Voll drauf
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Voll drauf

Jede Generation hat ihre eigenen Drogen: Während in der Schweiz munter Kokain verpulvert wird, sind unter Londoner Psychonauten jetzt Piperazine angesagt.

«Das Lustige an Drogen ist, dass sie nirgends sein dürfen und überall sind», heisst es in der Lexikon-Ausgabe des Kulturmagazins «Du». Tatsächlich scheint die Nachfrage nach befindlichkeitsverändernden Substanzen ungebremst. Auf der Suche nach einer neuen, (noch) legalen Droge sind die Londoner diesmal in Neuseeland und Südafrika fündig geworden – von dort aus gelangen die «Medikamente» in die britische Partymetropole.

Piperazine stammen ursprünglich aus der tierärztlichen Praxis, wo sie als antibiotisch wirksame Verbindungen gegen den Wurmbefall bei Schweinen und Hühnern eingesetzt werden. Eine eher unappetitliche Sache – wäre da nicht der psychoaktive Effekt, der den beiden Substanzen BZP und TFMPP nachgesagt wird. Über die tatsächlichen Auswirkungen auf die menschliche Psyche ist noch wenig bekannt, Konsumenten berichten aber von einem «Zustand innerer Unruhe und anhaltender Euphorie» ähnlich wie nach der Einnahme von MDMA. Übrigens: Auch das Medikament Viagra zählt zu den Piperazinen – wenngleich nicht zu den wirklich psychoaktiven.

«Wer unerforschte Substanzen konsumiert, macht sich zum Versuchskaninchen», warnt Alex Bücheli von der ambulanten Drogenberatungsstelle Streetwork. Unter dem Namen A2 sei Benzylpiperazin bereits vor drei Jahren vereinzelt in der Schweizer Partyszene aufgetaucht, hätte sich dort aber nicht durchsetzen können. Das Toxikologische Informationszentrum rät allgemein von einem Konsum ab. In den einschlägigen Internetforen zeigt man sich von A2 ohnehin wenig beeindruckt: «Wirkt total oberflächlich und kommt in keinster Weise an MDMA heran», lautet dort das vernichtende Urteil eines Konsumenten.

Bemerkenswert ist das Auftauchen einer neuen Partydroge allemal. Denn sollten die Trendforscher Recht behalten, steht Europa ein eigentliches Techno-Revival bevor. Das wird uns nicht nur neue Musik, neue Klamotten und ein neues Lebensgefühl bescheren, sondern eben auch immer wieder neue Designerdrogen. Bis es so weit ist, schwebt das Londoner Partyvolk auf 1-Benzyl-1,4-Diazacyclohexan-Dihydrochlorid – und zwar garantiert wurmfrei.

Martin Söhnlein

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