Ansonsten sei der Betrieb der Ölanlagen unbeeinträchtigt, hiess es weiter. Alle Förderanlagen und Rohölexporte hätten ohne Unterbrechungen funktioniert, sagte Mohammadnedschad laut einem Bericht der Nachrichtenagentur IRNA vom Dienstag.

«Alle machen Überstunden»

Hinter vorgehaltener Hand tönt es weniger optimistisch: «Das Ministerium hat alle Ölanlagen, Arbeitsabläufe und sogar Ölplattformen vom Internet abgekoppelt, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern», sagte ein namentlich nicht genannter Mitarbeiter der «New York Times». Im Ministerium würden «alle Überstunden machen, um die Sache zu stoppen». Die iranischen Behörden sollen auf das Virus mit der Bezeichnung Viper bereits im März gestossen sein, sie konnten es aber offenkundig nicht deaktivieren.

Die Urheber des Angriffs sind nicht bekannt, eine Untersuchung sei im Gang, hiess es. Der Iran ist damit erneut zum Ziel einer Cyber-Attacke geworden, zwei Jahre nachdem der aggressive Computerwurm Stuxnet in Atomanlagen eingeschleust worden war und vermutlich zahlreiche Zentrifugen zur Urananreicherung irreparabel beschädigt hat. Der Iran hat die USA und Israel für den Angriff verantwortlich gemacht.

Neue Käufer sollen abgeschreckt werden

Dieses Mal trifft die Attacke den Iran am wohl empfindlichsten Punkt: 60 Prozent seiner Einnahmen stammen aus dem Ölexport, rund 80 Prozent der iranischen Produktion von täglich 2,2 Millionen Barrel wird über die Anlage von Charg abgewickelt. Im Streit um das Atomprogramm hat der Westen jedoch seine Sanktionen gegen die Ölindustrie verschärft. So wird die Europäische Union ab 1. Juli kein iranisches Öl mehr importieren.

Als Ersatz sucht Teheran neue Abnehmer in Asien. So wird etwa Indien laut Medienberichten mit besonders günstigen Preisen geködert. Genau dies solle durch die Virus-Attacke «auf die Schaltzentralen des Rohstoffsektors» verhindert werden, spekuliert Spiegel Online. Sie könne das Vertrauen in die iranische Lieferfähigkeit untergraben und damit «Interessenten vergraulen». Die Wirkung der Sanktionen werde damit verstärkt.

Iran soll Kompromisse eingehen

Diese Botschaft scheint im Iran gehört zu werden. Ziel der Attacke sei es, «den Druck zu erhöhen, damit der Iran bei den Atomgesprächen Kompromisse eingeht», sagte Mohammad Resa Sabzalipour, der Präsident des Welthandelszentrums in Teheran, gegenüber der «New York Times». Bei einem Scheitern könne der Iran «noch viel mehr von dieser Sorte erwarten». Tatsächlich zeigte sich die iranische Delegation bereits in der ersten Runde am 14. April in Istanbul deutlich zugänglicher als noch vor einem Jahr, als die Gespräche bereits im Frühstadium scheiterten. Die nächste Runde ist für den 23. Mai in Bagdad angesetzt.

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