Aktualisiert 23.05.2018 15:49

Deal mit der PostVolles Amazon-Sortiment bleibt Schweiz verwehrt

Der Schweizer Markteintritt von Amazon steht bevor. Für hiesige Händler dürfte die neue Konkurrenz aber weit weniger stark sein als bisher angenommen.

von
S. Spaeth
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Wann startet Amazon in der Schweiz so richtig durch? Klar ist: Die Schweizerische Post wird künftig die Verzollungen sowie einen 24-Stunden-Lieferdienst für den US-Onlinehändler Amazon übernehmen.

Wann startet Amazon in der Schweiz so richtig durch? Klar ist: Die Schweizerische Post wird künftig die Verzollungen sowie einen 24-Stunden-Lieferdienst für den US-Onlinehändler Amazon übernehmen.

AP/David Zalubowski
Kann der Deal zwischen der Post und Amazon zu einer Gefahr für die Schweizer Händler werden?

Kann der Deal zwischen der Post und Amazon zu einer Gefahr für die Schweizer Händler werden?

AP/David Zalubowski
«Ich kann den Schweizer Händlern die Angst nehmen. Denn ganz so schnell wird Amazons Markteintritt mit dem vollen Sortiment nicht möglich sein», sagt MeinEinkauf-Gründer und -CEO Jan Bomholt.

«Ich kann den Schweizer Händlern die Angst nehmen. Denn ganz so schnell wird Amazons Markteintritt mit dem vollen Sortiment nicht möglich sein», sagt MeinEinkauf-Gründer und -CEO Jan Bomholt.

zvg

Amazon goes Switzerland. So jedenfalls tönte es Ende 2017. Damals wurde bekannt, dass die Schweizer Post künftig die Verzollungen sowie einen 24-Stunden-Lieferdienst für den US-Onlinehändler übernehmen wird. Hinweise auf Amazons Schweizer Markteintritt finden sich auch im Handelsregister, wo unter anderem eine Amazon Data Services Switzerland GmbH zu finden ist.

«Amazon ist das Schreckgespenst der Schweizer Händler», sagt MeinEinkauf-Gründer und -CEO Jan Bomholt (siehe Box). Doch fürchten sich Schweizer Anbieter zu Recht? Der Experte hat am Mittwoch an der E-Commerce-Tagung Connect zu diesem Thema referiert und sich im Vorfeld mit 20 Minuten unterhalten. «Ich kann den Schweizer Händlern die Angst nehmen. Denn ganz so schnell wird Amazons Markteintritt mit dem vollen Sortiment nicht möglich sein», erklärt Bomholt.

Amazon hat weltweit über 300 Millionen Artikel im Sortiment. Beim Grossteil davon ist der US-Konzern aber lediglich die Verkaufsplattform und nicht der eigentliche Verkäufer. Laut Bomholt betrifft der Vertrag zwischen Amazon und der Post lediglich jenes Sortiment, das vom US-Handelsriesen selbst verkauft wird. «Dieses ist aber schon heute grösstenteils in die Schweiz lieferbar», sagt Bomholt. Allein auf Amazon.de verkaufen derzeit 100'000 verschiedene Händler ihre Ware, wobei Amazon teilweise den Versand übernimmt.

Schweiz zwingt Amazon zu Zoll-Lösung

Warum spannt Amazon überhaupt mit der Schweizer Post zusammen? Hintergrund sind Änderungen im Schweizer Mehrwertsteuergesetz, die ab 2019 in Kraft treten. Neu werden ausländische Versandhändler, die mit Kleinsendungen weltweit über 100'000 Franken Umsatz pro Jahr machen, steuerpflichtig. Dies zwingt Amazon, eine eigene Zoll-Lösung zu implementieren. Der US-Gigant hat also nur noch bis Ende Jahr den Vorteil, dass Kleinsendungen bis 65 Franken Wert abgabenfrei in die Schweiz eingeführt werden können, weil Beträge von 5 Franken oder weniger von den Zollbehörden nicht erhoben werden.

«Die neuen Schweizer Mehrwertsteuer-Regeln werden viele Händler auch künftig davon abhalten, in die Schweiz zu liefern», sagt Bomholt. Der administrative Aufwand lohne sich für sie nicht. Hintergrund der Anpassungen bei den Schweizer Mehrwertsteuer-Regeln ist der Aufstand der Schweizer Versandhändler, die sich durch die abgabenfreien Kleinsendungen aus dem Ausland benachteiligt sahen.

Ebenfalls dürften Rücksendungen für Amazon eine Hürde darstellen: «Die Schweizerische Post wird nach meiner Einschätzung zunächst keine einfache Retouren-Lösung für Amazon selbst anbieten», erklärt Bomholt. Der Experte geht davon aus, dass die Schweizer Kunden das Porto bezahlen und sich selbst um die Formalitäten kümmern müssen.

20'000 unverzollte Kleinsendungen pro Tag

Wann genau Amazon mit seiner Schweizer Lösung startet, ist noch offen. Bomholt rechnet erst gegen Ende Jahr damit. Der Grund seien finanzielle Überlegungen. Bei der Post heisst es auf Anfrage: «Die Testphase läuft noch. Die definitive Aufnahme der digitalen Verzollung erfolgt im ersten Halbjahr», sagt Sprecherin Nathalie Dérobert. Die Post baue für Amazon keine spezielle Logistik-Infrastruktur auf, es handle sich um eine «normale» Kundenbeziehung und nicht um ein Kooperationsabkommen. Die Zusammenarbeit sei nicht exklusiv.

Laut Schätzungen kommen derzeit täglich 3500 verzollte Amazon-Pakete in die Schweiz, hinzu kommen 15'000 bis 20'000 unverzollte Kleinsendungen. Im letzten Jahr dürfte Amazon in der Schweiz gegen 500 Millionen Franken Umsatz erzielt haben. Zum Vergleich: In Deutschland liefert Amazon täglich eine Million Pakete aus, was einem Jahresumsatz von 20 Milliarden Euro entsprechen dürfte.

Bomholt ist überzeugt, dass es die Seite Amazon.ch mit Preisen in Franken in «absehbarer Zeit» nicht geben wird. Die wichtigen Märkte für den US-Giganten seien eher China, Indien und weitere Länder in Asien.

Düstere Amazon-Prognose

Wie viel Zweckoptimismus steckt hinter der Amazon-Prognose von MeinEinkauf-CEO Jan Bomholt? Seine Firma verdient Geld damit, Schweizer Kunden Einkäufe bei ausländischen Versandhändlern zu ermöglichen. «Die Anzahl Amazon-Accounts in der Schweiz ist seit 2016 zwar massiv gestiegen, aber gleichzeitig auch der Frust von Kunden. Da kommt unsere Dienstleistung ins Spiel», sagt Bomholt. Er ist überzeugt, dass der Anteil der Bestellungen von Amazon.de via MeinEinkauf.ch weiter steigen wird. Die Zahlen von MeinEinkauf zeigen: 2017 kauften Kunden via Amazon.de bei 13'000 verschiedenen Händlern. Diese Waren dürfen nicht unter den Vertrag mit der Schweizer Post fallen und somit auch künftig nicht einfach so in die Schweiz zu liefern sein.

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