Altstar Schewtschenko: Vom alten Eisen in den siebten Himmel

Aktualisiert

Altstar SchewtschenkoVom alten Eisen in den siebten Himmel

Seine Trainingseinheiten werden seltener, seine EM-Teilnahme war unsicher. Doch beim Sieg gegen Schweden hat Altstar Andrej Schewtschenko seine Kritiker Lügen gestraft. Ein Held kehrt heim.

von
Eva Tedesco

Als Admir Mehmedi noch als Junior in Bellinzona dem Ball nachjagte, tat er dies in einem AC-Milan-Trikot mit der Nummer 7 von Andrej Schewtschenko. Der Stürmer war sein Idol. Ein Vorbild, dessen Karriere er für seinen eigenen Werdegang vor Augen hatte.

Rund zehn Jahre später spielt der Schweizer Internationale in derselben Mannschaft wie der Superstar: bei Dynamo Kiew. Der Respekt vor seinem Idol ist nach wie vor gross, «aber das habe ich ihm so nie gesagt, schliesslich ist er jetzt mein Sturm-Konkurrent», sagte Mehmedi über den berühmten Teamkollegen.

Er hat es allen gezeigt

Zuletzt plagten Schewtschenko Rückenprobleme und deshalb spielte der 35 Jahre alte Routinier selbst in der ukrainischen Liga nicht mehr alle Partien. Auch die Teilnahme an der EM war unsicher. Die Zweifel, dass er nicht mehr fit genug ist, um auf diesem Niveau zu spielen, waren gross. Für diesen Fall hatte Trainer Oleg Blochin seinem Star auf jeden Fall schon eine Aufgabe als Teambotschafter in Aussicht gestellt. Jedenfalls wollte man den Rekordtorschützen (109 Länderspiele, 48 Tore) an der Heim-EM dabei haben.

Blochin hat viel riskiert mit der Nomination des 35-Jährigen in der Startelf. Und gewonnen. «Ich habe davon geträumt, dass Andrej zwei Tore macht», sagte der Nati-Coach nach dem 2:1-Sieg über die Schweden. «Das war ein grosser Sieg für die Ukraine». Und eine noch grössere Genugtuung für «Schewa» – auch wenn er das Lob an die ganze Mannschaft weitergibt. Dennoch konnte er nicht verbergen, wie aufgewühlt er nach dem heroischen Sieg war. Er hat es allen gezeigt.

Vater erhob nicht nur Stimme sondern auch Stock

«Es ist doch dumm zu denken, dass ich mit knapp 30 Jahren noch den gleichen Speed habe wie mit 20», sagte der Mittelstürmer einst im Interview in Mailand. «Aber ich kann ein Spiel lesen und habe jede Menge Erfahrung. Damit kann ich vieles wett machen, zudem tue ich alles, um so fit wie möglich zu sein. Das Wichtigste ist die Leidenschaft und die ist vom Alter unabhängig: Du musst jedes Spiel mit dem gleichen Spass in Angriff nehmen, wie Kinder beim Strassenfussball.»

Als Kind konnte sich der Ukrainer lange nicht für einen Ball entscheiden. Er spielte Eishockey, versuchte sich in Leichtathletik und im Boxen. Am Ende entschied er sich doch für Fussball. An der renommierten Kiewer Sportschule wurde er abgelehnt. Der Grund: Der schmächtige Junge war beim Dribbeln zu langsam. Besser lief es bei der Aufnahme für die Jugendakademie von Dynamo Kiew, wo die harte Hand von Waleri Lobanowski – einer Fussball-Koryphäe Europas und einer der gnadenlosesten Schleifer unter den Trainern – zu spüren bekam. Für Shewa war es die logische Fortsetzung der harten Erziehung, die er bereits unter seinem Vater erlebt hatte: Der Offizier in der Armee erhob oft nicht nur die Stimme, sondern auch den Stock.

Dem Sohn des Chefs die Freundin ausgespannt

Als 17-Jähriger debütierte der Stürmer in der Profimannschaft von Dynamo und machte in Europa bald von sich reden. 1999 wechselte er zur AC Milan, die 25 Millionen Dollar in die ukrainische Hauptstadt überweisen musste. In Mailand fand er nicht nur sportlich, sondern auch privat sein Glück. An einer Modenschau von Giorgio Armani – für den Schewa auch schon mal auf den Laufsteg stieg und zwei Boutiquen in Kiew eröffnete – lernte er seine spätere Frau Kristen Pazik, ein amerikanisches Model kennen.

Kristen Pazik ist nicht irgendwer: Die Tochter eines ehemaligen Baseball-Profis der New York Yankees war mit Piersilvio Berlusconi liiert, dem ältesten Sohn seines Chefs bei der AC Milan. Geheiratet wurde natürlich am 14.7.2004: «Shewa», sein Übername, bedeutet im Hebräischen sieben. 14 ist zweimal 7 (seine Trikotnummer) und der Juli ist der siebte Monat im Jahr. Mit Kristen hat Schewtschenko zwei Söhne. Berlusconi ist Taufpate von Jordan, dem älteren Filius.

Kein Glück bei den «Blues»

Auch sportlich lief es gut: Gleich in seiner ersten Saison bei den «Rossoneri» wurde er Torschützenkönig in Italien. Als Erinnerung an seine erste Saison in der Serie A liess er sich im Jahr 2000 einen Drachen auf die linke Schulter tätowieren. «Es war wie mein Geburtsjahr 1976, ein Jahr des Drachens, deshalb das Motiv. Ich will mich mein Leben lang an dieses erste fantastische Jahr in Italien erinnern.»

2003 gewann er die Champions League. Schewtschenko erzielte im Penaltyschiessen gegen Juventus Turin den entscheidenden Treffer. Wenige Tage später reiste er mit dem Pokal an das Grab von Lobanowski (†2002), dem er versprochen hatte, einmal in einem CL-Final ein wichtiges Tor zu schiessen.

2004 wurde er zum Fussballer Europas gewählt. 2006 wechselte er für 46 Millionen Euro zu Chelsea. Bei den «Blues» wurde der Mittelstürmer aber nie glücklich. In seiner ersten Premier-League-Saison erzielte der in 30 Partien lediglich vier Tore. In der Saison 2008/09 wurde er an die AC Milan ausgeliehen. Im August 2009 kehrte er in die Ukraine zurück und schloss sich seinem Stammverein Dynamo Kiew an.

Immer häufiger sucht er «Entspannung»

Böse Zungen behaupteten, dass Kiew der einzige Klub war, der den alternden Star noch wollte. «Ich hatte auch andere Möglichkeiten, aber ich wusste, dass ich meine Karriere da beenden will, wo sie begonnen hat», so Schewtschenko. «Hier spüre ich, dass ich gebraucht werde.»

Mit 35 Jahren hat der Superstar alles erreicht. Und er hat einen Status, mit dem er sich viel erlauben kann. Admir Mehmedi: «Er muss nicht mehr jeden Tag mit der Mannschaft trainieren und kann sagen, ob er sich für ein Spiel fit fühlt.» Und das tut er nicht immer. Immer häufiger sucht er «Entspannung» beim Golf, wo er 2011 bei den Landesmeisterschaften sogar Zweiter wurde.

Für die EM im eigenen Land ist er weiter der grosse Hoffnungsträger. Für die Vorbereitung hat er die Golfschläger für einmal zur Seite gepackt. «Ich will mit der Ukraine unbedingt Europameister werden. Das ist mein grösster Traum. Ich spüre, dass wir mit dieser Mannschaft noch viel erreichen können», sagte Schewtschenko nach dem überraschenden Auftaktsieg. Genau solche Sätze wollen die Ukrainer hören. Genau deshalb ist Schewa ihr Superstar – egal wie alt er ist.

Die ältesten EM-Torschützen:

Die ältesten EM-Torschützen:

1. Ivica Vastic (Ö), 38 Jahre, 257 Tage (12. Juni 2008, 1:1 gegen Polen)

2. Andrej Schewtschenko (Ukr), 35 Jahre, 256 Tage (11. Juni 2012, 2:1 gegen Schweden)

3. Jan Koller (Tsch), 35 Jahre, 77 Tage (15. Juni 2008, 2:3 gegen die Türkei)

4. Christian Panucci (Ita), 35 Jahre, 62 Tage (13. Juni 2008, 1:1 gegen Rumänien)

Der jüngste EM-Torschütze aller Zeiten ist ein Schweizer: Johan Vonlanthen traf an der EM 2004 in Portugal gegen Frankreich im Alter von 18 Jahren und 141 Tagen.

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