Keine Würmer mehr: Vögel verhungern wegen der Trockenheit
Aktualisiert

Keine Würmer mehrVögel verhungern wegen der Trockenheit

Vögel leiden wegen der trockenen Böden zurzeit unter grossem Futtermangel. Auffangstationen rufen deshalb zum Vogelfüttern auf.

von
B. Zanni
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Auf den ersten Blick sieht diese Mehlschwalbe, die vom Verein für Vogel- und Wildtierpflege Schaffhausen aufgepäppelt wird, gut genährt aus. Laut Geschäftsführerin Helen Homberger täuscht der Anblick. «Wenn es Vögeln schlecht geht, plustern sie sich häufig auf», sagt sie.

Auf den ersten Blick sieht diese Mehlschwalbe, die vom Verein für Vogel- und Wildtierpflege Schaffhausen aufgepäppelt wird, gut genährt aus. Laut Geschäftsführerin Helen Homberger täuscht der Anblick. «Wenn es Vögeln schlecht geht, plustern sie sich häufig auf», sagt sie.

Verein für Vogel- und Wildtierpflege
Spreizt man das Gefieder auseinander, wird deutlich, wie ausgehungert ein Vogel ist. Dieser Vogel ist deutlich zu dünn, da das Brustbein sichtbar ist.

Spreizt man das Gefieder auseinander, wird deutlich, wie ausgehungert ein Vogel ist. Dieser Vogel ist deutlich zu dünn, da das Brustbein sichtbar ist.

Facebook/Elisabeth Kehl
So begehrt wie seit einigen Wochen seien die Futterplätze in ihrem Garten noch nie gewesen, sagt Esther Geisser, Präsidentin der Tierschutzorganisation Network for Animal Protection, Netap. 60 bis 70 Vögel würden dort täglich landen. «Sonst sind es nicht mehr als 20 Vögel.»

So begehrt wie seit einigen Wochen seien die Futterplätze in ihrem Garten noch nie gewesen, sagt Esther Geisser, Präsidentin der Tierschutzorganisation Network for Animal Protection, Netap. 60 bis 70 Vögel würden dort täglich landen. «Sonst sind es nicht mehr als 20 Vögel.»

Netap

In Schweizer Vogelpflegestationen müssen Mitarbeiter derzeit besonders viele Vögel aufpäppeln. «Leider erhalten wir in den letzten Wochen extrem ausgehungerte Vögel! Da haben sie die Kinderstube überlebt und jetzt haben sie kein Futter mehr!», schrieb Elisabeth Kehl, Geschäftsführerin der Voliere Gesellschaft Zürich, kürzlich auf Facebook. Tierpfleger Marc Stähli führt auf Anfrage aus: «Seit dem ersten August sind bei uns 37 abgemagerte Vögel eingetroffen.» In anderen Jahren habe es höchstens derartige Einzelfälle gegeben.

«Meist haben Leute sie mit schlaffen Flügeln in Gärten und Parks gefunden», so Stähli. Vor allem betroffen seien Drosselarten wie Amseln, Singdrosseln oder Wacholderdrosseln. «Sie sind spindeldürr und so geschwächt, dass sie nicht mehr fliegen können.» Damit würden sie leichte Beute für Katzen.

Vögel brauchen Hilfe

Auch Helen Homberger, Geschäftsführerin des Vereins für Vogel- und Wildtierpflege Schaffhausen, sagt: «Wir stellen auf der Pflegestation eine auffallende Tendenz von ausgehungerten Vögeln fest.» Normalerweise sei dies hauptsächlich im Winter der Fall. «Viele Insektenfresser leiden, weil es an Insekten mangelt.» Meist fütterten sie die mageren Tieren mit Grillen auf. «In schlimmeren Fällen müssen wir ihnen eine Nährstofflösung einträufeln oder eine Infusion anlegen.»

Laut Homberger sind manche Vögel nach ein paar Tagen, andere nach ein paar Wochen wieder auf den Beinen. Ist ein Vogel aber schon seit vielen Tagen flugunfähig, kommt meist jede Futterhilfe zu spät. «Fliegt ein Vogel lange nicht, wird er von Parasiten befallen, die oft Krankheiten übertragen, was das Tier zusätzlich schwächt und meist zum Tod führt.»

Run auf Futterplätze

Auch Tierschützerin Esther Geisser fällt der Futtermangel auf. «Die Vögel picken mir im Moment die Haare vom Kopf», so die Präsidentin vom Network for Animal Protection, Netap. Es habe ohnehin immer weniger Insekten, Spinnentiere, Schnecken und Würmer. «Die Hitze hat alles noch verschlimmert.» So begehrt wie seit einigen Wochen seien die Futterplätze in ihrem Garten noch nie gewesen. 60 bis 70 Vögel landeten dort täglich. «Sonst sind es nicht mehr als 20 Vögel.»

Auch an Vögeln, die sich für die Reise nach Süden vorbereiten, geht der Futtermangel nicht spurlos vorbei. Dazu zählen Drosseln, Stare oder Mönchsgrasmücken. «Viele Beeren sind vertrocknet, was für Vögel, die für ihre lange Reise Fett anfressen müssen, nicht ideal ist», sagt Stefan Bachmann, Sprecher von Birdlife Schweiz.

Nahrung ist tief unter der Erde

Verantwortlich für das Vogelelend ist die Trockenheit. «Durch die Hitze haben sich Würmer und Insekten tief in den Boden verzogen», sagt Marc Stähli von der Voliere-Gesellschaft Zürich. Damit diese wieder in die Greifnähe von Vögeln kämen, sei eine längere Regenphase nötig. Esther Geisser sagt, dass die Vögel wegen der vielen ausgetrockneten Pflanzen zudem Mühe hätten, Samen und Körner zu finden. Auch an Flüssigkeit kämen sie nicht mehr so einfach. «Ihre natürlichen Wasserquellen, zum Beispiel Weiher, sind ausgetrocknet und Pfützen gibt es kaum mehr.» Die Tier- und Vogelschützer rufen die Bevölkerung deshalb zum Vogelfüttern auf.

Vogelfutter und Wasser entschärfen die Situation aber nur vorläufig. «Am meisten ist den Vögeln geholfen, wenn man für sie entsprechende Lebensräume schafft», sagt Livio Rey, Biologe bei der Vogelwarte Sempach. Ideal sei ein naturnaher Garten mit einheimischen Sträuchern und vielen Nistplätzen. Auch Esther Geisser macht sich dafür stark. «Durch Spritzen und Düngen vernichten wir laufend die Nahrungsquelle der Vögel.» Auch würden viele Pflanzen vor der Samenbildung geschnitten. Es sei deshalb nötig, Vögel während des ganzen Jahres zu füttern. Gewöhnliche Futtermischungen finde man sowohl im Winter als auch im Sommer bei den Grossverteilern.

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